Wir haben uns schon gefragt, wie das dort hingekommen ist", sagt eine Taxifahrerin am Bahnhof Erkner, angesprochen auf das riesige Plakat, das eine Etage höher auf dem Bahnsteig zu sehen ist. Ein Kind – Junge oder Mädchen  – ist darauf zu sehen, das auf etwas zu warten scheint,  vielleicht auf einen Zug, denn das haushohe Plakat klebt auf dem Stellwerk ERK am Übergang zwischen S-Bahn- und Regionalbahnsteig. "Sieht ganz gut aus", findet die Taxifahrerin.
Der Stil erinnert an Graffiti
Der selben Meinung ist Marco Dühring, der am Morgen mit seinem Straßenreinigungsfahrzeug unterwegs ist. "Ich habe einen Blick dafür, was am Bahnhof los ist, da ich früher hier als Bahnaufsicht gearbeitet habe", erzählt der Mann in Orange, der heute beim Bauhof Erkner angestellt ist. Den Jungen auf dem Plakat findet er okay, "sieht aber noch etwas halbfertig aus", meint Marco Dühring, der es schade findet, dass die Fachwerkhäuschen am Bahnhof "im Stich gelassen werden". Ein anderer Mann am Regionalbahnsteig mag die Motive auf der Fassade, die Plakatkunst erinnert ihn aber zu sehr an Graffiti-Schmierereien. "Immerhin ist kein Fenster zugeklebt", räumt der Bahnreisende ein.
Eine, die hinter der Kunst­aktion in Erkner steht, ist Natalia Irina Roman. Sie ist Kuratorin der Ausstellung "Along the Lines"  und des zugehörigen Begleitprogramms zum Thema stillgelegte Objekte der Deutschen Bahn. Noch bis zum 28. November läuft die Schau, bei der das Künstlerduo Maria Vill und David Mannstein ihre plakatives Werk in Erkner zeigt. Zeitgleich bespielt die Künstlerin Anna Talens Stellwerke an der Berliner Ringbahn.
"Ziel unserer Aktion ist es, solche Gebäude wie das Stellwerk und das Aufsichtshäuschen in Erkner vor dem Abriss zu retten", erklärt die Kuratorin. Durch Automatisierung und Zentralisierung bei der Bahn haben immer mehr Stellwerke ihre Funktion verloren, einige wurden schon abgerissen, erzählt sie. Als im vergangenen Jahr die Aktion zum allerersten Mal stattfand, hatte sie selbst eine Lichtinstallation im Erkneraner Stellwerk aufgebaut – mit positiver Rückmeldung von Seiten der Bahnfahrer, wie sie sich erinnert.
Stellwerke für Kultur öffnen
Die Künstler setzen sich auch dafür ein, ausgemusterte Bahngebäude grundsätzlich für die Kunst zu öffnen. Gerade bei den Stellwerken sei für die Bahn schwierig, Käufer zu finden, weil sie so nah an den Gleisen stehen. "Für eine künstlerische Nutzung wären sie ideal", findet Kuratorin Roman. Räume für die Kunst werden vor allem in Berlin händeringend gesucht, weiß sie. Im Moment seien die Gebäude allerdings oft so marode, dass kein Publikumsverkehr stattfinden kann. Doch das muss nicht so bleiben, findet Natalia Irina Roman.
Duo mit Erfahrung
Die Maria Vill und David Mannstein haben sich für die Stellwerksfassade in Erkner mit den Themen Warten und Wasser beschäftigt – wie unschwer zu erkennen ist. Möglicherweise schwelgt der Junge vor Langeweile in seiner Phantasie. Das Künstlerduo, das bereits seit 1998 zusammen arbeitet, wurde bei einer Ausschreibung unter 200 Interessenten ausgewählt – unter anderem, weil es viel Erfahrung mit Kunst im öffentlichen Raum hat.
Podiumsdiskussion zur Aktion "Along the Lines" am 21. November in der DB mindbox, S-Bahnbögen, Bahnhof Jannowitzbrücke; Auf dem Podium: Stellwerkkünstler" Vill, Talens und Mannstein sowie Michael Hölzinger (Deutsche Bahn AG), Moderation: Natalia Irina Roman; Einlass: 18.30 Uhr; mehr Infos: www.site-specific-ideas.eu