Politische Gedichte: Zwischen Schmerz und Lyrik

Marko Ferst vor seiner Bücherwand im heimischen Gosen. Der 49-Jährige hält seine ersten Notizen zu Gedichten immer in klassischen Schulheften fest.
joachim EggersDer Aktionsradius ist arg eingeschränkt. Marko Ferst muss immer darauf achten, dass er sich nicht übernimmt. „Wenn ich ins Barberini nach Potsdam fahre, dann merke ich das ein paar Tage“, sagt der 49-jährige. Der Gosener ist Schwerbehindertenrentner, wegen Fibromyalgie. Aktiv ist er vor allem geistig, als Schriftsteller. Im Frühjahr hat er den Lyrikband „Jahre im September“ herausgebracht.
Wer mit Marko Ferst redet, erfährt viel über das geistige Profil des Goseners. Darin spielen die DDR-Systemkritiker Rudolf Bahro und Robert Havemann eine große Rolle, aber auch der österreichische Lyriker Erich Fried. Im riesigen Bücherregal in Fersts Gosener Arbeitszimmer stehen viele russische Autoren, unter anderem die grünen Bände des Michail Gorbatschow. Die Perestroika war für Marko Ferst auf jeden Fall ein prägender Einfluss. Nach der Wende führte sein politisch-intellektueller Weg Ferst rasch nach links, in die damalige PDS, wo er Mitbegründer der ökologischen Plattform wurde. Dabei, sagt er, sei er vom Elternhaus eher als Gegner der SED eingestellt gewesen. Als Schuljunge, mit 13 Jahren, leistete er sich einen politischen Streich, zu dem er obendrein Mitschüler anstiftete.
Aufmüpfiger Jungenstreich
Damals, in den frühen 1980er-Jahren, wurde gerade das Gelände der Gosener Berge abgezäunt, weil die Staatssicherheit begann, dort ihre Schule für Auslandsspione aufzubauen. „Ich habe Vorschläge zur künftigen Nutzung des Geläendes aufgeschrieben, zum Beispiel die Einrichtung einer Gaststätte“, erinnert sich Ferst. Den Zettel brachten sie an die Maschinen an, die mit dem Einzäunen beschäftigt waren. „Natürlich wurden wir erwischt.“ Folgen hatte die Episode aber nicht – jedenfalls keine negativen. Der Jugendliche überlegte von sich da an etwas genauer, was er so aufschrieb – und bekam bald bessere Noten. Einen rebellischen Geist zählt Marko Ferst zu seiner Grundausstattung.
Nach der Schule arbeitete er zunächst als Tischler und Bilderrahmer. Noch zu DDR-Zeiten brachte er „Perestroika“-Aufkleber in einer Telefonzelle in Köpenick und beobachtete, wie die Zelle von Polizei bewacht wurde. Später hat Ferst, der sein ganzes Leben im heimischen Gosen verbracht hat, in Berlin an der Freien Universität Politikwissenschaft studiert.
Schon seit 1986 ist Ferst Teilnehmer eines Köpenicker Lyrikseminars. Gedichte, sagt Ferst selbst, bieten aufgrund ihrer relativen Kürze Vorteile, sie zu schreiben benötige weniger Konzentration. Ferst hat auch ein Roman-Projekt, kommt aber damit nicht zu Rande. In seinen politischen Gedichten pflegt Ferst eine klare Sprache. Das, hat er von direkten Rückmeldungen seiner Leser erfahren, komme gut an. Er bezieht in den Texten oft direkt Stellung. „Hartzerei“ heißt ein gereimtes Gedicht über Hartz IV, in dem es heißt: „Ein Staat, der seine Bürger so drangsaliert/gehört vom Volke lautstark ausrangiert“.
Fibromyalgie
Chronische Schmerzen sind das wichtigste Merkmal der Fibromyalgie. Das Wort bedeutet denn auch Muskel- und Faserschmerz. Die Schmerzen breiten sich in verschiedenen Körperregionen aus. Das geht so weit, dass das Gehirn Schmerzen wahrnimmt, ohne dass ein schädigender Reiz vorliegt, und dass die Schmerzschwelle sinkt, wodurch normalerweise nicht schmerzhafte Reize als schmerzhaft wahrgenommen werden. Die Erkrankung ziehen Folgeerscheinungen wie Einschränkungen der Konzentrationsfähigkeit und erhöhte Erschöpfbarkeit nach sich. Gegenmittel sind vor allem Medikamente gegen die Symptome, also die Schmerzen.⇥je
