Wissenschaftliche Studie
: Mehr Kaufkraft mit Mindestlohn

Manchmal reicht das Geld trotz Mindestlohn trotzdem nicht: Firmen in Erkner zahlen oft mehr als vorgeschrieben.
Von
Joachim Eggers
Woltersdorf
Jetzt in der App anhören

Symbolfoto

dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Rund 3670 Menschen in Oder–Spree beziehen den Mindestlohn, hat das Pestel–Institut in Hannover in Erfahrung gebracht. Seit Jahresbeginn verdient jeder von ihnen 35 Cent mehr pro Stunde — macht 9,19 Euro. Für die Region bedeute das eine zusätzliche Kaufkraft von 874 000 Euro im Jahr, haben die Wissenschaftler ausgerechnet.

Als attraktiv gilt der gesetzliche Mindestlohn nicht, meint Frank Reymund, einer der beiden Geschäftsführer der Pin Mail AG mit Sitz in Woltersdorf und 300 Mitarbeiten in Oder–Spree, Teilen von Dahme–Spreewald und Frankfurt. Seit zwei Jahren zahle das Zustellunternehmen höhere Löhne, sagt er.

„Wenn ich jemandem den Mindestlohn zahle und dann kommt jemand aus dem Handel um die Ecke und bietet ihm 10,05 Euro pro Stunde, ist doch klar, wofür er sich entscheidet.“ Natürlich sei es für das Unternehmen schmerzlich, höhere Löhne zu zahlen. In einer personalintensiven Branche wie der Zustellung machten Personalkosten 60 bis 70 Prozent der Gesamtkosten aus. Ausgeglichen werde der Lohnanstieg nicht zuletzt durch Preiserhöhungen.

Für den Woltersdorfer Bäckermeister Frank Vetter ist der Mindestlohn ebenfalls kein Thema. Als Innungsbetrieb zahle seine Bäckerei Tarifgehälter. Auch bei den Gebäudereinigern, oft als klassisches Beispiel für Mindestlohn–Empfängern dargestellt, gilt seit Jahren zumindest in brandenburgischen Innungsbetrieben ein Tariflohn von 10,05 Euro, berichtet Kai–Uwe Koch, Inhaber der gleichnamigen Woltersdorfer Glas– und Gebäudereinigungsfirma.

Dennoch habe er „richtig Probleme, gutes Personal zu finden“. Das sei nicht immer mit Geld zu lösen, nicht selten stellten sich Bewerber vor, die den Anforderungen etwa beim Einsatz in Privathaushalten nicht genügen und deshalb die Probezeit nicht überstehen. „Wir gucken ständig nach neuen Leuten“, sagt Koch. Der Unternehmer beschäftigt um die zehn Mitarbeiter, wenn auch nicht in Vollzeit. Arbeit über den klassischen Acht–Stunden–Tag gebe die Branche nicht her, ist seine Erfahrung.

Die Folge: Trotz einem Einkommen über den Mindestlohn müssen Gebäudereiniger aufstocken, also Geld vom Jobcenter beziehen. Hartz–IV–Leistungen beziehen derzeit in ganz Oder–Spree 9476 Frauen und Männer, im Raum Erkner/Fürstenwalde etwa 5500, berichtet Tino Kriegl, kommissarischer Geschäftsbereichsleiter Regionaler Arbeitsmarkt. Etwa jeder dritte von ihnen habe trotz Arbeit Anspruch auf das Geld. Mehr als die Hälfte dieser Aufstocker seien im Handel oder als Zeitarbeiter tätig, im Gesundheits– und Sozialwesen, in der Reinigungsbranche oder aber als Helfer.

Dass Menschen ihr Einkommen aufstocken müssen, sei oft in geringen Stundenlöhnen oder Teilzeitbeschäftigung begründet. Familien mit den Kindern seien überdurchschnittlich betroffen, Arbeitnehmer ohne Berufsabschluss und auch Singles.

Einführung und Anhebung des Mindestlohns hatten nach Kriegls Erkenntnissen einen nur geringen Einfluss auf die Anzahl der Aufstocker. Für die Gewerkschaft Nahrung–Genuss–Gaststätten (NGG), die die Untersuchung zur Kaufkraft publik gemacht hat, ist der Mindestlohn auch nach der Erhöhung zu niedrig. „Selbst für eine Vollzeitkraft ist es extrem schwer mit dem Mindestlohn klarzukommen“, sagt der NGG–Geschäftsführer für Berlin und Brandenburg, Sebastian Riesner. Erst in einer Größenordnung von mehr als zwölf Euro pro Stunde werde die Lohnuntergrenze „langsam armutsfest“.