Gemeinschaft: In Neu Zittau kommen Nachbarn an der „Bushaltestelle“ zusammen

Muntere Runde: An der "Bushaltestelle" treffen sich Götz (v.r.), Désirée, Melly, Andreas, Britta, René, Thomas und Günther Sierakowski. Letzterer, Ortsvorsteher von Neu Zittau, kommt wie alle anderen, um sich auszutauschen.
Kerstin EwaldGegen 19 Uhr tröpfeln die ersten Nachbarn der Domdeystrasse ein, mit warmen Jacken und Regenschirmen. Rund 20 Minuten später ist der Tisch mit zwei Gartenbänken gut belegt. Die letzten sind Britta und René. Sie kommen nicht aus der Domdeystraße, sondern von ein paar Straßenecken weiter weg anspaziert zum Treffpunkt „Bushaltestelle“. 2017 haben ihn Anwohner in Eigeninitiative eingerichtet. Seitdem treffen sich hier regelmäßig Nachbarn zum reden, klönen und philosophieren. Manchmal kommen Kinder und Enkel mit und spielen dann auf der ruhigen Straße.
Erst war da nur ein Mäuerchen
Die letzten Ankommenden nehmen auf einer Steingabione Platz. Mit diesem kieselgefüllten Drahtgeflecht in Quaderform hat es angefangen wie man sich in der Runde gemeinsam erinnert. Ein Mann mit langen Locken und runden Brillengläsern stellt sich als Götz vor. Überhaupt wollen alle in der informelle Runde nur mit Vornamen genannt werden. Götz, der im Haus gegenüber der Bushaltestelle wohnt, saß öfter mit einzelnen Nachbarn auf diesem Steinblock, der das Grundstück gegenüber von der Straße abgrenzt. Man unterhielt sich, beobachtete das Geschehen und flachste manchmal: „Wir sitzen hier wie an der Bushaltestelle.“ Und so kam eins zum anderen: Erst eine Bank, dann der Tisch und noch eine weitere Bank. Originelles Accessoire an der Sitzgruppe: ein selbst gebautes Bushaltestellen-Schild mit laminiertem Fahrplan von anno dazumal – „gültig ab Januar 1940“, geschrieben in altdeutscher Fraktur ist auf dem Blatt zu erkennen. Die Rarität hatte Götz bei Renovierungsarbeiten unter seinen Fußbodendielen gefunden. Und so nennen die Bewohner der Domdeystraße ihren Open-Air-Stammtisch „Bushaltestelle“. Dabei fährt in der Straße ja gar kein öffentlicher Bus.
Und woher weiß man eigentlich, wann an der Bushaltestelle etwas los ist? „Wir haben einen Bushaltestellen-Chat“, erklärt Götz und trinkt vom mitgebrachten Bier. Jeder, der Interesse anmeldet, kann in den Chat aufgenommen werden, jeder kann zum Treffen einladen.
Neue mit Sekt empfangen
Als Beispiel einer gelungen Integration dürfen Melly und Désirée herhalten, die beiden Frauen, die erst 2018 aus Berlin in die Domdeystraße zogen – und zwar genau ins Eigenheim an der Bushaltestelle. „Der Vorbesitzer hatte uns, bevor er an uns verkaufte, gebeten, das hier weiterzuführen“, sagt Melly und schaut in die Runde. Anlässlich des Einzugs der Frauen gaben die Nachbarn einen Sektempfang. Da kannte man sich noch kaum, das hat sich inzwischen durch unzählige Zusammentreffen, mehrere Grillabende und das Grünkohlessen in der Adventszeit geändert. Alles findet unter freiem Himmel statt. Ab und zu bringt jemand einen offenen Party-Pavillion mit.
Dass man gegenseitig mit anpackt, wenn jemand Hilfe braucht, ist bei den Nachbarn von der Bushaltestelle selbstverständlich. „Manchmal muss nur der Oleander raus oder rein getragen werden, wir haben aber auch schon zusammen Marder vertrieben“, erzählt Andreas, der schon als Kind Radfahren auf der Domdeystraße gelernt hatte. „Wir haben hier Glück mit unseren Nachbarn“, findet Melly und erhält Zustimmung von Freundin Désirée.
