Beata Anna Schmutz hat eine altbewährte Methode, um einen passenden Raum für ihre Theaterstücke zu finden. „Rumfahren und gucken“, sagt die Künstlerin und Vorsitzende des Künstlerkollektivs Rampig. In Frankfurt (Oder) seien sie auch so fündig geworden, auf der Suche nach einem leerstehenden Gebäude, das gleichzeitig einen stark von Frauen geprägten Ort repräsentiert. Mit ihrem Anliegen habe sie sich dann ans Bauamt der Stadt gewandt – „wir haben uns dann geeinigt“, fügt Schmutz an. Und so konnte Rampig auf Einladung der Bürgerbühne am Kleist Forum seine Performance und Ausstellung „Schwesterstaat“, die am 16. Juni 2022 Premiere feiert, vorbereiten.

Forschung zu Frauenbildern in Osteuropa

Das Kollektiv sei darauf spezialisiert, in alten verlassenen Gebäuden zu spielen, erklärt Hannes Langer, Leiter der Bürgerbühne. Und seit drei Jahren forscht Rampig zu Konzepten des Weiblichen, zu Frauenbildern und zur Retraditionalisierung, die Einzug in die Gesellschaften gerade in Osteuropa hält. „Was gibt es in Ostdeutschland an Frauenbildern, welche davon sind überholt“, zählt Langer einige der zugrunde liegenden Fragen auf, die das Ergebnis in die Spielsaison der Bürgerbühne unter dem Motto „friedliche Revolution“ hätten passen lassen.
Rampig ist aus einer Jugendgruppe entstanden, die Mitglieder haben sich im Laufe der Jahre professionalisiert, Bildende Kunst oder Kunstgeschichte studiert, sind freie Künstlerinnen und Künstler. „Wir betreiben künstlerische Forschung“, erklärt Beata Anna Schmutz. Sie betont, dass die Ideenfindung im Kollektiv gemeinsam erfolgt – es gebe keine einzelne Regisseurin. Sie arbeiten mit Konzepten und Bildern von Frauen – „mit Sternchen“, betont Schmutz, also mit einem inklusiven Konzept von Frauen* –, und fragen, wo sie für politische Zwecke vereinnahmt werden.

Solidarisierung zwischen Frauen bis hin zur Schwesternschaft

In Frankfurt (Oder) und Słubice – „wir denken das zusammen“, betont Schmutz – forschte das Kollektiv für rund ein Jahr. In Gesprächen fanden Schmutz und die anderen von Rampig Bestätigung für ihren ausgewählten Spielort, hörten immer wieder Hinweise auf das alte Krankenhaus, das Sowjetlazarett, Krankenhaus für Geschlechtskrankheiten, Psychiatrie war. Und in dem zahlreiche ihrer Gesprächspartnerinnen geboren wurden oder selbst Kinder zu Welt brachten.
Das Künstlerkollektiv Rampig scheut vor keinen Themen zurück, verarbeitet in "Schwesterstaat" auch die Rolle der Frauen in Protesten in Osteuropa, wie in Belarus.
Das Künstlerkollektiv Rampig scheut vor keinen Themen zurück, verarbeitet in "Schwesterstaat" auch die Rolle der Frauen in Protesten in Osteuropa, wie in Belarus.
© Foto: Jacqueline Westermann
Rampig führte Interviews mit Frauen, sprach mit Aktivistinnen und Wissenschaftlerinnen über Klischees und Annahmen zwischen Ost und West. Nicht ohne Grund werde das Stück nach der Oderstadt in der Heimat des Kollektivs, in Mannheim, aufgeführt. „Ostgrenzen, die Geschichte von Abtreibungsgesetzen, Solidarisierung, welche Schwesterschaften gibt es“, zählt Schmutz Fragen hinter ihrer Forschung auf.

Wandlampen mit Brustwarzen und Texte auf Deutsch und Polnisch

Rampig spricht Sachen an, zeigt Dinge – ohne Filter. Das können auch unangenehme Themen sein, die gesellschaftlich beladen oder belegt sind, Tabus. So werden die Besucherinnen und Besucher von „Schwesterstaat“ in den verlassenen Fluren Wandlampen, die zu weiblichen Brüsten ummodelliert sind, erkennen, „hier bröckelt die Decke wie das Patriarchat“, kommentiert Christina Bauernfeind in einem Raum, wo Schutt hinter einem Absperrband liegt. Über die Wände ziehen sich Statements und Sprüche in Deutsch und Polnisch, Texte in beiden Sprachen sind fester Teil der Performances. Weiblicher Zusammenhalt bis hin zur Instrumentalisierung von Frauen, zahlreiche Szenen bieten sich dem Publikum.
Das Thema Abtreibung zieht sich als roter Faden durch die Flure, Kleiderbügel baumeln von der Decke, dazwischen große bemalte Leinwände. Auch Protestbewegungen, von schwarzen Märschen in Polen gegen Abtreibungsverschärfungen bis hin zu Frauen, die die Proteste in Belarus anführen, werden in den Performances aufgegriffen. Die Themen Geburt und Krieg gehen fast nahtlos ineinander über. Zwischen Videoprojektionen von nackten Körpern erleben die Gäste Live-Performances mit Sounds, aber auch in Stille.

Kunst sehen, hören, spüren – Rampig bietet Kunsterlebnis

In mehreren kleinen Gruppen werden die Gäste durch das Haus geführt und erfahren die unterschiedlichen Installationen hintereinander weg. „Es ist sehr minutiös durchdacht und geplant“, erklärt Christina Bauernfeind. Die Künstlerinnen und Künstler übernehmen keine Rollen, erklärt sie, es sei auch kein Improvisationstheater, „wir spielen keinen Plan ab“, fügt sie hinzu. Das Publikum erhält die Möglichkeit für ein „Kunsterlebnis“.
Das Kollektiv setze dabei auf Assoziativtechnik, es kann gesehen, gehört, gespürt werden. Besucherinnen und Besucher bewegen sich durch die Flure und Räume des alten Gebäudes, Überbleibsel aus vergangenen Zeiten des alten Krankenhauses werden in die Installationen eingebunden. Gäste nähmen die Performances unterschiedlich wahr, weiß Beata Anna Schmutz. Und ja, es seien zeitgenössische Formen des Schauspiels, vieles klinge zunächst abstrakt.

Frankfurt (Oder)

„Aber unsere Erfahrung ist, dass die Kunstbetrachter:innen ziemlich schnell Zugang finden“, so Schmutz. „Wenn Menschen sich drauf einlassen, braucht es keine klassische Theaterbildung, um es zu verstehen. Diese Befürchtungen lösen sich schnell“, fügt sie hinzu. „Man entdeckt es für sich, man kann die Arbeit auf verschiedenen Ebenen erleben“, sagt Christina Bauernfeind hinzu. „Teil des Ganzen ist auch, dass man nach der Performance da bleibt und sich austauscht“, fügt sie hinzu.
Der Eintritt ist frei zur Premiere und den Vorführungen vom 17. bis 19. Juni um 17.30/18/18.30/19.30/20/20.30 Uhr (Sonntag nur bis 19.30 Uhr). Eine Platzreservierung per E-Mail an ticket@muv-ffo.de, an der Kasse im Kleist Forum oder in der Deutsch-Polnischen Tourist-Information im Bolfrashaus ist erforderlich. Treffpunkt ist vor dem Eingang des Kleist Forum, von dort werden die Gäste in kleinen Gruppen zum Veranstaltungsort geführt. Rund zwei Stunden dauert die Vorstellung.