Bilanz für 2019
: 202 mögliche Kindeswohlgefährdungen

Jugendamtsleiterin Cornelia Scheplitz rät: mit offenen Augen durch die Stadt gehen und nicht zögern, anzurufen.
Von
Lisa Mahlke
Frankfurt (Oder)
Jetzt in der App anhören

Seit knapp zwei Jahren ist der Kinder- und Jugendnotdienst in der Lindenstraße zu finden.

Lisa Mahlke

Vor allem Bekannte und Nachbarn meldeten sich 2019 beim Jugendamt mit einem solchen Verdacht, 34 Anrufe oder Mails kamen an. Zugleich gingen fast genauso viele anonyme Meldungen (32) ein. Einerseits kann der Meldende anonym bleiben und die Situation beschreiben – die Mitarbeiter schätzen dann ein, wie reagiert werden muss. Andererseits muss auch die Familie, um die es geht, zunächst nicht konkret benannt werden, erklärt Scheplitz. Ist allerdings ein Einschreiten erforderlich, braucht es zumindest die betreffende Adresse.

In 47 und damit den meisten dieser Fälle ging es 2019 um Vernachlässigung. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass die Kinder nicht gut versorgt oder nicht altersgerecht beschäftigt werden, der Kitabesuch verweigert wird oder sie alleine gelassen werden. Dabei sind auch kulturelle Unterschiede spürbar. In manchen geflüchteten Familien sei es normal, das fünfjährige Kind allein auf jüngere Geschwister aufpassen zu lassen. Die Familien seien dann erschrocken, wenn das Jugendamt vor der Tür steht, sagt Cornelia Scheplitz. Sie betont aber auch, dass es sich bei den Schnittstellen mit der Migrationssozialarbeit zum überwiegenden Teil um polnische oder deutsch–polnische Familien handelt.

In jeweils 13 der 202 gemeldeten Fälle von möglicher Kindeswohlgefährdung lag körperliche beziehungsweise psychische Misshandlung vor (2018: 11 bzw. 23). Vier Fälle von sexueller Gewalt wurden außerdem auf diese Weise gemeldet (2018: 1; 2017: kein Fall). Der überwiegende Teil der Kinder war zwischen sechs und zehn Jahre alt (65). 45 Kinder waren zwischen drei und sechs Jahren, fast genauso viele bis drei Jahre alt. 14 Kinder waren über 14 Jahre alt. Viele von diesen melden sich von allein beim Jugendamt, erzählt Cornelia Scheplitz.

Zahlen zu Mädchen und Jungen, die direkt in den Kinder– und Jugendnotdienst übergeben wurden, konnte sie für 2019 noch nicht nennen, 2018 hatte es aber 93 Inobhutnahmen gegeben, davon 61 aus Frankfurt. 2019 waren vier vorläufige Inobhutnahmen eine Konsequenz aus den Meldungen von Kindeswohlgefährdungen. Die Gründe dafür sind vielfältig — auch der plötzliche Tod der Eltern kann zu einer Inobhutnahme führen.

Für etwa zehn Tage können die Kinder und Jugendlichen dann beim Kinder– und Jugendnotdienst von der Pewobe in der Lindenstraße unterkommen. Dort gibt es vier Plätze und zwei Notbetten, sie werden rund um die Uhr vom pädagogischem Fachpersonal betreut, verpflegt, haben einen Tagesrhythmus mit weiterem Kita– oder Schulbesuch. In dieser Zeit wird geschaut, ob sich das Problem klärt, Verwandte sich um das Kind kümmern können oder es in betreutes Wohnen geht. „Das ist von Situation zu Situation verschieden“, so Pewobe–Geschäftsführer Henrik Bellin. Bei alledem sei das Wichtigste: Das Kind steht an erster Stelle.

Zusammen mit den Eltern

Sozialdezernent Jens–Marcel Ullrich betont, dass die Hilfe von Dritten zwar teilweise notwendig ist. „Aber wir können nicht in die Rolle der Familien eintreten.“ Deshalb sei die Tätigkeit des Allgemeinen Sozialen Dienstes — 15 sogenannte Bezirkssozialarbeiter begleiten Familien — stark auf die Arbeit mit Eltern ausgerichtet.

Wer einen Verdacht melden will, kann sich an Gudrun Müller, Fachkraft für Kinderschutz im Jugendamt, wenden: Tel. 0335 5525166, gudrun.mueller@frankfurt-oder.de. Auch ihre Kollegen helfen unter 0335 5525000 bzw. —5106 weiter.