Wohin der Hund gehört, wie er sich mit seinem Brustgurt an einem Holzpflock auf den Spreewiesen bei Erkner verkeilen konnten – all das wird sich wohl nicht klären lassen. Sicher aber ist, dank des beherzten, durchaus mutigen Eingreifens von Martin Lindner ist der Vierbeiner am Leben. Der Ex-Jäger erzählt, welch aufregende Wendung sein morgendlicher Spaziergang vor wenigen Tagen genommen hat. „Mich hat das Ereignis tief bewegt“, schreibt der 90-Jährige in einem Brief an die MOZ. „Was sich zugetragen hat, sollte Hundebesitzern eine Mahnung sein. Deshalb will ich es weitergeben.“ Und so ließ er für die MOZ vor Ort das Geschehen noch einmal aufleben.
Es ist der 17. Dezember, morgens, gegen 8 Uhr. Martin Lindner zieht es wie so oft auf die Schwemmsandfläche an der Spree im Ortsteil Neuseeland, um das Wild zu beobachten. Dorthin, wo er über Jahrzehnte unzählige Stunden auf seinem Hochsitz verbracht hat – als Ortsjäger von Erkner. Vor drei Jahren hat der betagte Mann seine Waffen und Papiere abgegeben. Das Interesse an der Natur aber ist ungebrochen. Nur lebt der einstige Waidmann es inzwischen anders aus.

Für den Fuchs gibt es warmes Katzenfutter

Lindner erzählt, dass er sich hier mit einem Fuchs angefreundet habe, für den er auch stets etwas Futter dabei hat. An besagtem Morgen ist es bitterkalt. Im Morgengrauen habe die wild bewachsene Schwemm-
sandfläche nahe der Buchhorster- und der Wiesenstraße, von einer zarten Schneedecke bedeckt, unberührt vor ihm gelegen. „Die Natur wirkte wie erstarrt“, erinnert sich Lindner. Und trotzdem sei der Fuchs gekommen und habe das angewärmte Katzenfutter dankbar angenommen.
Hier lauern Gefahren: Ein frei laufender Hund war in Erkner offenbar alleine im Wäldchen auf der Schwemmsandfläche in Neuseeland unterwegs und hat sich im Unterholz verfangen.
Hier lauern Gefahren: Ein frei laufender Hund war in Erkner offenbar alleine im Wäldchen auf der Schwemmsandfläche in Neuseeland unterwegs und hat sich im Unterholz verfangen.
© Foto: Anke Beißer

Martin Linder vermutet verletztes Wild im Gebüsch

Auf einmal habe er den „lauten Standlaut“ eines größeren Hundes vernommen. Diese Art des Bellens, die nicht aufhören will, sagt dem Jäger, dass Eile geboten ist. Denn in der Form zeigt der Jagdgefährte des Menschen an, wenn er ein verletztes Wild gestellt hat. Die Füße zwar lediglich mit Halbschuhen bekleidet, halten auch die minus 10 Grad den Erkneraner nicht ab, sich durch das Dickicht zu schlagen. Es scheint ja ein Notfall zu sein. Weil der Hund kurzzeitig verstummt, irrt der hochbetagte Ex-Jäger durchs Gestrüpp.
Und wegen der Unübersichtlichkeit des Terrains an dem Tier vorbei. Dann gibt der Hund erneut Laut, jedoch in noch bedrohlicherem Ton. Lindner entdeckt ihn und auch, dass sich die Situation ganz anders darstellt als vermutet. Denn es gilt nicht, verletztem Wild zu helfen. Der Vierbeiner selbst ist in einer äußerst misslichen Lage.
Er hat sich im Strauchwerk verfangen und kommt aus eigener Kraft nicht frei. Mensch und Hund stehen sich unsicher gegenüber, denn keiner ahnt, wie der andere agiert oder reagiert. Ein trockener, gespaltener Holzpflock hat sich im Brustgeschirr verkeilt. Der Hund hatte offenbar versucht, ihn zu kappen – vergeblich. Es ist gut möglich, dass er schon die ganze Nacht in der Gefangenschaft ausharren musste.
Wurde einem Hund fast zum Verhängnis: Martin Lindner hat den gespaltenen Pflock, an dem sich der Hund mit seinem Brustgurt verfangen hatte, aus dem Unterholz geschnitten.
Wurde einem Hund fast zum Verhängnis: Martin Lindner hat den gespaltenen Pflock, an dem sich der Hund mit seinem Brustgurt verfangen hatte, aus dem Unterholz geschnitten.
© Foto: Anke Beißer

Selbst für den Hundekenner eine gefährliche Situation

Lindner, der zeitlebens mit Hunden Umgang gepflegt hat, schätzt die Situation für sich als gefährlich ein. Er entscheidet sich trotzdem dagegen, per Telefon Hilfe zu rufen, um die Qualen des Tieres nicht zu verlängern. Die Jacke soll als Schutzschild herhalten, falls es zu einem Angstangriff des Hundes kommt. „Das Gebiss wirkt wenig einladend für eine nähere Bekanntschaft“, schätzt der Erkneraner die Lage ein. Er schießt schnell ein Foto – „als Dokument für alle Fälle“.

Der Erkneraner wagt die Befreiungsaktion

Mit guten Worten und sanfter Stimme auf das Tier einredend, nähert sich Lindner für die Befreiungsaktion. Er kann den Gurt lösen, das Geschirr vom Pflock befreien und den Vierbeiner so vor Schlimmerem bewahren. Der steht zunächst steif vor Schock, erkennt dann aber die Erlösung und trollt sich davon. Martin Lindner geht davon aus, dass er nach Hause gelaufen ist, wo er sicher schon sehnsüchtig erwartet wurde.

Lindner: Hunde an der Leine zu führen, hat seinen guten Grund

„Alles ist noch einmal gut gegangen und sollte eine Mahnung sein.“ Es habe seinen guten Grund, Hunde im Wald an der Leine zu führen. Nicht nur das Wild sei andernfalls in Gefahr, auch der Hund selbst, wie das Erlebte zeigt. „Ich bin heute 90 Jahre alt und habe es aufgegeben, die Unbelehrbaren belehrend anzusprechen. Aber, wie gesagt, das Ereignis hat mich tief bewegt und deshalb wollte ich es teilen.“