Sie kniet, die Hände hat sie schützend aufs Gesicht gelegt. Beben sie nicht, die aus Stein gehauenen, schmalen Schultern? Ein leises Schluchzen, oder war es der Wind, der hier, an diesem Ort, so viel kühler scheint? Man möchte sie trösten und wagt es doch nicht, die geisterhaft Schöne in ihrem Schmerz zu stören. Es ist ihre Trauer, sie ganz allein scheint zu wissen, was hier einst geschah. Es ist ihr Verlust, Liebe, Zugehörigkeit, die Träume der Zukunft, alles hat sich für sie aufgelöst. Vor sehr langer Zeit schon und doch wird ihr Schmerz spürbar für den Besucher, der sich an diesen Ort verirrt.

Man nennt sie auch „Weiße Maria“

Der Kirchturm von Rohrbeck lugt zwischen den Bäumen hervor. In der Luft liegt der Geruch von Heu und Pferden und egal in welche Richtung man sich dreht, irgendwo steht auch immer ein Warm- oder Kaltblüter, elegante, große Pferde, kleine, verspielte Ponys, deren Mähne im Wind wehen, wenn sie übermütig über die Koppeln toben. Dorfidyll, hinter den Häusern sieht man die Spitze eines Hügels, im Sommer weiden dort Schafe. Es ist der Galgenberg und der Name lässt ahnen, es war nicht immer friedlich in Rohrbeck.
Hinter dem Berg führen einladend wirkende Pfade vorbei an Wiesen und Weiden zum nahen Waldesrand. Fast könnte man sie übersehen, die zarte Gestalt, die in versunkener Haltung auf dem Steinsockel kniet. Einst sollen Sockel und die trauernde Frau in reinem Weiß gestrahlt haben. Weiße Maria, nennt man sie deswegen auch. Die Zeit hat sie ergrauen lassen, hat an ihr geknabbert. Doch haben diese Spuren ihr nicht die mystische Schönheit rauben können.

Trauernde Frau nicht in Denkmalliste

Gleichzeitig ist es ein kleines Wunder, denn die trauernde Frau, als Denkmal von unbekannter Hand geschaffen, taucht in keiner Denkmalliste des Landes auf. Sie erfuhr nie Hege und Pflege, keine schützende Hand, die sich über den kalten Stein legte.
Sie ist die Mutter, die Ehefrau, die Geliebte, die Schwester, die Freundin, die, die trauernd zurückbleibt. Sie vergießt Tränen für jene Männer, die hier begraben liegen. Denn was nach Landidyll aussieht, ist in Wahrheit ein Friedhof aus dem ersten Weltkrieg. 186 Russen, 53 Franzosen, 38 Engländer, 25 Italiener und drei Rumänen sollen hier ihre letzte Ruhe gefunden haben. Sie alle einte ein Schicksal: sie waren Kriegsgefangene im Ersten Weltkrieg. Während die Italiener, Franzosen und Engländer umgebettet wurden, blieb dies die Ruhestätte für die rumänischen und russischen Gefangenen aus dem nahen Kriegsgefangenenlager Rohrbeck.

Kriegsgefangene sollen Denkmal geschaffen haben

Französische Kriegsgefangene sollen das Denkmal um 1917 geschaffen haben. Auf dem Sockel sind zwei Tafeln angebracht, auf der einen steht ein letzter Gruß in den Sprachen englisch, französisch, italienisch und russisch. Die andere Tafel trägt eine lateinische Inschrift. Nachdem um 1920 die letzten Umbettungen erfolgt waren, wurde es still auf dem Friedhof.

Mehr als 30.000 Kriegsgefangene in Rohrbeck

Die Toten kamen zumeist aus dem Kriegsgefangenenlager Rohrbeck. Bis zum Kriegsende 1918 waren hier mehr als 30.000 Gefangene interniert. Vom Lager gibt es wenig Spuren. Rohrbeck ist ein Ortsteil von Dallgow-Döberitz, hier lag ein großer Truppenübungsplatz, ein Flugplatz, bereits 1910 gebaut, Flugzeuge, auch Zeppeline, waren dort stationiert. Militärisch geprägte Orte von der Hamburger Chaussee, heute Bundesstraße 5, durchschnitten. Auf der einen Seite fanden Wisent und Wildpferde in der Sielmann Naturlandschaft Döberitzer Heide eine neue Heimat. Daneben stehen noch die Kasernen, doch schon bald sollen sie einem Freizeitdorf weichen.
Auf der anderen Seite zieht sich die ehemalige militärische Nutzung wie ein roter Faden durch die Landschaft. Die Fliegerkasernen in Elstal, nicht zuletzt das Olympische Dorf, Sportlerunterkunft für wenige Wochen, dann ebenfalls im Zeichen von Krieg und Zerstörung stehend und als Militärstandort genutzt. Erst mit Abzug der Sowjettruppen wurde eine friedliche Nutzung des Geländes wieder möglich.

Andrea Johlige setzt sich für Erhalt des Denkmals sein

Dabei wird Geschichte jedoch allzu oft verdrängt, vergessen. Das Bewusstsein für die Geschichte dieser Orte rücke in den Hintergrund, gibt Martin Conrath, Kenner der Geschichte der Döberitzer Heide, zu bedenken. Dessen Forschungen bringen Licht ins Dunkel der Geschichte rund um die Döberitzer Heide, dem einstigen Truppenübungsplatz, die Kasernen, die Lager und nicht zuletzt auch die Friedhöfe.
Das Bewusstsein für den Ort stärken, das möchte auch die Landtagsabgeordnete Andrea Johlige (Die Linke). Sie setzt sich für den Erhalt des Denkmals der trauernden Frau ein. Nicht ganz einfach, denn der Friedhof und das Denkmal stehen auf Privatgelände. Ein Trauerlicht am Sockel des Denkmals zeigt, ab und an kommen Menschen vorbei, setzen ein Zeichen gegen das Vergessen. Sie kommen, sie gehen, zurück bleibt eine trauernde Frau, allein am Waldesrand.