Am vergagenen Samstag konnten geschichtsinteressierte Falkenseer wieder kleine und große Geheimnisse ihrer Stadt entdecken. Die Vorbereitungsgruppe für Stolpersteine in Falkensee und dem Osthavelland hatte zur historischen Fahrradtour geladen. Diesmal wurden geschichtsträchtige Orte in Seegefeld erkundet. Die Fahrräder der rund 35 Teilnehmenden dienten dabei sowohl als fahrbarer Untersatz als auch als Abstandshalter.

40 Stolpersteine im Raum Falkensee

Mehr als 40 Stolpersteine wurden durch den Einsatz der Vorbereitungsgruppe im Raum Falkensee und Osthavelland bereits verlegt. Stolpersteine, das sind kleine, in das Straßenpflaster eingesetzte Gedenkplatten, vor den letzten selbstgewählten Wohnsitzen von Opfern des Nationalsozialistischen Terrors. Um den Opfern wieder einen Namen zu geben und ihr Schicksal aus der Vergessenheit zu holen, sind viele, oft mühsame und langwierige Recherchen nötig.
Dabei stolpern dann auch die Erforscher dieser Schicksale über allerhand Geschichte. „Der Beifang unserer Recherchen“, nennt Thomas Lenkitsch die vielen Geschichten zur Geschichte der Stadt. Lenkitsch ist Mitglied der Vorbereitungsgruppe. Diese veranstaltet regelmäßig Touren zu den historisch interessanten Orten der Stadt, macht dabei Vergangenheit erlebbar. Nicht zuletzt, weil so mancher Teilnehmer mit eigenen Erinnerungen Licht ins geschichtliche Dunkel bringt oder mit kleinen Anekdoten für Erhellung sorgt.

Einst stand ein Gutshaus am Gutspark

Die im 13. Jahrhundert erbaute Seegefelder Kirche in der Bahnhofstraße ist das älteste Bauwerk in Falkensee und sie diente der Tour als Ausgangspunkt. Gleich nebenan stand einst das Gutshaus, der Name Gutspark für die benachbarte Grünanlage zeugt von dieser einstigen Nachbarschaft.
Wie verwoben die Geschichte dieser beiden Gebäude einmal war, davon erzählte Pfarrerin Gisela Dittmer. Die evangelische Gemeinde in Seegefeld gehörte zur „Bekennenden Kirche“, sie stellte sich damit gegen das Nazi-Regime und auch gegen die nationalsozialistisch orientierten Deutsch-Christen. Allerdings blieb dieser Widerstand in Seegefeld weniger auffällig als in Finkenkrug. Dittmer erklärte dies mit der Nähe zum Gutshaus. Hier hatten sich bereits ab 1937 die Nationalsozialisten eingerichtet, auf dem Platz davor fanden regenmäßig Aufmärsche statt, berichtet sie.
Nur wenige Schritte von der Kirche entfernt, steht heute ein Brunnen, darum herum parken Autos, doch einst stand hier das Gutshaus. Es gibt die Idee, die Umrisse des Gebäudes im Boden zu verewigen. So wäre nachvollziehbar, warum der Gutspark diesen Namen trägt.

Rittergeschlecht von Ribbeck im Seegefeld

Zurück in die Vergangenheit: die beginnt mit einem Rittergeschlecht. Nämlich derer von Ribbeck. Aber Obacht, nicht das altehrwürdige Geschlecht mit dem Birnbaum, sondern die arme Verwandtschaft aus Glienicke ist gemeint. Die ließen sich hier nieder und sehr viel später kam ein gewisser Bernhard Ehlers und kaufte den 657 Hektar umfassenden Gutsbesitz. Ehlers gilt quasi als Vater des heutigen Ortsteils Finkenkrug und ist deshalb vielen Falkenseern ein Begriff. 1960 wurde das bereits sehr in Mitleidenschaft gezogene Gutshaus abgerissen.

Katholische Kirche ist Bau der Neuzeit

Nächster Halt war die katholische Kirche St. Konrad von Parzham auf der anderen Seite des Gutsparks. 1934 wurde der Grundstein für die Kirche gelegt, die 2010 ein modernes Gemeindezentrum erhielt. Interessant für die historische Tour ist der von 1935 bis 1942 dort wirkende Pfarrer Heinrich Tomberge, der sich den von den Nazis verfolgten Menschen annahm.
Ebenfalls am Rande des Gutsparks sollten Feierhalle, Heimgebäude und ein Freibad für die Hitlerjugend entstehen. Über dem ersten Bauabschnitt kam man hier nicht hinaus, heute steht hier ein Kindergarten. „Eine deutlich bessere Nutzung“, sagt Lenkitsch.

Weiter durch Seegefeld

Weiter geht es Richtung Seegefelder Straße und einem Stopp vor der alten Stadthalle. Hier stand einmal ein Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus. Obwohl es unter Denkmalschutz stand wurde es Anfang der 1980er Jahre abgerissen. Heute mahnt eine Gedenkstätte vor dem Rathaus.
In der Ulmenstraße, die von der Seegfelder Straße abgeht, lebte bis 1942 Minna Rosa Cohn, die zuvor als Schwester in einem Krankenhaus tätig war. Im November 1942 wurde sie wegen ihrer jüdischen Herkunft in das Lager Theresienstadt deportiert, wo sie kurz darauf verstarb.

Der alte Güterbahnhof

Wer regelmäßig mit der Bahn nach Berlin fährt, hat das nächste Ziel schon oft aus dem Bahnfenster heraus gesehen, den alten Güterbahnhof. Gebaut wurde er für die Errichtung und Belieferung eines Reichsbahnausbesserungswerkes in der Nähe des Bahnhof Seegefeld. Genutzt wurde er stattdessen von der DEMAG (Deutsche Maschinenbau-Aktiengesellschaft) zur Waffenproduktion.
Nach dem Krieg spielte der Bahnhof eine wichtige Rolle bei der Grenzsicherung, inzwischen ist er ungenutzt und es gibt Pläne, auf dem Gelände einen Park&Ride-Parkplatz einzurichten.

Bahnhof von 1848

Wer dann von dort zum Bahnhof geht, kommt an der „Berufsschule für Jünglinge und Mädchen vorbei“. Auch der Bahnhof hat geschichtlich einiges zu bieten. Zunächst ein kleines namentliches Verwirrspiel, den der Bahnhof eröffnete im Jahre 1848 als Bahnhof Seegefeld. Damals gab es noch kein Falkensee, das entstand erst 1923. 1927 erfolgte die Umbenennung in Bahnhof Falkensee.
Für rund zehn Jahre fuhr sogar eine S-Bahn nach Falkensee. Bis zum Mauerbau und einer spektakulären Flucht mittels eines Zuges, dann war Schluss. Der Bahnhof bot kaum noch Reisemöglichkeiten. Allerdings blieben alle Service-Einrichtungen erhalten. „So dass, wenn es auf einen Schulausflug ging, ich bereits mein ganzes Geld am Bahnhof-Kiosk ließ“, erinnerte sich ein Zeitzeuge.