Cannabis in Mittenwalde
: Dritter Club in Brandenburg startet Anbau und setzt auf Expansion

Zweite Phase der Legalisierung: Der Gründer eines Cannabis Clubs in Mittenwalde orientiert sich bei der Suchtprävention an der Wissenschaft statt am Gesetz. Was heißt das konkret?
Von
Maria Häußler
Mittenwalde
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Sascha Siebenäuger mit seinem Vater Peter Siebenäuger vor dem Anbau-Container in Gallun. Der Cannabis Social Club ist ein Vater-Sohn-Projekt.

Sascha Siebenäuger mit seinem Vater Peter Siebenäuger vor dem Anbau-Container in Gallun. Der Cannabis Social Club ist ein Vater-Sohn-Projekt.

Sascha Siebenäuger
  • Cannabis Social Club in Mittenwalde startet Anbau mit bis zu 300 Pflanzen im nächsten Monat.
  • Besitz, privater Anbau und Konsum von Hanf in Deutschland seit April 2024 legal.
  • Mitglieder dürfen bis zu 25 Gramm täglich und 50 Gramm monatlich erwerben.
  • Club beschränkt Mitgliedschaft auf Personen ab 25 Jahren und Abgabe auf 25 Gramm/Monat.
  • Ziel: Schwarzmarkt eindämmen, sauberes Gras anbieten und Gesellschaft unterstützen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Sascha Siebenäuger öffnet den Reißverschluss eines schwarzen Zeltes in seiner Küche. Der 38-Jährige holt eine junge Cannabispflanze heraus und steckt sie in einen Pappkarton. Siebenäuger hat schon im letzten Jahr einen Verein für den Anbau von Cannabis gegründet und erhielt Ende Oktober 2024 eine Anbaulizenz. Den Steckling nimmt er mit nach Gallun in Mittenwalde, für ein Foto vor den Schiffscontainern auf dem Grundstück seines 77-jährigen Vaters. Dort sollen schon im nächsten Monat bis zu 300 Pflanzen wachsen.

Das Cannabisgesetz trat im April 2024 in Kraft. Besitz, privater Anbau und Konsum von Hanf sind seitdem legal — in einem festgelegten Rahmen. Bis zu 25 Gramm dürfen Bürger mitführen und bis zu 50 Gramm zu Hause lagern. Seit dem 1. Juli sind auch Cannabis Social Clubs in Deutschland legal: Das sind Vereine, die gemeinsam für ihre Mitglieder anbauen. Die Abgabe von bis zu 25 Kilogramm im Monat ist einem Club mit 500 Mitgliedern erlaubt.

Die dpa berichtete bereits über einen Club in Oranienburg und in Cottbus soll es auch einen geben. Das Vater-Sohn-Projekt in Mittenwalde ist der dritte bekannte Cannabis Social Club (CSC) in Brandenburg, der eine Anbaugenehmigung erhalten hat. Die Schiffscontainer stehen bereits auf dem Grundstück, vorher dienten sie als günstige Lagerfläche. In den nächsten Wochen steht Ausräumen, die Isolierung der Container und das Einräumen des Equipments an.

Cannabis Club in Mittenwalde soll Teil einer Bewegung sein

Sascha Siebenäuger fühlt sich als Teil einer Bewegung. „Wie die Technoszene in Berlin oder die Computerclubs“, sagt er. „Wir haben jetzt die Chance, bei dieser Bewegung von Anfang an mit dabei zu sein und den Markt selber zu strukturieren“. Von einem „Markt“ kann aber eigentlich keine Rede sein, denn die Vereine dürfen nicht gewinnorientiert sein und auch Werbung ist nicht erlaubt. Siebenäuger ist Physiotherapeut, seine Frau und der zweite Vorstand arbeiten im öffentlichen Dienst. Er hofft auf mehr Akzeptanz in der Gesellschaft, wenn die Menschen sehen, dass sich „ganz normale Leute“ für die Legalisierung einsetzen.

Mitarbeiter darf der Club allerdings bezahlen und Siebenäuger freut sich schon aufs Gärtnern. In seiner Wohnung in Berlin-Tempelhof stehen riesige Zimmerpflanzen. Auf dem Sofa sitzt seine Frau und hält einen Säugling an die Brust. Weil er sich nun um sein Kind kümmern will, bleibt weniger Zeit für das Anbauprojekt. Trotzdem rechnet Siebenäuger schon Ende Dezember mit der ersten Abgabe: Stecklinge statt Samen, eine etwas frühere Ernte, Verzicht auf die Veredelung durch Fermentierung und Pflanzen mit Automatic-Genetik sollen es möglich machen. Autoflowering-Cannabispflanzen blühen unabhängig von der Beleuchtungszeit und sind in etwa 56 Tagen, statt in drei Monaten erntereif.

Zusätzlich zur Verkaufsmenge insgesamt gibt es weitere Regeln: Pro Person ist die Abgabe in den Clubs auf maximal 25 Gramm täglich und 50 Gramm monatlich beschränkt. Für Mitglieder zwischen 18 und 21 Jahren ist die Abgabemenge wiederum auf nur 30 Gramm im Monat festgelegt und auf einen THC-Gehalt bis 10 Prozent.

Der Vorsitzender des Cannabis Club in Mittenwalde in seiner Berliner Wohnung.

Der Vorsitzende des Cannabis Club in Mittenwalde in seiner Berliner Wohnung. Sascha Siebenäuger gärtnert gerne.

Maria Häußler

Sascha Siebenäuger will über die gesetzlichen Rahmenbedingungen hinaus gehen, wie er erklärt, auch das versteht er unter einer „Strukturierung“. „Wir orientieren uns an der Wissenschaft statt am Gesetz“, sagt er. Deshalb ist die Mitgliedschaft bei seinem Verein Sieben25 erst ab 25 Jahren möglich und die monatliche Abgabemenge auf 25 Gramm beschränkt. „Fünfzig Gramm, das wären 175 Joints im Monat“, sagt er und weitet die Augen. Seiner Ansicht nach ist das zu viel.

Siebenäuger beruft sich auf Empfehlungen des Tannenhof Zentrums, eine Einrichtung für Suchttherapie. Er sagt, er möchte der Gesellschaft mit seinem Verein etwas Gutes tun: Sauberes Gras, den Schwarzmarkt eindämmen und den Kontakt zu Beratungsstellen bei einer Suchtgefährdung herstellen. Die Frage, ob er junge Erwachsene durch den Ausschluss zum Schwarzmarkt treibt und damit seiner eigenen Argumentation widerspricht, kann er nicht wirklich beantworten: In diesem Alter stehe das Abitur an und er sehe sich in der Verantwortung, den Empfehlungen der Wissenschaft zu folgen, so Siebenäuger.

Cannabis Clubs als „Green Valley“ in Mittenwalde

Das Gute an den Schiffscontainern sei auch, dass der Club organisch wachsen könne, also immer mehr Anbaufläche hinzukommen kann. Siebenäuger träumt von einem „Green Valley“ am Rande von Berlin: Er will in Zukunft weitere Vereine auf das Grundstück holen, die dann „das Rad nicht neu erfinden müssten“, sondern bei der Ausarbeitung von Konzepten einfach seinem Beispiel folgen. Siebenäuger hofft, dass durch die Container eine klare Abgrenzung möglich ist.

Das Gesetz sieht vor, dass keine riesigen Anbauhallen entstehen sollen. Ein Cannabisclub darf höchstens 500 Mitglieder haben, die mindestens drei Monate lang Mitglied sein müssen. In Zukunft könnte das Cannabisgesetz eher noch verschärft oder sogar ganz abgeschafft werden: Friedrich Merz, Bundesvorsitzender und Kanzlerkandidat der CDU, hat angekündigt, die Cannabis-Freigabe im Fall einer Regierungsübernahme rückgängig zu machen. Durch den Bruch in der Koalition könnte das früher passieren als gedacht.

„Die Planungssicherheit für Cannabis Clubs reicht bislang nur bis zur nächsten Bundestagswahl“, sagt Siebenäuger. Beim Erstellen von Konzepten für Gesundheit, Jugendschutz, Sicherheit, Transport und Qualität sei unklar gewesen, wie diese überhaupt aussehen müssen. „Das hat zu mehreren Projektkrisen geführt“, sagt Siebenäuger.

Außerdem hat sich die Genehmigung verzögert: Schon Anfang Juli waren Cannabis Social Clubs in Deutschland erlaubt, die Zuständigkeit bei den Ämtern musste aber zuerst geklärt werden. Das findet der Vereinsvorsitzende nicht schlimm. „Das ist schleppend angelaufen, aber nun mal für alle Seiten neu“, sagt Siebenäuger.

Jeder Club braucht einen Sucht- und Präventionsbeauftragten, der Schulungen absolvieren muss, und ein Jugendschutzkonzept. In Brandenburg dürfe der Präventionsbeauftragte nicht im Vorstand sein, deshalb muss ein weiterer Mitarbeiter bei Sieben25 Schulungen besuchen. Den Beleg kann der Club aber nachreichen. Die Vereine sind nur eine Abgabestelle. Der Konsum ist innerhalb des CSC und bis zu einem Radius von 200 Metern verboten.

Siebenäuger glaubt, dass ein Jugendschutz besser gewährleistet wäre, wenn auch innerhalb der Clubs geraucht werden könnte: „Ein paar hundert Meter weiter sehen es vielleicht Kinder“, sagt er. Ein beratendes Gespräch kann seiner Meinung nach aber auch bei der Abgabe oder gemeinsamen Unternehmungen des Vereins stattfinden.