Bunter Hering 2024: Public Viewing zum EM-Finale beim Stadtfest Frankfurt (Oder)

Public Viewing zum EM-Finale auf dem Brunnenplatz in Frankfurt (Oder)
Winfried MausolfZufällig fiel der Abschluss des Bunten Herings 2024 mit dem Finale der Fußball-EM, zusammen. Deswegen gab es in diesem Jahr auf dem Stadtfest von Frankfurt (Oder) ein besonderes Highlight: Auf der großen Bühne zwischen den Türmen von Marienkirche und Oderturm wurden riesige Fußballleinwände aufgespannt: Der Brunnenplatz wurde zur Public Viewing-Arena.
Mehrere hundert Fußballfreunde machten sich bei bestem Sommerabendwetter in die Innenstadt von Frankfurt (Oder) auf, um ein letztes Mal den Bunten Hering zu genießen. Noch immer sorgten mehrere Imbiss- und Bierstände für hervorragende Verpflegung. Schnell waren alle Bierbänke besetzt und einige Besucher mussten mit Stehplätzen vorliebnehmen.
Anstoß zwischen Spanien und England! Oft sind Fußballspiele Kessel leidenschaftlicher Emotionen. Die Fans brüllen, rufen, singen. Emotionale wurde es beim Public Viewing aber in der ersten Hälfte lange Zeit nur dann, wenn jemand die Sicht der Liegestühle versperrte. Erst Ende der ersten Halbzeit fiel schließlich der erste Schuss aufs Tor. Viele Fans in Frankfurt (Oder) klatschten. Trotz drögem Fußballspiel waren noch alle wach. „Deutschland hätte mehr aufgeboten“, konsterniert ein Fan mit Füllkrug-Trikot. Heute ist er für Spanien, „die haben ja gegen uns gewonnen.“
In der Halbzeitpause kam gute Stimmung auf. Denn Gäste durften einen Fußball jonglieren, dem Gewinner winkten gratis Tickets für ein PUR-Konzert. Ahmed, ein junger Mann aus Frankfurt (Oder) schaffte es 30-mal. Kurz wirkte es, als würde er die ganze Halbzeitpause durch jonglieren. Der Ball schien magnetisch auf seinem Oberschenkel zu landen. Die Menge feierte ihn, viele klatschten mit.
Fußball-EM 2024 auf Großbild-Leinwand in Frankfurt (Oder)
„Es ist bislang wahrscheinlich das langweiligste Spiel dieser Europameisterschaft“, merkte ein Fan beim Start der zweiten Halbzeit an. Er trug ein Trikot des englischen Spielers Bellingham, der beim spanischen Verein Real Madrid spielt. „Ich bin für England“, sagt er, „Football's coming home!“
Als Spanien in der 55. Minute plötzlich Ernst machte und das 1:0 schoss, riss es viele von den Sitzen. Ein junger Mann jubelte besonders laut. Er wohnt eigentlich in Madrid, besucht gerade seine Freundin, die in Frankfurt (Oder) lebt. Der Fußball würde vielleicht irgendwann in sein Heimatland England zurückkehren, aber zuerst mache er Urlaub in Spanien, persiflierte er „Football's Coming Home“. Aber das junge Pärchen hatte nur wenig Augen für das Spiel, denn sie sehen sich nur selten.
Auch wenn England danach ein wenig Druck machte und das Spiel deutlich besser wurden, standen die Münder der mehr als 500 Zuschauern beim Public Viewing nach dem langen Stadtfest-Wochenende häufiger zum Gähnen als vor Staunen offen. Weil es über die vorsichtige Taktikschlacht auf dem Spielfeld nicht viel zu diskutieren gab, wurde an den Bierständen über Hintergründiges geredet. Zwei Spanier wiesen etwa darauf hin, dass Torschütze Nico Williams mit seiner Familie einst über das Mittelmeer mit dem Boot geflüchtet war. Wo er eigentlich geboren sei, wisse man nicht. „Hauptsache, er schießt uns heute zum Cup!“, jubelten sie.
England oder Spanien? Wem die Frankfurter die Daumen drückten
Anscheinend waren nur wenige England-Fans da. Doch als Phil Foden aus 20 Meter abzog und den Ball ins Netz jagte, jubelten die Briten-Fans plötzlich, die vorher so leise waren. Ein genauer Blick zeigte jedoch: viele, die jetzt für England klatschen, hatten vorher auch schon für Spanien gefeiert. Sie waren einfach froh, dass das Spiel endlich Fahrt aufnahm. Dass dies wahrscheinlich Verlängerung bedeuten könnte, ignorierten sie.
Doch Spanien machte jetzt Dampf mit einem scharfen Steilpass von Cucurella, Oyarzabal grätschte ihn ins Tor. Jubel brach aus, der den England-Jubel vorher deutlich übertönt hätte. Doch bei der Wiederholung gefror einigen Fans das Bier in den Adern: War es etwa abseits? Sollte das Spiel in Verlängerung gehen? Doch das Tor zählte und alle zeigten sich erleichtert.
Hatte man sich an den Bierständen vorher noch mehr über die neuen Bezahlbecher unterhalten, als über das EM-Finale, war die Spannung nun allgegenwärtig. Alle starrten gebannt auf die Leinwände: 89. Minute. Wieder rutschen die spanischen Herzen in die Hose: England köpft nach einer Ecke scharf aufs Tor. Der spanische Torwart wehrt nach vorne ab. Nochmal ein englischer Kopfball! Der Torwart ist schon geschlagen, doch ein spanischer Verteidiger klärt im letzten Moment auf der Linie.
Es blieb bei der spanischen 2:1-Führung. Einige Spanier, viele im Trikot, und auch Ahmed, der Balljongleur, feierten zusammen vor der Bühne. Manche jubelten aber auch, weil das Spiel vorbei war. „Es war ein sehr schöner Bunter Hering, wir waren jetzt jeden Abend da“, meinte ein Frankfurter Pärchen versöhnlich. Sie freuen sich schon auf das nächste Jahr.
Ein Mann mit Stadionbauch und historischem England-Trikot trottete missmutig ab und fluchte mit britischem Akzent Obszönitäten. Die meisten aber gingen gut gelaunt nach Hause. „Es blieb heute sehr friedlich, nichts Spannendes passiert. War ein guter Abend“, fasste ein Security-Mitarbeiter gleichzeitig den Abschluss des Bunten Herings 2024 und das EM-Finale zusammen.



