Am Mittwoch (26. Oktober) ist es endlich so weit: Die alte Fahlenbergbrücke über den Oder-Spree-Kanal, die Gosen mit Berlin-Müggelheim verbindet, wird verschoben. Sie dient während des Neubaus als Ersatzbrücke auf der etwa 100 Meter südlich gelegenen Umgehungsstraße. Nicht nur Bauleute, Ingenieure und Mitarbeiter der zuständigen Senatsverwaltung von Berlin sind vor Ort, um Augenzeugen dieses seltenen Spektakels zu werden. Auch viele Schaulustige sind gekommen, die gar nicht fertig wurden, mit ihrem Handy das Geschehen in Foto und Video festzuhalten.
„So was sieht man nur einmal, das ist doch was ganz Besonderes“, sagt Gerdi Brem aus Müggelheim und wird nicht müde, ihr Smartphone auf das Schauspiel zu richten. Sie wirkt ein bisschen aufgeregt. „Ja, ich soll ein Video für unseren Sohn machen“, erzählt die Rentnerin. Und die Nachbarn. Ihr Mann stehe weiter unten, nahe an dem Platz, an dem die Brücke hin bugsiert werden soll. „Geht es denn bald los?“, will sie von einem – dank seiner Warnweste mit Schriftzug gut auszumachenden – Mitarbeiter der Senatsverwaltung wissen. „Noch ein bisschen Geduld“, sagt dieser und schaut ebenso gespannt auf die monströse Konstruktion, die die alte, 600 Tonnen schwere Brücke von ihrem seit 1983 angestammten Platz wegbringen soll.
Die schwimmende Insel: Ein Schubkahn zieht, der andere schiebt die Prahme, auf denen die Fahlenbergbrücke aufgebockt ist.
Die schwimmende Insel: Ein Schubkahn zieht, der andere schiebt die Prahme, auf denen die Fahlenbergbrücke aufgebockt ist.
© Foto: Anke Beißer
Hoch, aber nicht hoch genug: Die Fahlenbergbrücke muss während des Verfahrens um weitere 50 Zentimeter angehoben werden.
Hoch, aber nicht hoch genug: Die Fahlenbergbrücke muss während des Verfahrens um weitere 50 Zentimeter angehoben werden.
© Foto: Anke Beißer
Morgens, um 8 Uhr, haben die Fachleute der niederländischen Firma Wagenborg, die unter anderem Spezialtransporte abwickelt, die letzten Vorbereitungen getroffen. Zwei längsseits gekoppelte Prahme liegen unterhalb der Fahlenbergbrücke und tragen eine hydraulische Einheit, mit deren vier Stempeln – sogenannten Kletterpressen – das Bauwerk aus den Widerlagern senkrecht emporgehoben wird. Je ein Schubkahn am nördlichen und einer am südlichen Ende des Verbandes werden die freischwebende Brücke an ihren neuen Platz schieben und ziehen.

Irgendetwas stimmt mit der empor gehobenen Fahlenbergbrücke noch nicht

Immer wieder laufen Bauarbeiter über die Schwimminsel, kontrollieren Stahlseile, lichte Höhen, und als es dann gegen 12 Uhr so aussieht, als wenn es gleich losgeht, werden erst noch einmal Gabelstapler bewegt. Irgendetwas muss im Weg gewesen sein, denn die Brücke wird noch einmal um weitere 50 Zentimeter höher gehievt. Ein Prozess, der sowohl quasi lautlos als auch kaum wahrnehmbar geschieht. Nur, wer nicht abgelenkt ist, nimmt an den vier Pressen den zusätzlichen Quader wahr.
Noch ein bisschen höher bitte: Damit die Fahlenbergbrücke, die Gosen mit Müggelheim verbindet, umgesetzt werden kann, muss sie an- und aus den Widerlagern gehoben werden.
Noch ein bisschen höher bitte: Damit die Fahlenbergbrücke, die Gosen mit Müggelheim verbindet, umgesetzt werden kann, muss sie an- und aus den Widerlagern gehoben werden.
© Foto: Anke Beißer

12.30 Uhr setzt sich der Konvoi auf dem Gosener Kanal in Bewegung

Dann, gegen 12.30 Uhr, ist es wirklich so weit. Die Brücke aus Stahl und Beton verlässt ihr angestammtes Ufer, entfernt sich Zentimeter um Zentimeter in Richtung Süden. Auf dem Schubverband wird ruhig agiert, und ebenso an Land. Die neugierigen Zuschauer, meist Anwohner aus beiden benachbarten Orten, aber auch zufällig gestrandete Ausflügler, bestaunen das Geschehen. Manche begleiten den Tross im Schneckentempo, viele suchen das Gespräch mit den Fachleuten, überall sind Fachsimpeleien zu hören.
Eine Brücke fährt vorbei: Schaulustige halten den Transport auf dem Gosener Kanal mit den Handys fest.
Eine Brücke fährt vorbei: Schaulustige halten den Transport auf dem Gosener Kanal mit den Handys fest.
© Foto: Anke Beißer
Zwischenstopp: Kurz vor der Rampe, die zur Umgehungsstraße gehört, ist vorerst Schuss. Auch von der Gosener Seite aus wird das Geschehen bestaunt.
Zwischenstopp: Kurz vor der Rampe, die zur Umgehungsstraße gehört, ist vorerst Schuss. Auch von der Gosener Seite aus wird das Geschehen bestaunt.
© Foto: Anke Beißer
Nach einer knappen halben Stunde stoppt die Fahrt kurz vor dem Bestimmungsort. An der westlichen Rampe ragt ein Schalungsbrett weiter als notwendig heraus. Um es zu kürzen, kommt ein „Wassertaxi“ ins Spiel. Denn Werkzeuge können nicht einfach mal so das Ufer wechseln – es gibt ja derzeit keine Verbindung. Das Problem ist aber schnell gelöst. Trotzdem dauert es nun erheblich länger als der eigentliche Transport, bis die Brücke in der richtigen Position ist. Die Millimeterarbeit ist für die Schiffsführer alles andere als ein Kinderspiel.

Das Tagesziel ist geschafft, Ende der Sperrung in Sicht

Immerhin, das Tagesziel ist am Mittwochnachmittag geschafft. Am Donnerstag (27. Oktober), bis 12 Uhr, soll alles an Ort und Stelle sein. Damit die Restarbeiten, wie die Verblendung der Dehnungsfugen zum Beispiel, erledigt werden können. Im Laufe des Freitagvormittags soll der Verkehr, von Ampeln geregelt, einspurig über die Umgehungsstraße rollen. Dann geht es am alten Standort an den Abriss und den Aufbau der neuen Fahlenbergbrücke.
Der alten, die für die nächsten Wochen und Monate nochmal einen wertvollen Zweck erfüllt, steht anschließend nur noch eines bevor: Sie wird endgültig zurückgebaut und der Verwertung zugeführt.

Umleitung führt weiträumig um Baustelle

Autofahrer müssen bis Freitag, 28. Oktober, die weiträumigen Umleitungen in Kauf nehmen. Die Gosener Landstraße ist noch so lange gesperrt. Die Umleitung erfolgt ab Gosen über Neu Zittau, Erkner in Richtung Berlin und über die Allende-Brücke nach Müggelheim. In der Gegenrichtung ist die Umfahrung über das Adlergestell, Schmöckwitz und Wernsdorf ausgewiesen. Auch der Schifffahrtsverkehr auf dem Gosener Kanal ist teilweise eingeschränkt.

Brücke von 1983 ist marode

Die neue Fahlenbergbrücke befindet sich im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick und überquert im Zuge der Gosener Landstraße (L39) den Gosener Kanal. Die Landstraße stellt die direkte Verbindung zwischen dem Köpenicker Ortsteil Müggelheim und Gosen-Neu Zittau dar. Die aktuelle Brücke wurde im Jahre 1983 als einfeldrige Stahlbrücke errichtet. Aufgrund ihres baulichen Zustandes muss sie komplett abgebrochen und neu gebaut werden.