Boxen: Riesensprung zur Elite
Die drei Frankfurter Mädchen sind allesamt erst 18 Jahre alt und stehen vor der schwierigen Aufgabe, sich in der Frauenklasse zu etablieren. „Ein Prozess, der lehrreiche Jahre dauern kann“, weiß René Benirschke. Er ist nach dem 46–jährigen David Hoppstock (kam für Spanien–Weggang Michael Stachewicz) der zweite Neu–Trainer am Bundesstützpunkt und hält die Erwartungen flach. „Ich will keinen Druck hinsichtlich Medaillen aufbauen, aber ich weiß, dass die Mädels auch im ersten Frauenjahr ihr Bestes geben.“
Benirschke ist gebürtiger Karl–Marx–Städter, hatte als Boxer und Trainer des BC Chemnitz mehrmals Bekanntschaft mit der Oderstadt gemacht. Der gelernte Anlagenmechaniker und Student der Sportwissenschaften schreibt derzeit an seiner Masterarbeit – Abgabe im Mai in Berlin. Vor zwei Monaten kam er nach Frankfurt. Die Gründe: „System und Strukturen am Landesstützpunkt Chemnitz sind ähnlich, aber am Bundesstützpunkt ist alles leistungsorientierter, professioneller und wird auch besser bezahlt. Hier im weiblichen Bereich etwas aufzubauen, etwas zu entwickeln, das reizt mich.“
Im Januar brachte der 34–jährige Kahlkopf gleich Maxi Klötzer aus Chemnitz mit, die EM–Bronzemedaillengewinnerin der U 19 im 48–Kilo–Limit. Mit der Frankfurter Sportschülerin Elisa Rohde, Deutsche Meisterin (57 kg), und Alina Popp (69 kg) soll hier eine starke, etwa acht Frauen umfassende Gruppe aufgebaut werden. Die rotgelockte Weltergewichtlerin Popp wird im Herbst ein Studium an der Viadrina beginnen und dann vollends von Bayern nach Brandenburg ziehen. Sie war bereits international recht erfolgreich, gewann zweimal Bronze bei der Nachwuchs–WM.
Beim einwöchigen Trainingscamp Ende Februar in Frankfurt konnten sich die Auswahlkader mit Athletinnen aus Norwegen, Finnland und Polen messen. „Eine gute Sache, die uns weiter bringt und fortgesetzt werden soll“, so der Neu–Coach. Als Single wohnt er noch in der Bundeswehr–Unterkunft praktisch gleich neben der Trainingshalle. Sportschule und Internat nur einen Steinwurf über die Straße entfernt. „Das Leistungsgefälle ist noch recht groß“, hat er ausgemacht. Und kümmert sich auch die Laufbahnberatung seiner Schützlinge am Olympiastützpunkt. „Ein Job neben und nach dem Sport ist wichtig“, urteilt er. Die Förderung der jungen Anschlusskader zum Riesensprung in den Elitebereich empfindet er noch nicht gut genug. „Das muss besser werden, denn wir wollen die jungen Damen ja beim Boxen halten.“
Lothar Heine hält große Stücke auf den Neuen. „Ein im besten Sinne Box–Verrückter, ein guter Mann“, schätzt der Präsident des Brandenburger Verbandes ein. „Mit Hoppstock und Benirschke haben wir jetzt noch recht junge und gut ausgebildete Trainer, die am Stützpunkt unsere Anschlusskader für den Elitebereich formen sollen und können.“ Angesichts der deutschen Leistungssportreform müsse man mit Blick auf die Olympischen Spiele 2020 mehr Auswahl–Athleten entwickeln und damit auch den Erhalt des Frankfurter Bundesstützpunktes sichern. Frauenboxen solle hier ein Leistungsstützpunkt, eine Hochburg werden. „In diesem Bereich sind die Aussichten auf internationale Medaillen nun mal größer als bei den Männern“, sagt unumwunden Heine, der auch DBV–Vizepräsident ist.

