Fußball
: Drohendes Aus für künstliches Grün?

In Erkner und Schöneiche werden die Plätze gerade saniert.
Von
Kai Beißer
Erkner
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Da fliegt das Granulat: der Woltersdorfer Philipp Lunau auf dem Kunstrasenplatz an den Fuchsbergen

Andreas Hoffmann

Die Säcke stehen schon bereit

In Schöneiche zum Beispiel wird der Platz auf dem Gelände an der Babickstraße gerade erneuert. Die Säcke mit dem Corpus Delicti stehen bereits parat, in den nächsten Tagen soll das Granulat aufgebracht werden. Als die Nachricht von den EU-Plänen eintraf, hat die Gemeinde den Kontakt mit der ausführenden Firma gesucht, heißt es aus dem Rathaus. Resultat: Es wird weitergebaut. Die Hoffnung ist, dass die sowohl vom Innenminister als auch vom Deutschen Fußballbund angeregte und angestrebte Übergangsfrist der üblichen Nutzungsdauer für einen solchen Kunstrasenplatz entspricht.

Der auch für den Sport zuständige Bundesminister Horst Seehofer spricht von sechs Jahren. Es erschließe sich ihm nicht, warum „der Schaden eines Verbleibs“ der bestehenden Plätze „höher sein sollte als der Gewinn, der durch die weitere Nutzung entsteht“ – und meint damit die große soziale Bedeutung des Fußballs nicht zuletzt bei der Nachwuchsbeschäftigung und -förderung.

Nach DFB-Angaben gibt es deutschlandweit mehr als 6000 kommunale und Vereins-eigene meist ganzjährig genutzte Kunstrasenplätze. Die Sanierungskosten könnten je nach Umrüstmethode bis zu einer halbe Million Euro betragen. In Erkner sind450 000 für die dringend notwendige Erneuerung veranschlagt. Wie in Schöneiche sind die Arbeiten im vollen Gange. Verarbeitet wird ein Kunstrasen des Herstellers Polytan im bayrischen Burgheim. Bürgermeister Henryk Pilz, der jahrelang Mitglied des FV Erkner war und noch gelegentlich in der Traditionsmannschaft des Vereins kickt, spricht von einer etwas anderen Struktur des Rasens als bisher und einem Granulat mit weniger Abrieb. „Aber grundsätzlich ist dies zur Zeit alternativlos. Andere Varianten als Füllmaterial funktionieren nicht. Kork zum Beispiel wird ganz schnell klein und breit getreten, kommt andererseits bei Feuchtigkeit an die Oberfläche.“

Rund 330 000 Tonnen Mikroplastik sollen in Deutschland pro Jahr in die Umwelt gelangen. Sport- und Spielplätze stehen dabei wegen des verwendeten Gummigranulats auf Platz fünf der Liste der Verursacher. Die zumeist schwarzen kleinen Plastikkörner können an Kleidung und Schuhen haften oder vom Wind weggeblasen werden, wodurch stetig Teile des Granulats in die Umwelt gelangen, heißt es in der Begründung zum EU-Verbot.

Die Firma Polytan indes zitiert auf ihrer Internetseite die PR-Chefin des Fraunhofer Instituts, dass eine Studie, derzufolge bis zu 11 000 Tonnen Mikroplastik von den Plätzen freigesetzt werden, nur auf Schätzungen und nicht auf empirischen Untersuchungen beruhe. Polytan geht von einem Zehntel der publizierten Menge aus. „Die Studie sorgt für Verunsicherung bei Verbänden, Städten, Gemeinden und Vereinen.“ Eine Zusage, die Zahlen zu korrigieren, habe Fraunhofer zurückgezogen.

Unabhängig davon schwebt über allem das drohende EU-Verbot. Sebastian Probst, Fußball-Abteilungsleiter bei der BSG Pneumant Fürstenwalde, hat „die Nachricht zur Kenntnis genommen. Wir haben uns im Verein aber noch nicht darüber unterhalten“. Betroffen wäre der 2012 gebaute Kunstrasenplatz im Sportforum in Süd aber auf jeden Fall. „Und damit insgesamt 14 Mannschaften von Pneumant und Borussia Fürstenwalde, die hier trainieren und am Wochenende ihre Heimspiele austragen. Mal schauen, was da noch kommt.“

Tino Völzmann, Vereins-Chef des VfB Steinhöfel, wird deutlicher: „Da fehlen mir die Worte. Ich weiß nicht, wo das noch enden soll, womöglich im Tod von Vereinen.“ Auf dem 2009 gebauten Kunstrasenplatz trainieren und spielen derzeit vier Mannschaften, aber auch andere Teams mieten sich dort für Testspiele ein. Über die Zukunft will Völzmann nicht spekulieren. „Aber zumindest soll es ja die Übergangsfrist geben.“

Beeskower Hybrid bewährt sich

Andere Bundesländer haben bereits auf das drohende Verbot reagiert. So wurde in Baden-Württemberg die finanzielle Förderung neuer Kunstrasenplätze mit Gummigranulat eingestellt. In Rheinland-Pfalz werden solche nicht mehr bewilligt.

Eine wirkliche Alternative ist sogenannter Hybridrasen, bei dem wie in Beeskow ein Naturrasen durch künstliche Fasern verstärkt wird. Vor gut viereinhalb Jahren war der Platz im Sport- und Freizeitzentrum der Kreisstadt eingeweiht worden. „Wir haben uns damals bewusst gegen Granulat und für Hybrid entschieden und sind damit bisher sehr gut gefahren“, sagt Karsten Krüger, Vereins-Vorsitzender von Preußen Beeskow, der dennoch Unverständnis für die angedrohte EU-Regelung zeigt.

Rund 3500 Kunstrasenplätze in Deutschland sind mit Gummigranulat verfüllt. Würden sie wie vom Fraunhofer Institut angegeben bis zu 11 000 Tonnen Mikroplastik freigeben, müssten jedes Jahr pro Platz mehr als drei Tonnen nachgefüllt werden. Platzeigentümer indes reden von wenigen Zentnern. Die Firma Polytan Burgheim bestätigt diese Zahlen, die nachbestellten Mengen entsprächen diesen Angaben.