Sie hatte gerade die berühmt gewordenen Worte von Günter Schabowski gehört, nach denen DDR-Bürger künftig in den Westen reisen könnten und wollte in dieser historischen Nacht dabei sein. Eine Nachbarin würde nach den Kindern sehen. Joachim Tilsch startete etwas widerwillig den Trabant, und das Paar machte sich auf zum Ort des Geschehens.
Über den Grenzübergang Checkpoint Charlie gelangten die beiden Schöneicher nach Westberlin, auf den Ku’damm. Es war alles voller Menschen, wie sich Joachim Tilsch 30 Jahre später erinnert. Sekt floss in Strömen. Aber er sah in dieser kalten Nacht auch einen Obdachlosen in einer Bushaltestelle am Lützowplatz schlafen.
Wie so viele musste sich Joachim Tilsch, der nach Studium und kurzer Anstellung gerade als freischaffender Maler zu arbeiten begonnen hatte, mit der Wende neu orientieren. Der Kunst blieb er treu, ergänzte seine Arbeit über die Jahre aber unter anderem um die Produktion von Imagebroschüren und Wandkalendern. Gerade ist unter dem Titel "Fruchtbares Berlin-Brandenburg" der 28. erschienen.
Über den Neubeginn sagt der Maler, er habe damit seine Unabhängigkeit erworben. Dabei blickt er nicht im Zorn auf die DDR zurück, erinnert sich aber auch noch gut an den Stillstand der 80er-Jahre. Weil es ihm interessant erschien, sei er auch hin und wieder in der Zions- und der Gethsemanekirche in Berlin dabei gewesen, wo sich Widerstand gegen das System zu formieren begann. Da sei es damals aber um eine andere DDR gegangen.
Gut 20 Jahre später, von einer anderen DDR als Option war längst keine Rede mehr, hat sich der Schöneicher künstlerisch mit Wende und Mauerfall auseinandergesetzt. Entstanden ist das Acrylbild "Die Ostmadonna", das er in diesem Jahr überarbeitet hat und das im November im französischen Pierrefitte sur Seine, das noch näher am Pariser Zentrum liegt als Schöneiche am Berliner, gezeigt wird. Joachim Tilsch stellt zum zweiten Mal in der Rüdersdorfer Partnerstadt aus.
Selbstbewusst und fragend
Seine Madonna ist eine junge Frau, die im Sommerkleid vor der Berliner Mauer sitzt. "Das ist kein geknechtetes Diktaturopfer", ist Joachim Tilsch wichtig zu sagen und zu zeigen. Selbstbewusst und zugleich fragend blickt die junge Frau. "Sie ist aber auch schutzlos und hat weder Absicht noch Kraft, die Mauer zum Einsturz zu bringen", sagt der Maler. Ein Uniformierter hält im Hintergrund einen anderen zurück, sie festzunehmen. Oben auf der Mauer thront Helmut Kohl, dem der Mauerfall vermutlich die Fortsetzung seiner Kanzlerschaft bescherte.
Sein Berater Horst Teltschik bringt gleich Konzepte mit und greift in Richtung Osten. Ein Hund steht da. "Wie die Kläffer, die andere kleinhalten wollen", sagt Joachim Tilsch dazu. Erich Honecker hat da oben auch seinen Platz. Die einen Regierenden seien wie die anderen nicht auf einer Ebene mit den Leuten, findet der Maler, das sei heute manchmal gar nicht soviel anders.
In Frankreich bleibt die "Ostmadonna" bis Weihnachten. Sollte das Bild nicht verkauft werden, kehrt es zurück an den Ort seines Entstehens. Im November beginnt eine Ausstellung mit Werken von Joachim Tilsch im Schöneicher Restaurant "Tannenhof".