„Intoleranz gibt es heute viel zu viel“, sagt Ingo Mohr, der aus Ahrensfelde nach Erkner gekommen war, um bei der Tour de Tolerance am Sonnabend mitzufahren. Seit zehn Jahren hat er kaum eine dieser Radrundfahrten mit Kundgebungscharakter verpasst. „Wir sind ursprünglich vor allem mit dem Schwerpunkt ‚Antirassismus’ gestartet, sagte der 63-jährige Radler aus Ahrensfelde, „heute zeigt sich, dass Toleranz in ganz unterschiedlichen Feldern nötig ist.“ So sei es schwieriger geworden sich über umstrittene Themen wie Corona oder den Jugoslawienkrieg von verschiedenen Standpunkten aus auseinanderzusetzen. Aus Mangel an gegenseitiger Toleranz würden viel Leute Gespräche darüber einfach meiden.

Gegen Rassismus, für Toleranz

Bereits zum neunzehnten Mal traten Brandenburger für eine tolerante, weltoffene Gesellschaft in die Pedale. In diesem Jahr startete die Tour de Tolerance am Erich-Ring-Stadion Erkner und besuchte die Orte Neu-Zittau, Königs-Wusterhausen, Wolzig, Storkow, Spreenhagen, Grünheide. Abends rollten die Radaktivisten wieder zurück nach Erkner. Insgesamt hatten sich 102 Personen in die Anmelde-Liste geschrieben. Über den Tag wechselte die Besetzung leicht. Manche radelten aber auch von ihrem Heimatort bis nach Erkner, absolvierten die 78 Tour-Kilometer und fuhren dann wieder mit dem Rad nach Hause. Wie beispielsweise eine 92-jährige Frau aus Strausberg, wie Daniela Sell, Pressesprecherin der Stadt Erkner am Abend berichtete, die mit ihrer Gruppe um kurz vor sieben Uhr am Morgen zu Hause gestartet sei, um um neun Uhr in Erkner mitfahren zu können.

Fördert Tesla Weltoffenheit?

Unterwegs in den Orten ließen es sich Bürgermeister und Amtsvorsteher nicht nehmen, die Radelnden persönlich zu begrüßen. Arne Christiani, Grünheider Bürgermeister, hatte dafür offensichtlich sogar seinen Urlaub unterbrochen. Bei einer kleinen Ansprache habe der Bürgermeister die auf seinem Gemeindegebiet entstehende Tesla-Fabrik aus der Perspektive von internationaler Zusammenarbeit und Toleranz betrachtet, wie Mathias Papendiek, SPD-Gemeindevertreter aus Schöneiche, übereinstimmend mit Veranstalter Günter Grützner berichtet.
Tour de Tolerance 2020 startete in Erkner mit über 100 Radlern

Gegen Rassismus Tour de Tolerance 2020 startete in Erkner mit über 100 Radlern

Als Beispiel habe Christiani den Rolls-Royce Standort Dahlewitz genannt, in dem Angehörige von über 30 Nationen arbeiteten. Eine ähnliche Internationalisierung mit wachsendem gegenseitigen Verständnis erwarte der Bürgermeister für das Tesla-Umfeld in Grünheide auch, erinnert sich Mathias Papendiek. Ihm hatte Christianis Redebeitrag sehr zugesagt.

Starker regionaler Verbund

In Spreenhagen hatte sich Jan B. Prinz zu Amtsleiter Hans-Joachim Schröder gesellt, um die Tour-Gäste zu begrüßen. Prinz war mit Freund Winfried Stelzer vor gut 20 Jahren um die Welt geradelt.
Unter den Radelnden, die den Tag im gelben Tourshirt mitfuhren, war auch Erkners Bürgermeister Henryk Pilz. „Die Ziele sind mir ein Anliegen und ich habe meine andere Termine extra so organisiert, dass ich bei der Tour dabei bleiben konnte“, erzählte Pilz am Abend. Bereut hat er es nicht. „Ich habe unterwegs viele tolle Gespräche geführt“, berichtete Pilz und verweist auf den starken regionalen Verbund, der sich in dieser über Jahre gewachsenen gemeinsamen Aktivität ausdrücke.

Teilnehmerzahl abgeebbt

Auch Kristine Mehlitz aus Strausberg ist schon oft bei der Tour de Tolerance mitgefahren. „Toleranz zeigen, frische Luft schnappen und abends gute Erbsensuppe essen“, das findet sie prima. Allerdings bedauert sie, dass nicht mehr so viele Leute mitfahren wie früher. In den Anfangsjahren, so die Organisatoren Günter Grützner und Bodo Böhlemann, waren bei der einst vom Mord an Amadeo Antonio in Eberswalde motivierten Tour über 1000 Menschen mitgefahren. Die Teilnehmerzahl habe dann über Jahre zwischen 600 und 700 gelegen. Allerdings seien die logistischen Voraussetzung früher günstiger gewesen. So habe es anfangs zum Beispiel gesponserte Busshuttles aus verschiedenen Brandenburger Landkreisen gegeben.
Nichts desto trotz: Viele Mitstreiter bleiben treu. Wie Ingo Mohr, der einst über seine Tochter zur Tour de Tolerance kam, und sich jetzt jedes Mal freut, dort alte Bekannte wieder zu treffen. „Mir gefällt, dass es dabei nicht so bierernst wie bei anderen Demos zugeht, bei denen man erbittert mit einem Transparent durch die Gegend wackelt“, bemerkte Mohr und demonstriert, was er meint, indem er ein Stückchen übers Pflaster marschiert.