Belarus: Wie Wizebsk seinen Herbst 1989 erlebt und wie Frankfurt reagiert
Die Literaturwissenschaftlerin hatte eigentlich vor, im Sommer in Belarus zu forschen und das Literaturfestival im Künstlerdorf Kaptaruny, gegründet von dem Schriftsteller Artur Klinau, nah der Grenze zu Litauen zu besuchen. Aber es kam anders – zunächst durch Corona, dann durch die Umbrüche. Das „Belarus–Fieber“ hat Weller erfasst, mit weiteren einstigen Viadrina–Kollegen lindert sie es in einem der Situation geschuldeten Projekt: „Stimmen aus Belarus“ heißt die Facebookplattform, auf sie der ausgewählte aktuelle Berichte von Zeitzeugen aus der belarusischen und russischen Sprache ins Deutsche übersetzt.
Streikende Arbeiter des Minsker Automobilwerks kommen zu Wort, aus dem Gefängnis entlassene Historiker oder Lehrer, die sich bei den Präsidentschaftswahlen am 9. August in ihrer Rolle als Wahlhelfer weigerten, die massiven Wahlfälschungen gegenzuzeichnen. „Alle Generationen und Gesellschaftsschichten sind auf der Straße. Es ist faszinierend, dass die Proteste so friedlich bleiben, ohne dominante Führungsfiguren“, sagt Weller. Ihre Bekannten in Belarus hätten ihr deutlich gemacht, dass sie im Westen gehört werden wollen. Mit den Veröffentlichungen wollten sie und ihre Kollegen einen Einblick geben, wie sich das Selbstbewusstsein der Belarussen durch die solidarischen Proteste gerade verändere.
Eine weitere Geschichte über Frankfurts Partnerstadt: Reporter dokumentiert Wahlfälschung in Wizebsk, Partnerstadt von Frankfurt (Oder)
Auch Klaus Baldauf, Frankfurts einstiger Referent für internationale Zusammenarbeit, treiben die Ereignisse in Belarus um. Denn er ist der Frankfurter mit dem heißen Draht in die Partnerstadt Wizebsk (auf russisch: Witebsk). Viele seiner Bekannten protestieren, gleichzeitig gebe es die Angst vor einem bewaffneten Konflikt, bekommt Baldauf mit. Zuletzt war er im November in Wizebsk, begleitete als Dolmetscher eine Gruppe Boxer der Sportschule zu einem Wettbewerb. Im Frühling war eigentlich die Reise zu einem Kulturfestival geplant. Baldauf kennt in Wizebsk, der Geburtsstadt Marc Chagalls, Kulturmenschen wie den Direktor des Zentrums für moderne Kunst Andrej Duchovnikov, ebenso den stellvertretenden Bürgermeister. Wie könnte Frankfurt reagieren auf die Geschehnisse in der Partnerstadt? Das wolle man im Arbeitskreis Wizebsk am 3. September diskutieren, sagt Klaus Baldauf.
Die Wizebsker Stadtverwaltung stellte sich bisher nicht auf die Seite der Protestierenden. Kürzlich wurde sogar eine Kundgebung zugunsten von Alexander Lukaschenko im städtischen Amphitheater abgehalten, berichtet der Wizebsker Journalist Sierhiej Sierabro. In manchen belarusischen Städten, etwa in Grodno, unterstützen die Rathäuser durchaus die Proteste, stellen zum Beispiel Bühnen für Konzerte bereit. In Wizebsk verhalten sich die Machthaber eher repressiv. Die Polizei habe in den letzten Tagen kleinere friedliche Protestkundgebungen auseinander getrieben, obwohl der Gouverneur kürzlich in Verhandlungen mit Protestierenden versprochen hatte, die Demonstrationen zuzulassen. Die Webseite von Sierhiej Sierabros Redaktion ist zudem blockiert und ist nun auch nicht über mobiles Netz erreichbar, nur über spezielle VPN–Server. „Der Bürgermeister von Frankfurt (Oder) könnte einen Brief oder eine Videobotschaft an unsere Stadtverwaltung schicken mit der Bitte, die Bürger– und Versammlungsrechte zu achten“, schlägt der Sierabro vor.
Es ist Belarus´Herbst 1989
„Sorge und Unterstützung kann man als Stadtverwaltung signalisieren“, empfiehlt Felix Ackermann, der an der Viadrina zu Belarus promovierte, nun mit Nina Weller Mittler der „Stimmen aus Belarus“. Aber auch andere Gruppen, zum Beispiel Kulturschaffende, könnten ihren Kollegen in Wizebsk Interesse und Solidarität signalisieren, vielleicht Petitionen aufsetzen, sollten Menschen wieder inhaftiert und eingeschüchtert werden. „Man muss sich vor Augen halten, dass Belarus gerade etwas ganz ähnliches durchmacht wie die DDR im Herbst 1989“, sagt Felix Ackermann.


