Autobahn in Erkner: Stück echte „Reichsautobahn“ – warum Hitler nicht der Erfinder ist

Autobahn in Brandenburg: Dieses Stück originale „Reichsautobahn“ wurde bei der Sanierung der A11 gerettet. Es ist in Erkner am Tag des offenen Denkmals zu besichtigen.
Thomas BergerKaum einer kennt sich mit der Autobahn so gut aus wie er: Andreas Müller war von 2004 bis 2021, als er in den Ruhestand ging, Leiter der Autobahnmeisterei Erkner – die zuständig ist für den Abschnitt des östlichen und südöstlichen Berliner Rings vom Dreieck Barnim bis zur Anschlussstelle Königs Wusterhausen. Zudem hat er wesentlich die bis heute von ihm betreute Autobahngeschichtliche Sammlung in Erkner initiiert, die teils einzigartige Einblicke in Aufbau, Entwicklung und Wartung dieses besonderen Straßen-Netzwerks ermöglicht.
Hartnäckig hält sich das Gerücht, es seien die Nazis gewesen, welche das System Autobahn „erfunden“ hätten. Ganz falsch, stellt Müller mit kurzem Verweis auf einige Zahlen und historische Fakten richtig. Wohl ließ Hitler nach seiner Machtübernahme das Netz aus militärstrategischen Überlegungen massiv ausbauen. „Doch das erste Teilstück deutschlandweit, die Avus, ging schon 1921 in Betrieb“ – da bestand die junge Weimarer Republik gerade mal drei Jahre. 1937 dann, als die Autobahnmeisterei Erkner zunächst behelfsmäßig in Betrieb ging, wurde an dieser Stelle schon der insgesamt 2000. Streckenkilometer gefeiert.
Historisches Segment „Reichsautobahn“ von 1936 in Erkner
Zu den ganz besonderen Exponaten in Erkner gehört ein kleines Segment „echte“ Reichsautobahn von 1936: „Das haben wir gerettet und hierhergebracht, als 2016 die alte A11 neu gebaut wurde“, berichtet der Hüter dieser und andere geschichts- und geschichtenträchtiger Relikte. Daneben gibt es zum Vergleich ein moderneres Stück, mit 30 Zentimeter Betonaufbau deutlich dicker und belastbarer als der historische Vorläufer.

Autobahngeschichtlichen Sammlung in Erkner: Andreas Müller, Initiator und Betreuer der Ausstellung mit einem Teil der Rüdersdorfer Mühlenfließbrücke
Thomas Berger2009 hatten Müller und seine Kollegen die damals noch weitaus bescheidenere Sammlung eingeweiht, die seither beträchtlich an Umfang zugelegt hat. Besonders imposant und ein Traum für Technikfans sind die fünf Fahrzeuge. Ältestes Stück darunter, als einziges nicht mehr fahrtüchtig, ist eine diesel-elektrische Raupenfräse (DER) von 1941. Auf dem Großglockner war sie anfangs im Einsatz und später in Norwegen im Dienst, wie Müller zu berichten weiß. Sie wieder zum Laufen zu bekommen, diesen Traum habe er begraben. Aber eindrucksvoll ist das Stück, samt Fahrwerk von einem Panzer stammend, allemal.
Ähnlich imposant ist die mächtige Ural-Schneefräse aus DDR-Zeiten, die zuletzt noch im Auftrag des Landes-Straßenbetriebs in Sachsen-Anhalt rollte, wie der seitliche Schriftzug verrät. Eine Straßenwalze haben die Sammler am östlichen Berliner Rand aus Lüdenscheid geschenkt bekommen. Und mit dem altehrwürdigen Opel Blitz von 1957 sei man bisweilen schon mit Kindergruppen über den Hof gefahren.

Am 8. September ist Tag des offenen Denkmals: Zu sehen sein wird auch diese nicht mehr fahrtüchtige diesel-elektrische Raupenfräse von 1941. Sie ist das älteste Exponat unter fünf Fahrzeugen der Autobahngeschichtlichen Sammlung. Ihr Fahrgestell stammt von einem Renault-Panzer.
Thomas BergerBären: Einer an jeder Zufahrt zum Autobahnring Berlin
Gerade wird in Berlin-Brandenburg wieder vielerorts an den Autobahnen gebaut. So wird der vor rund 30 Jahren erneuerte Berliner Ring (A10) schrittweise saniert. Bemerkenswerte Details aus der Geschichte würde in Vergessenheit geraten, gäbe es nicht die Sammlung in Erkner, die an wichtige Wegmarken erinnert. Wer weiß denn noch, dass es beim Bau des Rings an sämtlichen Zufahrten großdimensionierte Berliner Bären gab, die an den Brückenbogen angebracht waren? „Die sind alle verschieden“, zeigt Andreas Müller an den von einem Bildhauer geschaffenen Modelltafeln mit den Motiven. Mit Neubau und Verbreiterungen wurden auch die Brücken ersetzt und die Skulpturen separat aufgestellt.
Einladung „Tag des offenen Denkmals“
Zum Tag des offenen Denkmals am 8. September ist die sonst nicht regulär zugängliche Sammlung von 10 bis 15 Uhr für Besucher geöffnet. Führungen, bei denen Andreas Müller noch mehr zu den einzelnen Exponaten erklärt, gibt es um 10.15 Uhr, 12 Uhr und 13.15 Uhr. Auch ein Imbissangebot soll es geben.
Adresse: An der Autobahn 1, gleich neben der Anschlussstelle Erkner
Der 20,61 Meter hohe Siloturm mit 500 Kubikmeter Fassungsvermögen ist das Kernstück der Sammlung, die sich inzwischen mit großen Exponaten stark ins Freigelände ausgedehnte. „Früher wurde im Winter ja mit Sand und Splitt gestreut“, eingelagert war das Streugut unten im Turm und wurde mit dem Becherwerk, jeder der 90 Becher zweieinhalb Liter fassend, nach oben transportiert. Das Ganze ist noch funktionstüchtig, wie Müller beweist, indem er das Förderwerk per Knopfdruck in Gang setzt. Es wurden extra eine Heizung und eine Druckluftanlage eingebaut, damit das Material locker blieb.
Auf den Zwischenetagen der Silo-Treppe sind jede Menge museale Exponate zu bewundern. Zum Beispiel in Plakatgröße ein MOZ-Beitrag von 2002, in dem es um die Frösche ging – jene Skulpturen, die einst die Froschbrücke über die Alte Löcknitz zierten.
Fahrer aus Brandenburg holten Titel bei Weltmeisterschaft
Den Schneepflugfahrer-Meisterschaften ist ein weiterer Ausstellungsteil gewidmet. „Alle vier Jahre findet ja ein Winterdienst-Kongress statt. 2010 war der im kanadischen Quebec, da hat man begleitend die erste Weltmeisterschaft ausgerichtet“, erklärt Andreas Müller. So weit weg konnten die Brandenburger noch nicht dabei sein – auch nicht 2014, als die WM in Andorra stattfand. Dafür fuhr man aber 2018 ins polnische Gdansk (Danzig): „Da sind wir mit einem Vizemeistertitel heimgekommen“, so Müller. Im Jahr zuvor hatte schon im märkischen Stolpe die erste Deutsche Meisterschaft stattgefunden. Die WM 2026 ist in Frankreich und damit auch gut erreichbar.

Verschiedene Auftausalze sind beim Winterdienst auf den Autobahnen im Einsatz. Seitens der Autobahnmeisterei Erkner wurden frühere unterschiedliche Materialen ausprobiert. Autobahngeschichtliche Sammlung in Erkner, geöffnet zum Tag des offenen Denkmals.
Thomas BergerApropos Winterdienst: Gerade bei Schnee und Eis sind die Beschäftigen der Autobahnmeistereien immer besonders gefragt. Im „Dachboden“ des Siloturms geht es deshalb um Auftausalze. Einen Reinheitsgrad von 99 Prozent Natriumchlorid hat das zur Freihaltung der Trassen aktuell gebräuchliche Salz vom Typ Bernburg. Ein Konkurrenzprodukt aus Marokko erfüllt zwar die generellen Vorgaben für den Einsatz, ist aber bei Einlagerung nicht wie gefordert drei Jahre rieselfähig, ohne zu verklumpen.
Mühlenfließbrücke: Innovation mit besonderen Frostschäden
Eine besondere Eigenheit des östlichen Berliner Rings ist die Mühlenfließbrücke in Rüdersdorf. Nicht nur handelt es sich mit 742 Meter um das längste Brückenbauwerk an den Autobahnen landesweit. Die gegenwärtige Konstruktion stammt von 1994 und macht immer wieder wegen hoher Reparaturanfälligkeit Schlagzeilen. Sie soll ab 2025 durch einen Neubau ersetzt werden.
Von 1936 stammte die vor 30 Jahren abgerissene ursprüngliche Brücke: Sie war deutschlandweit eine der ersten mit Hauptträgern aus geschweißtem Stahl — damals eine ingenieurtechnische Innovation. Doch bald nach der Errichtung, in einer Winternacht 1938, „gab es einen extremen Temperaturabfall von null auf minus zwölf Grad“, dem das eigentlich robuste Material nicht völlig standhielt, erklärt Müller. Risse bildeten sich im Stahl, es kam zum sogenannten Sprödbruch. Eine der damaligen Schadstellen mit den zur Lösung draufgenieteten Platten fand nach dem Abriss 1994 ihren Weg in die Sammlung. Eine baugleiche Brücke überspannt heute noch die A11 bei Bernau. Sie ist noch in Gebrauch.


