21 Tote: NS-Massengrab bei Swiecko entdeckt

Freigelegte Gräber im November 2019 auf dem Gelände des einstigen evangelischen Friedhofs von Schwetig in Swiecko: An einigen Skeletten erkannten die Forscher Verletzungen, möglicherweise von Misshandlungen.
Biuro Poszukiwan i Identyfikacji IPNNeun Tage wurde gegraben, vorigen Mittwoch waren auf dem verwilderten alten Dorffriedhof die sterblichen Überreste von 21 Menschen freigelegt. Hinter der früheren Friedhofskapelle. Reine Skelette, jeweils zwei bis drei Personen in insgesamt acht Gruben – keine Grabmarkierung, Gegenstände, keine Kleidungsreste.
„Die Toten wurden nackt begraben. Das stimmt mit den Zeitzeugenberichten, auf die wir uns stützten“, erklärt Adam Kaczmarek vom Posener Büro des polnischen Instituts für Nationales Gedenken (IPN), der die Suche nach vermuteten NS-Massengräbern in Swiecko leitete. Kaczmarek geht davon aus, dass die Toten Gefangene des polizeilichen Arbeitserziehungslagers Schwetig waren, das von 1940 bis 45 existierte – in Sichtweite der heutigen Autobahnbrücke.
Mehr als 10 000 Menschen durchliefen das Lager, das die Hölle gewesen sein muss. Insassen waren meist Zwangsarbeiter aus verschiedenen besetzten Ländern Europas, die in den Raum Frankfurt verschleppt worden waren und wegen „Aufsässigkeit“ und anderen Verstößen von der Polizei verhaftet wurden. Sie mussten unter Hunger beim Bau der Autobahn schuften. Schwetig war bekannt für Schläge, Prügel und sadistische „Spiele“. Im Winter wurden Häftlinge mit kalten Wasser übergossen. Die Zahl der Todesopfer lässt sich schwer bestimmen.
Die Suchaktion im November brachte den ersten Grabfund sterblicher Überreste. In Warschau werden sie nun weiter untersucht. Vor einem Jahr hatte Kaczmareks Team bereits Urnennummern aus Metall gefunden. Bei den Suchaktionen arbeitet das Institut eng mit zwei Frankfurtern zusammen: Konrad Tschäpe von der Gedenkstätte sowie Matthias Diefenbach vom Institut für angewandte Geschichte, der intensiv zur Geschichte des Lagers geforscht hat. Diefenbach geht von 1000 bis 1500 Gräbern aus, die laut Berichten auch im Umfeld des Lagers verteilt unter der Erde liegen müssen, vor allem in der Zeit als im Lager Typhus grassierte. Die Grabstellen auf dem alten Friedhof waren noch am genauesten beschrieben. Diefenbach und Tschäpe hatten zum Beispiel die in Schwetig aufgewachsene und später in Frankfurt lebende Hildegard Musick befragt. Sie berichtete, wie einmal pro Woche der Leichenwagen aus dem Lager Tote auf den Friedhof gebracht hatte. Die Quellenlage zu Schwetig ist vielschichtig.
Kaczmarek etwa hat ähnliche Hinweise aus Zeugenbefragungen der 70er Jahre, die polnische Staatsanwälte der Kommission für die Aufklärung von NS-Verbrechen vornahmen – der Vorgängerorganisation von Kaczmareks Institut, das den abgerissenen Faden nun wieder aufnimmt. Die Staatsanwälte bekamen damals Hilfe vom Lokalforscher Horst Joachim, der sich in Frankfurt mit der Lagergeschichte befasste und Kopien der Friedhofsakten an die polnische Kommission übergab.
Opfer in Frankfurt eingeäschert
Denn im Frankfurter Krematorium wurden viele Opfer von Schwetig eingeäschert. Dank dieser Aktenkopien konnte Kaczmarek die beiden vor einem Jahr ausgegrabenen Urnennummern zwei Personen zuordnen. Und die Originale dieser Akten, die Horst Joachim noch in den 70ern einsah? In Frankfurt seien sie heute unauffindbar, sagt Diefenbach. Ob sie mit der Beseitigung wilder Friedhofsanlagen verschwanden, gezielt vernichtet wurden oder verschimmelten, darüber könne man nur spekulieren, sagt er.
