„Ich brauche Spinner und Weber“, habe König Friedrich II gesagt, bevor er Anfang der 1750er-Jahre durch seine Beamten das Dorf Neu Zittau anlegen ließ, erklärt Marlies Zibolsky, die Vorsitzende des Neu Zittauer Heimatvereins, ihren jungen Gästen. Die Schülerinnen und Schüler der Klasse 4a der Neu Zittauer Grundschule „An der Spree“ hören ihr sichtlich interessiert zu an diesem spätsommerlichen Morgen. Ein Bild des Preußenkönigs hängt in der Nähe des Eingangsbereichs des Heimatmuseums. Er mochte Windhunde, deshalb ist eines seiner Tiere mit ihm abgebildet.

Spinner bekommen umsonst ein Feld

Die Spinnerfamilien sollten im Wesentlichen aus dem sächsischen Zittau kommen. Deswegen erhielt das neu gegründete Dorf den Namen Neu Zittau. Es ließen sich aber nicht so viele Siedler aus Sachsen anlocken wie geplant. „Darum wurden Spinner und Weber aus der Pfalz angeworben“, erzählt Marlies Zibolsky: „Sie bekamen umsonst ein Feld und konnten Tiere halten“. „Wer sind die Leute auf dem Foto“, fragt Schülerin Lana und zeigt auf das Bild eines Sängers. „Die Leute hatten ja früher keinen Fernseher“, erklärt Marlies Zibolsky, „und so haben sie sich in vielen Vereinen getroffen.“ Es gab zum Beispiel einen Chor, eine Radlergruppe, Mandolinen- und Rauchverein.

Vom Spinner- zum Fischerdorf

Die Kinder betreten den zweiten Raum im Erdgeschoss. „Hier haben wir Werkzeuge und werden bald noch mehr Wäsche ausstellen“, sagt Marlies Zibolsky. Das Heimathaus ist eines der ältesten Gebäude Neu Zittaus, berichtet sie. Der Ort sei 1752/53 entstanden. Und das Gebäude, früher ein Wohnhaus, werde wohl etwa 1755 erbaut worden sein. Früher sei es ein Doppelhaus gewesen, aber eine Hälfte steht nicht mehr. Marlies Zibolsky kennt sich bestens aus in der Geschichte ihres Heimatortes. „Ich bin hier groß geworden und ich mag den Zusammenhalt unter den Frauen, die sich hier ehrenamtlich um alles kümmern“, erklärt die 66-Jährige, warum sie sich seit fast 20 Jahren ehrenamtlich engagiert.
Doch zurück zu den ersten Siedlern. Die stellten bald fest: Die Spinnerei war nicht auskömmlich fürs Leben und auch die Landwirtschaft warf zu wenig ab. „So wurden wir dann ein Schifferdorf“, erklärt Marlies Zibolsky.

Rohstofftransporte nach Berlin

„Es gab damals viele Kapitäne hier und es gab eine Schifferschule, auf die die Kinder im Winter gingen. Im Sommer sind sie mit ihren Eltern auf den Schiffen gefahren“, erzählt die Heimatvereinsvorsitzende. Die Spree war damals breiter und tiefer. Die Schifffahrt brachte Neu Zittauern den ersten kleinen Wohlstand. Sie transportierten mit ihren langen Lastkähnen Kohle und Rüdersdorfer Kalkstein nach Berlin.
Die Kinder sind im Versammlungsraum im Dachgeschoss angekommen. „Liegt hier im Wasser das Netz, mit dem sie die Fische eingefangen haben?“, fragt Jason und zeigt auf ein Foto. „Die Fischerfamilie Gärich wohnte dort, wo heute der Paddelboot-Verleih an der Spreebrücke am Ortseingang ist“, erklärt Marlies Zibolsky dazu.

Kinder arbeiteten mit

„Wie haben denn die Kinder dann Lesen und Schreiben gelernt“, fragt ein Mädchen und spielt auf den unregelmäßigen Schulbesuch der Kinder an. „Sie haben von den Eltern gelernt oder manchmal auch vom Pfarrer des Ortes“, antwortet Marlies Zibolsky. Die allgemeine Schulpflicht wurde in Preußen spät eingeführt. Statt regelmäßig zur Schule zu gehen, mussten die Kinder im 18. Jahrhundert nicht nur in Neu Zittau in den elterlichen Gewerken oder im Haus mit anpacken. „Stundenlang Butter schlagen gehörte für viele Kinder zum Alltag“, weiß die Vereinsvorsitzende.
Das brauchen die Kinder der 4a nicht. Sie kehren nach der kleinen Reise in die Ortsgeschichte mit Klassenlehrerin Janette Lohde ins Schulhaus in der Berliner Straße zurück.