Archäologie
: Kellersteine, die von Kleist erzählen

Die bei Ausgrabungen gefundenen Reste des Kleist-Geburtshauses lagern vorerst nun im Kleist Museum.
Von
Thomas Gutke
Frankfurt (Oder)
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Jan Eckardt überreicht Anette Handke den symbolischen ersten Stein aus dem Kleist-Geburtshaus.

Gerrit Freitag

Sie gingen fast ein wenig unter auf der Pressekonferenz am Dienstag zum Goldmünzenfund – die Baureste jenes Hauses, in dem am 18. Oktober 1777 Heinrich von Kleist auf die Welt kam.

Heinrichs Vater Joachim Friedrich von Kleist hatte das Haus – dessen Baugeschichte mehr als 600 Jahre zurückreicht – im 18. Jahrhundert erworben. Hier, in der Großen Oderstraße 26, verbrachte der Dichter seine ersten Lebensjahre. Als Ruine wurde das Gebäude, in dem sich nach dem Ersten Weltkrieg das erste Kleistmuseum befand, in den 1950er-Jahren abgerissen. Es machte einem schlichten Wohnhaus Platz, das wiederum Anfang 2018 für das Neubauprojekt der Wohnungswirtschaft weichen musste.

In der Baugrube fanden seit Juni 2018 umfangreiche Ausgrabungen statt. Dabei stießen die Archäologen nicht nur auf sechs Goldmünzen aus dem 16. Jahrhundert (MOZ berichtete). Im Südabschnitt der Baugrube legten sie im Dezember auch Fußböden von Kellerräumen und Teile der Grundmauern des Kleist-Geburtshauses frei.

Digitales Modell vom Boden

„Die Fußböden bestanden aus roten Ziegelsteinen, die in einem Bett aus Sand über einer Schuttschicht verlegt worden waren. Die Ziegel konnten aufgrund ihrer Maße in das 18. Jahrhundert datiert werden“, erklärt Grabungsleiter Matthias Antkowiak vom Berliner Unternehmen archaeofakt. Die Ziegelfußböden seien offenbar noch bis zur Zerstörung des Hauses nach Weltkriegsende genutzt worden. Und blieben, weil sie sehr tief lagen – 3,20 Meter unter dem heutigen Straßenniveau – erhalten.

Nach der Freilegung der Ziegelsteine dokumentierten die Archäologen das Pflaster fotografisch, zeichnerisch und mit einem bildgebenden Verfahren. Mit 600 Fotos aus unterschiedlichen Winkeln im Bodenbereich erstellte ein Programm ein dreidimensionales Modell, mit dem sich der Kellerboden  digital rekonstruieren lässt. Anschließend bargen die Fachleute 111 erhaltene Ziegel und nummerierten sie durch. „Die anderen Steine waren bereits derart zerstört, dass sie nicht mehr am Stück zu bergen waren“, sagt Matthias Antkowiak.

Auf Paletten gestapelt, fanden die Ziegelsteine inzwischen ihren Weg ins nicht weit entfernte Kleist-Museum, wo sie nun vorerst sicher und trocken lagern. "Für uns ist das tatsächlich auch ein Schatz, der da gefunden wurde“, sagte Anette Handke, die stellvertretende Museumsdirektorin am Dienstag. Der Umgang mit dem Fund sage viel über die Bedeutung aus, die Kleist als Identifikationsfigur in der Stadt habe. Was aus den Steinen werden soll, sei noch nicht geklärt. Eine Überlegung gehe dahin, sie im Garten auszustellen.

Bruchstücke in Schatullen

Bei der Pressekonferenz hatte Wowi-Geschäftsführer Jan Eckardt Anette Handke den symbolischen ersten Stein übergeben. "Kleist hat uns sehr viel Geistiges hinterlassen, aber kaum Materielles“, erklärte er. Auch wenn es das Kleist-Museum trotzdem schaffe, sein Leben nachzuzeichnen, sei für die Wowi daher schnell klar gewesen, „dass die gefundenen Steine ins Museum gehören“, so Jan Eckardt.

Auch für andere Einrichtungen, die den Namen des berühmtesten Sohnes der Stadt tragen, wurden vom ÜAZ Bauwirtschaft Schatullen gefertigt,  die Bruchstücke der Originalsteine enthalten. Sie sollen in den nächsten Wochen übergeben werden, kündigte die Wowi an.