Siarhiej Sierabro steht unter Strom. Nach neun Tagen Protest gegen das Regime von Alexander Lukaschenko hat der Gouverneur der Region Wizebsk, auf russisch Witebsk, erstmals 15 Demonstranten in seine Festung gelassen – allerdings keine Reporter wie Sierabro. Nun warte er, was sie aushandeln, erzählt er am Telefon.
Siarhiej Sierabro macht in Wizebsk das, was der Stadtbote in Frankfurt tut: Berichten, was vor Ort vor sich geht. Seit zehn Tagen steht in Frankfurts 360 000 Einwohner zählender Partnerstadt, wie überall in Belarus, die Welt Kopf. Tausende und Zehntausende versammeln sich seit dem 9. August täglich, meist auf dem Platz des Sieges. Mit Blumen und weiß-rot-weißen Fahnen in der Hand fordern sie den Abtritt des seit 26 Jahren regierenden Autokraten.

Internetseite gesperrt

Sierabros Seite "Narodnija Naviny Wizebska" ist seit dem Wahlabend nur über private Internet-Anbieter erreichbar, die staatliche Telekom hat die Seite gesperrt – trotzdem hat die kleine Redaktion so hohe Zugriffszahlen wie nie. Der 59 000 Mal und damit meistgelesene Artikel dreht sich um einen Audio-Mitschnitt im Wahllokal der Wizebsker Mittelschule Nr. 44, der ein Gespräch zwischen den Wahlhelfern – die Lehrer der Schule – und dem Oberhaupt des Bezirks dokumentiert, nachdem dort 672 Stimmen auf die Oppositionskandidatin Swetlana Tichanowskaja entfielen und 364 auf Alexander Lukaschenko. Jenes Gespräch wurde sogar auf der Facebookseite "Stimmen aus Belarus" ins Deutsche übersetzt. Eine Handvoll Osteuropa-Experten, darunter sind mit Nina Weller und Felix Ackermann auch zwei mit der Frankfurter Viadrina verbundene Wissenschaftler, sammeln und übersetzen darin Berichte von Menschen aus dem im Umbruch befindlichen Land in diesen Tagen.
"Schließen Sie die Tür, lassen Sie uns hinter verschlossener Tür sprechen", beginnt das Bezirksoberhaupt. "Dann erzählen Sie einmal, wie es bei ihnen dazu kommen konnte?" Die Wahlhelfer antworten: "Wir haben ausgezählt, was vorlag." Der Bezirkschef weist die Wahlhelfer schließlich an, die Ergebnisse im Wahlprotokoll zu verändern, so dass sie den angeblichen Ergebnissen im gesamten Bezirk entsprechen: 75 Prozent soll Lukaschenko erhalten, 15 Prozent Tichanowskaja. "Aber warum müssen wir lügen?" beharren die Wahlhelfer.
Normalerweise hätten sie schweigend und schwitzend das Protokoll mit geschönten Zahlen unterschrieben, wie es bei Wahlen im Lukaschenko-Staat oft gewesen ist. Aber die Wahlhelfer unterschrieben nicht, sondern erzählten schließlich Reportern wie Siarhiej Sierabro davon  – eine historische Weigerung, die Bürger nun im ganzen Land praktizieren.

Lokalzeitung durfte nicht erscheinen

Sierabro versucht bereits seit 2006 über Wahlfälschungen zu berichten. Während der damaligen Proteste gründete er seine Seite, nachdem die größte Lokalzeitung in Wizebsk nicht mehr erscheinen durfte. Wie erging es ihm, als er am Wahlabend erstmals auf dem Platz des Sieges mitten in den Protesten stand? "Ich hatte Angst", sagt er. Drei Tage lang hatte die Polizei massenhaft Demonstranten verhaftet und im Gefängnis misshandelt. Sierabro und seine Kollegen beschlossen, bei der Arbeit stets zusammen zu bleiben, um sich gegenseitig im Auge zu behalten. "Nun ist es okay", sagt er, denn die Sicherheitskräfte schreiten kaum noch ein. Wo dieser nie dagewesene Aufstand das Land hinführt, scheint jedoch noch völlig unklar.
Im Hintergrund des Telefons sind plötzlich Stimmen zu hören. "Ich muss weiter, sie kommen zurück vom Gouverneur", sagt Sierabro. Eine Machtübergabe gab es noch nicht. Aber sie handelten aus, dass die sechs noch verbliebenen Inhaftierten in Wizebsk freigelassen werden. 700 waren seit dem 9. August festgenommen worden. Der Polizeichef versprach, "Sadisten in den eigenen Reihen", die Protestierende misshandelten, zu bestrafen.