"Tag, Holger", grüßt Wolfgang Fleischer einen Bekannten, der sich gerade auf den Weg in die Kantine macht. Am Mittag herrscht reges Treiben auf dem Parkplatz nahe der Erkneraner Chemiefirma Prefere Resins. "Viele, die einmal im Werk gearbeitet haben, gehen noch hier essen", erklärt Wolfgang Fleischer.
Er arbeitete von den 1970 bis 1991 beim Prefere-Resins-Vorgänger VEB Plasta und war dort unter anderem als Abteilungsleiter tätig. Der Erkneraner ist heute im Ruhestand. Die Zeit, die ihm als Rentner zur Verfügung steht, hat der 1945 geborene Chemie-Ingenieur auch dazu genutzt, seine technischen Memoiren über seine Zeit bei der Plasta Erkner zu verfassen. Technische Prozesse und Entwicklungen längst vergangener Jahrzehnte beschreibt er beispielsweise darin. Leser bekommen auch eine Vorstellung davon, wie einzelne Anlagen der chemischen Produktion damals aussahen.
"Die anderen Kollegen leben zum Teil nicht mehr oder sind weggezogen, das Gebäude, in dem ich arbeitete, wurde abgerissen", erklärt Wolfgang Fleischer zu seiner Motivation, sich nach Jahrzehnten noch einmal mit seinem Berufsleben zu beschäftigen. Der Ingenieur hört sich gerne Vorträge der Erkneraner Chemiefreunde an. Mit seinem Dokument hat er nun selbst seinen Beitrag zur Erinnerung an Erkners Industriegeschichte geleistet. Es ist ab sofort im historischen Stadtarchiv im Gerhart-Hauptmann-Museum Erkner einzusehen.
Plasta stellte faserverstärkte Formmassen und – wie heute Prefere Resins heute – technische Phenolharze her. Letzere fand in  Karosserie-Teilen des Trabant Verwendung. Am Plasta-Standort Erkner waren einst bis zu 500 Mitarbeiter beschäftigt. Wolfgang Fleischer war einer von ihnen. Die Polyesterformmasse, an denen er mitarbeitete, wurden beispielsweise im Gehäuse des Rasenmähers "Trolli" verbaut. Etwa 100 Tonnen monatlich stellte der Chemie-Ingenieur mit seinen Kollegen und Kolleginnen im Schnitt her. Einige Kapitel von Erkners Industrie-Geschichte  hat er so miterlebt.
Einen kleinen Einblick gab er bei einem Gespräch in der MOZ-Redaktion, an dem auch Ortschronist Frank Retzlaff teilnahm. So hatte Wolfgang Fleischer mit seinen Kollegen ein Verfahren zur Rückgewinnung von Polyesterharzen entwickelt und darauf 1984 ein Patent angemeldet.
Innovation nicht umgesetzt
"Wir wollten die Abfälle, die in der Regel in die Mülldeponie nach Schöneiche bei Zossen gefahren wurden, recyclen", erzählte Wolfgang Fleischer. "Aber unser Verfahren wurde leider nie zugelassen." Auf dem ersten Blick wirkt das unverständlich, in der Logik der DDR-Volkswirtschaft waren solche Innovationshemmnisse aber wohl nicht selten. "Die Produktionserfolge wurden ja am Wert der hergestellten Waren gemessen", erläuterte Frank Retzlaff, "man wollte also vermutlich mit dem preislich günstigeren Recycling-Material nicht die Produktionszahlen senken", meint Erkners Ortschronist.
Info: Historisches Stadtarchiv Erkner - Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr. Gerne vor dem Besuch anrufen. Telefon: 03362 2984970

Chemiefreunde laden zum Baekelandtag

Das Programm des Erkneraner Baekelandtages am Freitag, den 28. Februar, steht in diesem Jahr unter dem Motto "111 Jahre Kunststoffe aus Erkner … und kein Ende"

- 12.30 Uhr Straßenwidmung der "Dr.-Hans-Lebach-Straße" (ehem. Berliner Str., Querstraße an der Tankstelle)

- 13 Uhr Schaupressen im Technikum  auf einer historischen Fußhebelpresse der Prefere Resins Germany GmbH, Dr.-Hans-Lebach-Str. 6 (bisher Berliner Str. 9-10)

- 14.30 Uhr Begrüßung durch Hans-Peter Welzel, Chemiefreunde, Bürgersaal des Rathauses Erkner

- 15 Uhr "Über die Kunst im "Kunststoff", Vortag von Dietmar W. Auhl, Technische Universität Berlin

- 16 Uhr Wer war Dr. Hans Lebach? Auf den Spuren eines fast vergessenen Kunststoff-Erfinders, Frank Retzlaff, Historisches Stadtarchiv Erkner

- 17.30 Uhr Geselliges Beisammensein