Es kann viele Gründe dafür geben, nach Falkensee zu ziehen. Für Heiko Herkel war es ein Video. Ein Film, der ein Mädchen mit Behinderung in einer Falkenseer Grundschule porträtierte. Herkel, dessen ältester Sohn das Down-Syndrom hat, war begeistert. Kinder mit und ohne Einschränkung, die gemeinsam lernen, das war es, was er sich für seinen Sohn wünschte. Falkensee als Ort der Inklusion, der Traum war schnell ausgeträumt.

Inklusion nur im Kindergarten

Am Dienstag stand Herkel im Ausschuss für Bildung, Kultur, Sport und Soziales. Dort berichtete er über seine Bemühungen, seinen inzwischen 12-jährigen Sohn an einer Oberschule im Ort unterzubringen. Der Vater von insgesamt vier Kindern steht nicht zu ersten Mal vor dem Problem, eine Schule für den Ältesten zu finden. Denn die Diesterweg Grundschule, die ihm damals im Video so imponierte, konnte seinen Sohn nicht aufnehmen. Lediglich in der Kita Entdeckerland war die Inklusion möglich. Auch keine der anderen Grundschulen wollte den Jungen, der in seiner geistigen Entwicklung eingeschränkt ist, aufnehmen.
Statt in Falkensee ging der Junge nun in der Nachbargemeinde Schönwalde-Glien zur Schule. Die Grundschule Menschenskinder nahm ihn auf, ein Glücksfall auf der einen Seite. Herkel schwärmt in den höchsten Tönen von der Schönwalder Grundschule. Er erzählt, anfangs hatten einige Kinder Berührungsängste, doch schon bald sei sein Sohn Teil einer ganz besonders liebenswerten Klassengemeinschaft geworden.

Inklusion auch im sozialen Umfeld nötig

Doch ein Wehrmutstropfen blieb. Herkels Sohn war das einzige Kind von außerhalb in der Klasse, was Treffen mit den Schulkameraden nach der Schule deutlich erschwerte. In der Schule war die Inklusion gelungen, im allgemeinen sozialen Umfeld leider nicht, lautet das Fazit des Vaters.
Deshalb möchte er den Sohn nicht in eine Berliner Schule geben. Und erst recht nicht zur Förderschule nach Markee schicken, „wo die Kinder am Ende der Straße untergebracht werden“, wie er sagt. Der Slogan der Falkenseer Oberschule „Eine Ganztagsschule für alle“ ließ Raum für Hoffnung, dazu wird auf der Startseite gemeinsames lernen angekündigt.

Absage der Falkenseer Oberschule

Doch von der Schule erhielt Herkel eine Absage. Der Förderbereich „Geistige Entwicklung“ gehöre nicht zum Schulprofil, erfuhr er. Zu Herkels Unglück kommt noch Pech dazu, denn bis vor Kurzen nahm die Oberschule in Brieselang Kinder mit diesem Förderbedarf auf. Doch die Schule wird gerade in eine Gesamtschule umgewandelt, dazu gab es personelle Veränderungen, auch hier erhielt Herkel eine Absage.
Und nun? Doch die Förderschule? Herkel fragt: „Mein Sohn lebt bisher als Teil der Gesellschaft, welches Argument rechtfertigt seine künftige Exklusion?“ Er sagt weiter, er wisse, sein Sohn ist kein Einzelfall. „Für eine 45.000 Einwohnerstadt ist es nicht angemessen, diese Kinder einfach in andere Städte abzuschieben“, fügt er hinzu.

Keine Hilfe in Aussicht

„Ich kann ihnen keine Hilfe in Aussicht stellen“, sagt Dezernentin Luise Herbst, in deren Zuständigkeit der Sachverhalt fällt. Die konzeptionelle Ausrichtung entscheiden die Schulen, erklärt sie. Christine Plörer, stellvertretende Vorsitzende des Beirates für die Teilhabe von Menschen mit Behinderung, verweist hier auf den Teilhabeplan der Stadt und sie gibt zu bedenken, dass Eltern ein Wahlrecht bei der Schule ihrer Kinder hätten. Davon könne in diesem Fall keine Rede sein. Heinz Cornel, sachkundiger Einwohner im Ausschuss, fragt: „Macht es nicht doch Sinn, dass dieser Ausschuss seinen politischen Willen bekundet?“
„Der Wille muss da sein“, sagt auch Herkel. Nein, das hilft nicht sofort und doch war diese letzte Aussage für ihn die Entscheidende in der Diskussion.
Im Schuljahr 2019/20 wurde an 218 Schulen im Land gemeinsam gelernt. Davon sind 161 Grundschulen, 27 Oberschulen, 6 Gesamtschulen, 4 Oberstufenzentren und 20 Schulzentren. Das sind 41 Prozent der Schulen in öffentlicher Trägerschaft. Laut Koalitionsvertrag will die Landesregierung das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Förderbedarf weiter ausbauen.