Ankommen: Fünf Frankfurter Schicksale und eine Hoffnung
Eines Abends wurde ich in Afghanistan in einen Keller verschleppt. Ich wusste nicht, wo ich war“, erzählt Ziaulhaq Malike Zada. Seine Entführer schlugen ihn, er hatte dabei die Augen verbunden. Bis dahin dolmetschte Zada in der afghanischen Armee für die Bundeswehr. Trainings-Zertifikate aus Kabul auf seinem Sofa belegen das. Als die Taliban das spitz bekamen, wurde er zuerst anonym bedroht. Später ging es um Leib und Leben. Seine Flucht dauerte Monate, bis er nach Deutschland kam.
Kürzlich war Zada in Berlin. Doch nicht zum Einkaufen von Weihnachtsgeschenken, sondern bei seinem Rechtsanwalt. „Meine Duldung wurde um ein weiteres Jahr verlängert“, sagt der junge Mann aus Afghanistan enttäuscht. Er wolle doch endlich einen deutschen Pass und arbeiten, etwas Sinnvolles tun. Doch weil Zada keinen afghanischen Pass vorweisen kann, ist er wegen der Verfolgung in der Heimat zwar geduldet, wie es auf dem Verwaltungspapier der Stadt Frankfurt heißt. Doch darunter steht: „Kein Aufenthaltstitel! Der Inhaber ist ausreisepflichtig!“.
Der 25-Jährige ist geknickt, sitzt mit hängendem Kopf auf der Couch in seiner Wohnung im Pablo-Neruda-Block. Einsamkeit, keine regelmäßige Beschäftigung, nicht arbeiten zu dürfen, in einem fremden Land, in einer ihm fremden Kultur – all das schlägt auf die Psyche. Dabei versucht Zada aus allem das Beste zu machen, sich nicht hängen zu lassen. Als er die ersten Monate in der Gemeinschaftsunterkunft Seefichten wohnte, engagierte er sich dort für den Internationalen Bund Brandenburg (IB) als Sprach- und Kulturvermittler. „Ich arbeitete auch als eine Art Sozialarbeiter, horchte, wo die Probleme der Mitbewohner lagen“, erzählt der junge Mann. Als „Lotse“ führte er Mietergespräche im Pablo-Neruda-Block. Bis es Streit mit einer anderen Bewohnerin gab, der sein Ehrenamt beendete.
Nach seinem abgeschlossen Deutschkurs, mit dem Niveau B2, liest er Zeitungen und Bücher, um seine Sprachkenntnisse zu erweitern, malt Bilder. Trotzdem sei ihm oft langweilig. Regelmäßig verfolgten ihn in Alpträumen die Schatten seiner Vergangenheit. Im Sommer hielt er es fast nicht mehr aus, wollte seinem Leben ein Ende setzen. Daraufhin kam er ins Klinikum nach Markendorf, bekam Psychopharmaka. Nun gehe es ihm wieder besser. Sein Wunsch zu Weihnachten: eine Beschäftigung, einen Sinn in seinem Leben.
Imam am Brückenplatz
Mehr angekommen ist Mohammed Tarek Alsabbagh. Er ist 27 Jahre alt und wohnt am Bruno-Petersberg, mit seiner Frau und zwei Kindern. Als Imam predigte Alsabbagh über Jahre freitags mit Hundert anderen Gläubigen in der Turnhalle am Brückenplatz. „In den Schulferien kommen bis zu 400 Menschen zusammen“, sagt er. An hohen muslimischen Feiertagen sitzen Muslime und Gäste zusammen beim Grillen. Wie er kommen die meisten Frankfurter Muslime aus Syrien sowie aus Afghanistan, Tschetschenien oder der Türkei.
Wegen des Krieges in Syrien floh Alsabbagh vor fast vier Jahren mit Frau und Kind nach Deutschland. Eine Woche dauerte es, bis er mit seiner Frau in Deutschland ankam. Zuerst fuhren sie mit dem Bus von Syrien in den Libanon, dann ging‘s per Flieger in die Türkei und schließlich mit dem Zug in die Bundesrepublik. „Die deutsche Sprache war und ist der Türöffner für vieles.“ Wie Zada hat Alsabbagh seinen Deutschkurs mit B2-Niveau erfolgreich abgeschlossen.
Aus dem Koran predigt Alsabbagh jetzt nur noch, wenn er freitags schulfrei hat. Denn seit Oktober ist er angehender Labor-Assistent für medizinisch-technische Apparaturen. Diese schulische Ausbildung macht er in einer Eisenhüttenstädter Berufsschule. „Es ist sehr interessant“, sagt er zum Unterricht.
Dolmetscher bei der Bundeswehr
Abschluss am Gymnasium und am Teacher-Training-College – Majeed Behzad genoss eine gute Ausbildung im afghanischen Masar-e Scharif, wo die Bundeswehr ihr größtes Feldlager außerhalb Deutschlands besitzt: das Camp Marmal.
„Es war der 16. Dezember 2015“, sagt Majeed Behzad über seine Ankunft in Frankfurt. Vom Berliner Flughafen schickte ihn die Ausländerbehörde direkt in die Oderstadt. „Ich hatte keine Wahl, die Bundeswehr hat das so entschieden“, erzählt der 30-Jährige – um raus aus der Gefahr in seinem Heimatland Afghanistan zu kommen. Denn als die Taliban herausbekamen, dass der junge Mann als englischsprachiger Dolmetscher für die Bundeswehr arbeitete, wie sein Landsmann Zada, wurden Behzad und seine Familie bedroht und verfolgt.
Knapp drei Jahre arbeitete der junge Mann als Übersetzer für ein Spezialkommando der Bundeswehr. „Wir wurden wie Soldaten eingesetzt, nahmen an vielen Missionen gegen die Taliban teil“, erzählt er. Schusssichere Westen, Nachtsichtgeräte, Helm, Waffen – all das gehörte zur Ausrüstung. „Ein Gefecht wäre fast tödlich für uns ausgegangen“, erinnert sich der Geflüchtete.
Nach der gut dreijährigen Mission ging Behzad für ein Jahr nach Indien. Doch als er wieder kam, wurde die Situation nicht besser. Eines Tages durchschossen Terroristen sogar die Haustür. „Meine Mutter saß zu dieser Zeit sonst immer im Hof, trank dort ihren Tee“, erinnert sich Behzad. Zum Glück habe sie an diesem Tag eine Verabredung gehabt. Schließlich floh seine Familie in den Iran. Ihn versteckte die Bundeswehr für mehrere Monate. „Irgendwann wollte ich nur noch weg, fühlte mich wie im Gefängnis.“ Schließlich wurde sein Flug nach Deutschland organisiert, genauer: seine Flucht nach Frankfurt. Ein Offizier habe ihm sofort über die billigen Zigaretten aus Polen vorgeschwärmt. „In Afghanistan kostet eine Schachtel unter 50 Cent“, sagt Behzad lachend.
„Natürlich war die Sprache anfangs die größte Hürde“, erinnert er sich. Mit seinem erreichten B2-Sprachniveau will der junge Mann 2020 einen deutschen Pass beantragen. „Am meisten vermisse ich meine Mutter“, sagt er. Bisher habe er keine krasse Ausländerfeindlichkeit erlebt. Wird er doch mal auf offener Straße beleidigt, überhört er dies, um Konflikte zu vermeiden.
Sprache und hiesige Menschen lernte Behzad kennen, indem er sich sofort engagierte. Der 30-Jährige ist Teil des städtischen Integrationsbeirats, er rief die Initiative „Interkulturelle Kommunikation und Integration“ (IKI) ins Leben, ist Mitglied im Verein Słubfurt. „Jaran-FFO“ (persisch für „Freunde Frankfurts") ist sein neuestes Projekt – eine interkulturelle Fußballmannschaft, offen für alle Interessierten, die sich jeden Freitag und Samstag von 18.30 bis 21.30 Uhr am Brückenplatz zum Kicken trifft. „Weihnachten, Zuckerfest oder den Geburtstag des iranischen Propheten Baha’u’llah – ich feiere alles“, sagt er. Zur interkulturellen Feier im Mikado machte sich der Afghane Ende November zusammen mit Mustafa auf den Weg. Der 35-jährige Iraner lebt mit seiner Familie seit zwei Monaten in der Zentralen Aufnahmestelle für Flüchtlinge in Markendorf. Im Iran wurde er wegen seines christlichen Glaubens verfolgt, hier in Frankfurt besucht er nun die evangelische Gemeinde am Karl-Ritter-Platz. „Ich bin froh, mich in Frankfurt sicher auf der Straße bewegen zu können“, erklärt er.
„Aufgeben und zu Hause bleiben, gilt nicht“, findet Behzad. Man müsse raus, sich mit Land und Leuten vertraut machen und die Sprache lernen. Beruflich möchte der junge Mann später in Richtung Soziales oder Krankenpflege gehen.
Modedesignerin aus Kenia
12 Jahre lang öffnete Agna Mutero morgens die Türen ihres Bekleidungsgeschäfts. Bis ihr Shop in der kenianischen Großstadt Mombasa nachts angezündet wurde. „Es war schrecklich. Jahrelang kleidete ich viele Bewohner dort ein“, erzählt die 40-Jährige. Doch seit den politischen Unruhen in Kenia von 2007/2008, bei denen es um Manipulation bei der Präsidentschaftswahl ging, ist vieles anders. Über 1000 Menschen wurden bei den Unruhen getötet und über 600 000 Menschen mussten fliehen. Sehr bald entwickelte sich der Konflikt zu einer Auseinandersetzung zwischen mehreren Volksgruppen, wobei vor allem Angehörige der Kikuyu attackiert wurden, zu denen auch Mutero gehört.
„Nach vielen Drohungen war das Anzünden meines Shops der Höhepunkt“, erzählt die 40-Jährige, während sie in der Turnhalle vom Brückenplatz mit der Nähmaschine zwei Stoffstücke vernäht. In Frankfurt lebt sie seit März 2018 im Pablo-Neruda-Block. „In Europa ist für Mode nur ‚der Himmel das Ende‘“, begründet sie ihre Flucht. Hier, im multikulturellen Zentrum der Oderstadt, kann sie wieder in Ruhe Kleidung entwerfen und machen, wenn auch nur hobbymäßig. „Falls ich eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis in Deutschland erhalte, will ich Hebamme werden“, sagt Mutero. Zurzeit werde ihre Duldung nur alle sechs Monate wieder verlängert und die staatliche Unterstützung von 390 Euro reiche hinten und vorne nicht aus.
Erlebte die Kenianerin letztes Jahr ihren ersten Schnee im Leben – „schrecklich, viel zu kalt“ – wünscht sich Mutero für 2020, endlich ihre beiden Kinder wieder in die Arme schließen zu können. In Frankfurt (Oder).
Anzahl der Geflüchteten, die nach Frankfurt kamen
2015: 494
2016: 286
2017: 134
2018: 76
2019: 48 (Stand: 11.12.2019)
Die Nationen, aus denen die meisten Menschen nach Deutschland flüchteten und in Frankfurt landeten, sind u.a. Syrien, die Russische Föderation, Afghanistan sowie Irak, Türkei, Eritrea und Somalia.
Krieg und Gewalt, Perspektivlosigkeit sowie Armut, Diskriminierung und Verfolgung sind häufige Fluchtursachen. ⇥Quelle: Stadt Frankfurt



