Was so nicht ganz korrekt ist. Nach heutiger Definition töten Massenmörder mehrere Menschen auf einmal. Schumann tötete und vergewaltigte über die Jahre hinweg, ohne dass man seiner Habhaft wurde - er war ein Serientäter. Erst Glück im tiefsten Unglück führte auf seine Spur.
Sein erster Mord, ein Unfall?
14. Mai 1908, ein heißer Frühsommertag. Hertha Balzuweit flocht ihr Haar gern zu Zöpfen. Hertha war draußen im Wald, in Begleitung ihres ein Jahr älteren Cousins, Friedrich Schumann. Der feierte an diesem Tag seinen 16. Geburtstag und hatte ein Tesching, eine Handfeuerwaffe kleinen Kalibers und geringen Gewichts, geschenkt bekommen. Das Mädchen sprang singend vor ihm her, durch den Wald, bald hier hin, dann dorthin, dann ein Schuss.
Friedrich Schumann stellte den Vorfall als einen Unfall dar. Man glaubte ihn, er kam mit einer geringen Strafe davon. Wenige Stunden vor seiner Hinrichtung wird er seinem Anwalt diese Tat als seinen ersten Mord schildern. Als Grund für die schreckliche Tat nannte er den Gesang der Cousine. Zu laut, sie habe die Tiere verscheucht. Zu laut, störend, zu viel Lebensfreude ausstrahlend, das sollte er auch später über seine weiteren Opfer sagen.
1911 erschießt Schumann eine Frau auf einer Chaussee bei Falkenhagen und wieder behauptet er, es habe sich um ein Versehen gehandelt. Obwohl die Frau eine bekannte Menge an Geld bei sich trug, dass später fehlte, glaubt man Schumann erneut. Diesmal geht er für 9 Monate ins Gefängnis. Als 1914 der erste Weltkrieg ausbricht, ist der Schlossergeselle nur allzu bereit in den Krieg zu ziehen. Mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse kehrt er Heim.
Harte Zeiten halten den Mörder nicht auf. Viele der Kriegsheimkehrer finden nicht mehr ins Leben zurück. Schumann lebt mit seiner Ehefrau in Spandau, damals noch bei Berlin, es wurde erst 1920 von Berlin eingemeindet. Seine Frau, so sagte sie, und er selbst wird das später bestätigen, hatte keine Ahnung von seinen mörderischen Ausflügen an den Falkenhagener See. Niemand ahnt etwas von seinem heimlichen Doppelleben.
Er arbeitete als Schlosser im Reichsbahnausbesserungswerk. Die Nachbarn in der Staakener Straße bemerkten nichts Ungewöhnliches. Man lebte beengt damals, es kam nicht selten vor, dass mehrere Menschen sich ein Bett teilten und Fremde auch die gleiche Waschgelegenheit nutzten. Doch vielleicht hatten die Menschen tatsächlich andere Sorgen. Lebensmittelknappheit trieb viele aus den Städten aufs Land. Und Schumann? Mordet weiter oder versucht es.
Die Furcht geht um im
Falkenhagener Forst
Im September 1916 gibt Schumann acht Schüsse auf einen Hegemeister ab, ohne ihn zu treffen. Im Juli 1917 erschießt er den Nachtwächter Engel in Falkenhagen. Schumann schießt, sobald sich was im Wald bewegt. Auch auf Tiere, die lässt er liegen, denkbar seltsam in Zeiten des Hungers. Noch im Jahr 1917 erreicht er die nächste Stufe der Gewalt. Hat er vorher scheinbar wahllos um sich geschossen, kommt nun sexueller Missbrauch an Frauen hinzu. Dabei ist es unwichtig, ob die Frauen allein oder in Begleitung eines Mannes unterwegs sind. Er tötet die Männer, missbraucht die Frauen und tötet auch sie.
Im Januar 1918 kommt Brandstiftung hinzu. Auf die herbeieilenden Rettungskräfte eröffnet Schumann das Feuer. Am 22. Juni 1918 tötet er den Lehrer Paul, der war ihm zuvor mehrfach bei der Ausübung seiner Verbrechen in die Quere gekommen.
Sein letztes Opfer gibt den entscheidenden Hinweis. Am 18. August 1919 schießt Schumann zweimal auf den Förster Wilhelm Nielbock, dann hat seine Waffe eine Ladehemmung. Der tödlich verwundete Förster schafft es noch, seine Schrotflinte anzusetzen. Er trifft den Flüchtenden in die Schulter. Schwerverletzt schleppt Nielbock sich zur roten Villa in Falkenhagen. Dort kann er den Helfern den Mann beschreiben, der auf ihn geschossen hat. Seine Kleidung und der entscheidende Hinweis, Schrot in der Schulter. Nielbock erlag noch in der Nacht seinen schweren Verletzungen in einem Krankenhaus in Spandau. Er hinterließ eine Frau und drei Kinder.
Schumann wird gefasst
Die Polizei gab die Meldung, dass der Massenmörder vom Falkenhagener See verletzt sein könnte, nicht an die Presse weiter, wohl aber an die Ärzte und Krankenhäuser. Bereits zwei Tage später erregte ein Patient die Aufmerksamkeit des Spandauer Arztes Dr. Georg Tepling. In dessen Praxis, in der Potsdamer Straße, erschien ein Patient mit Schrot in der Schulter und einer wenig glaubhaften Geschichte. Während der Arzt den Patienten behandelte, konnte er seine Frau informieren, diese holte die Polizei. Schumann wurde noch in der Praxis verhaftet, er leistete keinen Widerstand.
Schumann gesteht und widerruft. Der Prozess vor dem Schwurgericht des Landgerichtes 3 in Berlin-Moabit dauerte acht Tage, vom 5. bis 13.Juli 1920. Der später noch recht berühmt werdende Erich Frey übernahm die Offizialverteidigung. Die Beweise gegen Schumann werden erdrückend, als man in seiner Wohnung eine große Ansammlung an Wertgegenständen findet. Trophäen, nichts deutet darauf hin, dass Schumann irgendein Diebesgut zu Geld gemacht hätte. Und als man ihm des Diebstahls bezichtigt, weißt er den Vorwurf entsetzt von sich. In der Sammlung aus Schmuck, Uhren und Kleidung erkennen einige der Angehörigen der Opfer Stücke wieder. Dennoch können ihm nicht alle Taten nachgewiesen werden.
Am achten Prozesstag wird Schumann wegen sechs Morden, elf versuchten Morden, sechs Fällen von Notzucht und acht Fällen von schwerem Diebstahl verurteilt. Das Urteil lautet sechsmal Todesstrafe, lebenslanges Zuchthaus und einige kleinere Strafen. Schumann lehnt jede Revision ab. In den Erinnerungen seinen Anwaltes Erich Frey, gesteht Friedrich Schumann in der Nacht vor seiner Hinrichtung weitere Morde, auch den an seiner Cousine. Bleibt die Frage, welche Nacht war das?
Der Mann, der zweimal
hingerichtet wurde
Sechsmal Todesstrafe - klingt ein wenig überzogen, selbst für die Taten dieses Mannes und auch, aus nachvollziehbaren Gründen, nicht umsetzbar. Für Friedrich Schumann gibt es aber tatsächlich verschiedene Sterbedaten und um konsequent zu bleiben, werden auch zwei unterschiedliche Scharfrichter genannt.
Laut den Aufzeichnungen von Erich Frey wurde Friedrich Schumann am 27. August 1924 durch den Scharfrichter Carl Gröpler hingerichtet. In einer Ausgabe der Berliner Volkszeitung vom 11. Mai 1921 ist von einer am Tag zuvor, also am 10. Mai, erfolgten Hinrichtung des Friedrich Schumann durch den Scharfrichter Lorenz Schwietz zu lesen.
Wie viele Opfer
gab es wirklich?
Die Frage wird sich wohl niemals abschließend klären lassen. Obwohl Friedrich Schumann als einer der ersten Serienmörder der Neuzeit gilt, bleiben Leiden und Anzahl der Opfer im Dunkel der Geschichte verborgen. Heute ist der Falkenhagener See wieder Idylle für Erholungssuchende und so soll es auch bleiben.

Weitere Infos

Weiterführende Literatur zu Friedrich Schumann: Matthias Blazek: „Carl Großmann und Friedrich Schumann - Zwei Serienmörder in den zwanziger Jahren“, Armin Rütters: „Der Schrecken des Falkenhagener Forstes“, Anna Marie B: „Authentische Kriminalfälle - Eine Sammlung von Schicksalen und Verbrechen ab 1800.“ Im Museum-Galerie Falkensee gibt es eine Informationstafel zu Friedrich Schumann und seinen Verbrechen.