Denn an diesem Sonntag treffen die ersten Flüchtlinge aus Posen und Lodz ein – zwei polnische Großstädte, die seit 1939 von den Deutschen besetzt waren, aber jetzt von der Roten Armee erobert werden. Die Weichsel-Oder-Operation, die die Rote Armee am 12. Januar noch aus weiter Entfernung begonnen hatte, kommt in rasendem Tempo voran. Wenige Wochen zuvor hatten deutsche Einheiten noch die polnische Hauptstadt Warschau zerstört. Jetzt sind Stalins Truppen den Deutschen drückend überlegen.
In Frankfurt verbreitet sich an diesem Sonntag die Nachricht, dass SS-Obergruppenführer Artur Greiser, der als Gauleiter des Warthegaus seit 1939 sein Unwesen im besetzten Polen getrieben hatte, in Frankfurt als "einer der ersten Flüchtlinge" eingetroffen sei. Im Regierungsgebäude soll er mit seinem Gefolge ein Ess- und Trinkgelage veranstaltet haben, nachdem er noch tags zuvor die Deutschen in Posen zum Durchhalten aufgerufen hatte.
Doch Hermine Reichert, eine damals 62-Jährige aus Booßen bei Frankfurt, hat ganz andere Sorgen: Ihre einzige Tochter Rita Köhler ist hochschwanger, sie erwartet ihr viertes Kind. "Und dennoch musste meine Großmutter Hermine mit meiner Mutter und uns drei kleinen Kindern die Stadt verlassen, weil es so befohlen wurde", berichtet Heinz Köhler. Der langjährige Fotograf der "Märkischen Oderzeitung" war damals dreieinhalb Jahre alt. Seine Erinnerungen an die nun folgenden Wochen und Monate kann er aus einem Bericht schöpfen, den seine Großmutter im November 1945 zu Papier brachte. Sowie aus Erzählungen seiner älteren Geschwister Franz-Dieter und Christel.
Per Zug geht es nach Pulsnitz, einer Kleinstadt bei Dresden, in der Bekannte leben. In Frankfurt, wo Großvater Gustav Reichert als Kreistierarzt des Kreises Lebus noch immer unabkömmlich ist, spielen sich unterdessen immer dramatischere Szenen ab. "Die ganze Woche hindurch war ein fortwährendes Kommen und Gehen von Flüchtlingen", berichtet ein anderer Zeitzeuge. Die Menschen "erzählten zum Teil Furchtbares. Viele hatten tagelang bei Schnee und Eis marschieren müssen. Viele Kinder waren erfroren."
Der Krieg trifft die deutsche Zivilbevölkerung mit ähnlicher Brutalität, wie deutsche Soldaten in den Jahren zuvor über andere Länder hergefallen waren. Doch Adolf Hitler erteilt immer weitere Durchhaltebefehle.
Am 26. Januar wird Frankfurt  zur Festungsstadt erklärt. Sie soll sich der Roten Armee entgegenstellen. Das Volkssturmbataillon 16/1 wird an den Ostwall bei Meseritz (heute Miedzyrzecz) verlegt. Wenige Tage später ist es aufgerieben.
Nördlich von Frankfurt kommen die sowjetischen Stoßtrupps besonders schnell voran. Am 31. Januar errichten sie bei Kienitz im Oderbruch ihren ersten Brückenkopf am westlichen Oder­ufer. In der Nacht davor begeht ein Gestapo-Trupp aus Frankfurt ein besonders grausiges Verbrechen: Über 800 Inhaftierte aus dem Konzentrationslager Sonnenburg (Słonsk) werden ermordet. Zwei Tage später wird dieses Lager von Sow­jetsoldaten befreit. Und es beginnt der monatelange Kampf um die nahe gelegene Festung Küstrin. Weitere sowjetische Brückenköpfe entstehen bei Reitwein und Aurith sowie im Frankfurter Eichwald. Die Dammvorstadt östlich der Oder (das heutige Słubice) können die Deutschen dagegen  noch halten.
In den bereits besetzten Dörfern östlich der Oder rächen sich die Sowjets für frühere deutsche Verbrechen. Häuser werden geplündert, Frauen und Mädchen vergewaltigt, Männer, die im Verdacht stehen, für das Nazi-Regime gearbeitet zu haben, auf der Stelle erschossen.
Weil sich solche Berichte rasend schnell verbreiten und wegen der jahrelangen Gräuel-Propaganda über die "Bolschewiken" begehen Frauen in manchen Orten kollektiven Selbstmord. So wie im 20 Kilometer östlich von Frankfurt gelegenen Wildenhagen (heute Lubin), wo sich mindestens 15 Frauen am 31. Januar auf dem Dachboden eines Bauernhauses gemeinsam erhängen. Die damals zehnjährige Adelheid Nagel, die von ihrer Mutter auch eine Schlinge um den Hals gelegt bekommt, überlebt, weil sie sich nicht zu springen traut. Sie und viele andere Menschen werden ihr Leben lang von solchen Ereignissen traumatisiert sein.
Die Familie von Heinz Köhler in Pulsnitz wird solche Dinge erst später erfahren. Am 11. Februar kommt Detlef Köhler zur Welt, Heinz hat jetzt also noch einen kleinen Bruder. Zwei Tage später werden die Flüchtlinge aus Frankfurt zu Augenzeugen der Bombardierung von Dresden in der Nacht vom 13. zum 14. Februar. "Aus der Ferne sah es wie ein riesiges Feuerwerk aus. Der Himmel war von den Flammen glutrot", erinnern sich Heinz Köhlers ältere Geschwister. Welches Grauen sich tatsächlich abspielte, konnten sich die Beobachter nicht vorstellen. 25 000 Menschen werden in einer einzigen Nacht getötet.
Doch auch das Schicksal der Frankfurter Familie sollte noch schlimmer werden. "Wir mussten mit einem Transport ins Ungewisse fahren. Über Prag brachte man uns tief in die Tschechei", berichtet Großmutter Hermine. In einer Schule findet man ein Massenquartier auf Stroh.
In Frankfurt ergeht bereits am 8. Februar die "letztmalige" Aufforderung zum Verlassen der Stadt an alle "entbehrlich gewordene Frauen und nicht Volkssturmpflichtige". Plünderer werden mittlerweile standrechtlich erschossen.
"Um diese Zeit verließ auch meine Mutti mit mir die Stadt", berichtet Helga Köhler. Sie trug damals noch ihren Mädchennamen Helga Deppe und war siebeneinhalb Jahre alt. "Unser Vater war ja noch im Krieg", erzählt die Frankfurterin. Viele Tage ihrer Kindheit hatte sie bei ihren Großeltern verbracht, die ein Häuschen in der Dammvorstadt besaßen, berichtet sie. Doch eigenartigerweise mussten die Bewohner des östlichen Ortsteils die Stadt nicht verlassen. Den  geliebten Dackel "Strolli" nehmen Mutter und Tochter mit auf die Flucht. Zunächst geht es im Zug nach Großenhain in Sachsen.
Am 15. Februar besucht Propagandaminister Joseph Goebbels noch einmal die Oderstadt. Vier Tage später wird die Eisenbahnbrücke über den Fluss gesprengt. Am 25. Februar wird den Soldaten der Festung der Durchhaltefilm "Kolberg" gezeigt. Bis Ende Februar fallen in Frankfurt 206 Soldaten, 905 sind verwundet und 209 werden vermisst. Das alles geht aus einer Chronologie hervor, die der Mitarbeiter des Museums Viadrina, Karl-Konrad Tschäpe, aus zahlreichen Quellen gefertigt hat.
Drei Monate bis zur Berlin-Operation
Stalins Armee legt nach ihrem enormen Geländegewinn eine mehrmonatige Pause an der Oder ein. Der Sturm auf Berlin soll erst im Frühjahr erfolgen. Die Berliner Operation der Roten Armee beginnt am 16. April mit der "Schlacht bei den Seelower Höhen". Während die Festung Frankfurt nicht in der Hauptkampflinie liegt, spielt sich nur 25 Kilometer weiter nördlich die blutigste Schlacht des Zweiten Weltkriegs auf deutschem Boden ab. An vier Tagen sterben mehr als 45 000 Menschen.
Unterdessen geht die Odyssee der Frankfurter Flüchtlinge weiter. Hermine Reichert und ihre Angehörigen kommen nach Brandenburg zurück und werden in der Gegend um Oranienburg von den Kämpfen an der deutsch-russischen Front eingeholt. "In einer engen kleinen Waschküche lagen wir auf etwas Stroh und harrten der Dinge, die kommen sollten. Gerade, als wir vor Müdigkeit eingeschlafen waren, klopfte es grässlich, und die Hausbewohner schickten uns in ihre Wohnung nach oben, denn sie wollten selbst in den sichereren Keller. Also schoben wir mit Sack und Pack nach oben. Wir waren so stumpf, dass es uns recht gewesen wäre, wenn uns alle eine Bombe getötet hätte. Aber wir erlebten den Morgen!"
Auch Helga Deppe und ihre Mutter fliehen in Sachsen von Dorf zu Dorf, "immer von der  Angst getrieben, vergewaltigt zu werden". Dabei geht auch Dackel Strolli verloren. "Um so größer war unsere Freude, als wir ihn 14 Tage später wiederfanden. Er war zwar total abgemagert, aber überglücklich."
Am 22. April ziehen sich die Überreste von Wehrmacht und Volkssturm mehr oder weniger kampflos aus Frankfurt zurück. Doch viele Männer geraten kurz darauf in den Kessel von Halbe. Das Zentrum der Oderstadt ist laut Augenzeugen zu diesem Zeitpunkt noch relativ intakt. Viele Häuser fallen erst den Bränden zum Opfer, die sowjetische Soldaten nach ihrem Einmarsch legen.
Irgendwann im Mai kommen die Köhlers zurück. "Das erste Bild, an das ich mich genau erinnern kann, ist ein deutscher Gendarm, der mit eingeschlage­nem Kopf in einem Graben am Spitzkrug liegt. Und dazu mehrere Kinderleichen", beschreibt Heinz Köhler. Was aus heutiger Sicht schrecklich klingt, habe er damals fast als normal empfunden. "Man hatte sich an den Krieg gewöhnt", fügt der mittlerweile 78-Jährige hinzu.
Sein kleiner Bruder Detlef stirbt im Juni 1945 an Unterernährung. "Ich sehe noch, wie er tot in seinem Bett liegt." Seinen Vater, der schon im September 1939 in den Krieg ziehen musste, hat Heinz Köhler nie bewusst kennengelernt. "Er starb im April 1945 bei einem der letzten Fliegerangriffe im bosnischen Sarajewo." Das erfährt die Familie erst viel später.
Helga Deppe und ihre Mutter laufen den ganzen Weg aus Sachsen "mit einem Handwagen zu Fuß nach Frankfurt zurück." Zum Glück hält auch Dackel Strolli diese Tortur durch.
Ihre Großeltern, die die ganze Zeit in der Dammvorstadt überlebt hatten, müssen am 27. Mai ihr Haus verlassen. Drei Tage zuvor war bereits der erste polnische Bürgermeister für das neue Słubice berufen worden. "Plötzlich hieß es, alle Deutschen müssen innerhalb weniger Stunden raus", erinnert sich Helga Köhler. Wie zum Hohn berichtet die von der Sowjetischen Militäradministration herausgegebene Zeitung "Tägliche Rundschau" am gleichen Tag über Frankfurt: "Normales Leben zieht wieder ein."
Ins Haus der Köhlers ziehen russische Soldaten ein. Der kleine Heinz lernt rasch ein paar Brocken der fremden Sprache und wird bei der Essensverteilung bevorzugt behandelt. Einige Male kann er deutschen Gefangenen, die im Keller eines Hauses einsitzen, ein paar Brocken Brot zustecken.
Heinz Köhler und Helga Deppe lernen sich 1958 kennen. Seit 1962 sind sie verheiratet und immer in Frankfurt geblieben.