Segeln
: Vom Flakensee ins Mittelmeer

Mit einem Buch hat Rita Kindler einer Woltersdorfer Hochseeyacht  ein Denkmal gesetzt. Die Zukunft des Schiffes ist ungewiss.
Von
Annette Herold
Woltersdorf
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  • Geschichtensammlerin: Rita Kindler hat Erinnerungen an Törns mit dem "Berliner Bär" in Buchform herausgegeben. Jetzt lag das Schiff schon den zweiten Sommer über in seinem Heimathafen auf dem Flakensee.

    Geschichtensammlerin: Rita Kindler hat Erinnerungen an Törns mit dem "Berliner Bär" in Buchform herausgegeben. Jetzt lag das Schiff schon den zweiten Sommer über in seinem Heimathafen auf dem Flakensee.

    Annette Herold/MOZ
  • Unter Vollzeug: Die Woltersdorfer Hochseeyacht bei einem Ostsee-Törn

    Unter Vollzeug: Die Woltersdorfer Hochseeyacht bei einem Ostsee-Törn

    Seglerverein
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Dem Mann muss es richtig dreckig gegangen sein! Von Seekrankheit geplagt, wollte er vor Rügen über die Reling springen. In ihrer Not haben ihn die Mitsegler an seiner Koje festgebunden. Er versprach ihnen sogar seinen Trabant, wenn sie ihn endlich über Bord ließen. Die Mannschaft, die da 1966 mit der Woltersdorfer Hochseeyacht „Berliner Bär“ vor Rügen unterwegs war, hat dem erfahrenen Binnen–Segler sein Auto selbstverständlich gelassen. Sein Zustand besserte sich. Sobald das Schiff Stralsund erreichte, ging er dennoch von Bord.

Nachzulesen ist das im soeben erschienenen Buch „Törns mit dem Berliner Bär“. Rita Kindler, stellvertretende Vorsitzende des Segel–Clubs Flakensee, hat dafür über Jahre Erinnerungen von Seglern gesammelt und dem Schiff so ein Denkmal gesetzt. Die meisten Geschichten verlaufen weit weniger dramatisch als die mit dem Trabant, abenteuerlich sind sie fast alle. Das beginnt damit, dass sich Flakensee–Segler in den 1960ern in den Kopf setzten, eine Hochseeyacht zu bauen und damit eine Reise zu unternehmen, die letztlich aufs Mittelmeer führen sollte — vier Jahre nach dem Mauerbau. Wer die DDR kennt, weiß, dass so ein Husarenstück ohne Kompromisse und Fürsprecher gescheitert wäre. Auf ihrer Seite hatten die Freizeit–Schiffbauer unter anderem den damaligen Volkskammerpräsidenten und begeisterten Segler Johannes Dieckmann. 48 DDR–Betriebe halfen mit Material.

Dennoch ging nicht alles glatt. Dem schon in Stralsund an der Pier stehenden Kapitän des Schiffes wurde von oben in letzter Minute die Teilnahme untersagt. Ersatz gab es von der Deutschen Seereederei. Bei der DDR–Bevölkerung kam die spektakuläre Fahrt indes nicht so gut an. Auf erste Berichte in Zeitungen hagelte es empörte Leserbriefe mit der Forderung nach Reisefreiheit, wie in dem Buch nachzulesen ist. Berichte im „Neuen Deutschland“ gab es daraufhin nicht mehr, nur in der Zeitschrift „Segelsport“ wurden sie fortgesetzt.

54 Jahre und Hunderte Törns, überwiegend auf der Ostsee, ist das nun her, und es steht zu befürchten, dass der „Bär“, wie die Woltersdorfer Segler ihr Flaggschiff liebevoll nennen, nie mehr auf große Fahrt gehen wird. Seit 1965 ist das Schiff mit wechselnden Crews Sommer für Sommer und immer in Vereinshand auf Tour gewesen. Viele Jugendliche haben darauf das Segeln erlernt.

Fitter Rentner gesucht

Jetzt steht es zum Verkauf. „Wir finden keinen ehrenamtlichen Bären–Verantwortlichen“, sagt Rita Kindler. Gesucht werde ein fitter Rentner mit Interesse und Sachverstand für ein Stahlschiff. Er müsste Mannschaften zusammenstellen und die Schiffswartung organisieren. Damit ist jede Menge Arbeit verbunden. Vor allem  muss jedes Jahr der Anstrich erneuert werden. Das heißt schleifen, schleifen, schleifen.

Der Verkauf ist zwar beschlossen, doch Rita Kindler hofft, dass der "Bär“ 2025 in Woltersdorf sein 60. Jahr als Vereinsschiff erreicht. Träumen darf man. Nur weil damals, kurz nach dem Mauerbau, ein paar Segler einen Traum verfolgten, ist das Schiff schließlich überhaupt gebaut worden.

Rita Kindler (Hrsg.): Törns mit dem Berliner Bär. Die Geschichte einer legendären Hochseeyacht. Edition bodoni