Musik: Anders sein auf dem Dorf

Punk-Rocker aus Gosen: Seit 15 Jahren ist die Band "Abbruch" mit (von links) René Hardt, Sylvia Behrendt und den Brüdern René und Daniel Behrendt hier zuhause.
Michel NowakDie Musik in dem umgebauten Schuppen auf dem großen Gosener Grundstück ist infernalisch laut. Die beiden Gitarristen schreien ihren Song „Wunderbarisierung“ in die Mikros. Der Schlagzeuger prügelt auf die Trommeln ein, bis er selbst schweißnass ist. Fast zart wirkt dagegen die kleine Frau am Keyboard. Die Punkband „Abbruch“ probt hier, und das schon seit 15 Jahren in ihrer ursprünglichen Besetzung.
Gerade bereiten sich die Brüder Daniel und René ("Atze") Behrendt, ihre Mutter Sylvia ("Muddi") und Drummer René ("Brille") Hardt auf den morgen anstehenden Auftritt beim Berliner Myfest vor.
„Leben, das braucht man zum Leben“, antwortet der 33-jährige Daniel Behrendt auf die Frage, was ihm die Musik bedeutet. „Sie ist ein Sprachrohr, um Emotionen auszudrücken und Kritik zu üben“, ergänzt René Behrendt. Und zu kritisieren hat er einiges: Die Wohnungspolitik in Berlin und Umland beispielsweise, auch Thema des Songs „Wunderbarisierung“. Der ist – wie fast alle der deutschsprachigen Songs – selbstgeschrieben. Als Teil der Punk-Szene wenden sich die vegan lebenden Musiker auch gegen nationalistische Tendenzen und Profitgier. „Die Wirtschaft sollte für die Menschen da sein und nicht den Planeten kaputt machen“, sagt Daniel Behrendt.
Wieso ist eine Band wie „Abbruch“ ausgerechnet auf einem großen Grundstück im bürgerlichen Gosen zuhause? Da sei die Ruhe abseits vom Stress der Großstadt, begründet René Hardt (29). „Und wir wollen zeigen, dass es solche wie uns auch hier gibt“, so René Behrendt (29). Das Echo auf sie sei geteilt. Sie sprechen von toleranten, offenen Nachbarn genauso wie von anonymen Beschwerdebriefen.
Ihr Grundstück mit dem großen Einfamilienhaus in der Storkower Straße bezeichnen die Behrendt-Brüder als „Freiraum“. Nicht nur für sich, sondern auch für Gleichgesinnte, die hier in einer Wohngemeinschaft leben.
Daniel und sein jüngerer Bruder René Behrendt haben in der Region ihre Wurzeln. In Gosen kamen sie auch mit der Musik in Kontakt. „Ich fand damals, meine Kinder brauchen ein Hobby“, erzählt Mutter Sylvia. Sie schickte ihre Söhne zum Orgel- und Blockflötenunterricht. Damit entfachte sie die Liebe zur Musik. Allerdings anders als ursprünglich gedacht.
Die Ärzte als Vorbild
„Wir haben als Jugendliche die ,Ärzte’ und die ‚Toten Hosen’ gehört und hatten dann auch eine eigene Dorfband“, sagt René Behrendt. Mutter Sylvia respektierte den Werdegang ihrer Söhne – und spielt heute regelmäßig bei „Abbruch“ am Klavier mit. Die Band komplettiert René Hardt. Er traf im Jugendclub Erkner auf die Brüder Behrendt. Aus dem Teenager-Projekt wurde eine über die Region hinaus bekannte Band mit inzwischen an die 100 eigenen Songs auf mehreren Alben. Das aktuelle trägt den provokanten Titel „Lieber linksextrem“.
Regelmäßig ist „Abbruch“ live zu erleben, geschätzt bei 20 bis 50 Konzerten im Jahr. „Die Leute mögen uns. Das ist besser als jeder Probenraum“, so Daniel Behrendt. Oft spielen sie bei Festivals. Das Nimmerland-Festival in Berlin organisieren sie sogar selbst mit. Mehrfach führten Konzert-Touren „Abbruch“ auch ins Ausland – sogar nach Israel.
Leben können sie von ihrer Musik zwar nicht. Geld spiele in ihrer Weltanschauung aber sowieso eine untergeordnete Rolle, sagen die „Abbruch“-Mitglieder. Daniel Behrendt arbeitet als Erzieher, René Behrendt ist Informatiker bei der Stasi-Unterlagenbehörde. Die „Abbruch“-Mitglieder wollen sich auch in Zukunft Gedanken um die Gesellschaft machen und selbst eben etwas anders sein. Und die drei Musiker möchten weiter – natürlich gemeinsam mit „Muddi“ – Punkrock aus Gosen produzieren.
Sieben Fragen an Daniel Behrendt, Sänger der Punkband "Abbruch"
Wer hat Sie in Ihrer Entwicklung am meisten beeinflusst/geprägt? Ich denke, meine Eltern und mein soziales Umfeld. Und durch das Umfeld habe ich mich politisch engagiert.
Was würden Sie als Erstes veranlassen, wenn Sie Bürgermeister Ihres Orts wären? Notbierzapfsäulen an jeder Straßenecke. Nee, nur Spaß. Ich würde versuchen, ein kommunenartiges Dorf zu schaffen, wo Kapitalismus keine Rolle spielt. Und wo man sich nicht so viel Sorgen ums Geldverdienen machen muss, sondern wo man miteinander lebt und jeder macht, worauf er Lust hat.
Was wünschen Sie sich seit Jahren? Weltfrieden, keine Waffenexporte. Dass transparentere Politik gemacht wird – und mehr Freundlichkeit dem Leben gegenüber.
Möchten Sie noch mal 17 Jahre alt sein? Ja, und ein, zwei, drei Jahre usw. Ich möchte alles noch mal sein und ich freue mich auch auf die Zukunft.
Träumen Sie gerne? Oh ja!
Was hält Sie in Ihrer Heimat in Ostbrandenburg? Würden Sie in ihrem Leben noch einmal an einen anderen Ort hinziehen? Meine Freunde halten mich in meiner Heimat und der Rest ist mir eigentlich egal. Ich glaube, alle Orte auf der Welt haben ihre Schönheit und es kommt einfach nur darauf an, mit wem man lebt und mit wem man sich umgibt.⇥min