Alle sechs Monate ziehen Frankfurterinnen und Frankfurter normalerweise durch die Nacht, genießen Livemusik und ausgelassene Feierlaune in den Lokalen der Stadt. Doch wegen Corona fand die letzte MOZ-Kneipennacht am 30. Oktober 2019 statt. Seitdem wartet Frankfurt auf einen passenden Termin für die 40. Ausgabe der Veranstaltung. Doch bis wieder munter miteinander gefeiert und getanzt werden kann, wird es wohl oder übel noch eine Weile dauern. Bis dahin haben einige Kneipiers und Lokalbetreiber ihre Türen kurzweilig geöffnet, um mit uns über aktuelle Herausforderungen zu sprechen.

„Wir rennen immer nur hinterher, um irgendwo Geld zu verdienen“

Der Schlüssel passt noch, doch gedreht und die Tür geöffnet hat Guido Tietgen schon lange nicht mehr in seinem Lokal Diebels Live. Sie lebten von Laufkundschaft, da lohne ein Außerhausverkauf nicht. Das betrachte er auch mit Sorge, falls Öffnungskonzepte sich an vorheriger Terminvereinbarung orientieren sollten. „N jutet Beispiel“ wäre Dänemark, denn er sehe seine Angestellten nicht in der Pflicht, dann womöglich auch noch Tests durchzuführen. Das Wichtigste sei jetzt erst mal,  eine Perspektive zu bekommen. Denn: „Wir rennen immer nur hinterher, um irgendwo Geld reinzuholen. Ich möchte lieber darauf verzichten und Geld verdienen“, so Tietgen.
Den Wunsch teilen viele Lokalbetreiber der Stadt. „Kostendeckend ist das nicht“, sagt Angela Plache über den Außerhausverkauf des Mittagstisches im „Ratseck“, den sie und ihr Mann Frank-Peter seit Schließung Anfang November anbieten. Die Wohnbau komme ihnen bei der Miete zwar entgegen, doch die staatlichen Finanzhilfen für dieses Jahr habe es noch nicht gegeben. „Wir wurschteln uns durch“, sagt Angela Plache. Für die Öffnung der Außengastronomie hoffen sie aber auf ein Entgegenkommen der Stadt. Dass sie zum Beispiel mehr Außenplätze als bisher anbieten können – ohne zusätzliche Kosten, wirft Frank-Peter Plache ein.
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„In vier bis sechs Wochen wird es schon sehr, sehr eng“

Seine Planung hänge auch davon ab, ob sie bald wieder draußen bewirten können, so Lucca-Inhaber Łukasz Augustyn. Doch er habe gelernt, realistisch zu bleiben. Wenn es noch weiter wie bisher laufe, will er sein Außerhaus-Angebot für die Bedürfnisse der Kunden anpassen. „Aufgeben will und werde ich nicht“, unterstreicht er.
Anders ist es im Königs Fritze. Geschäftsführer Frank Nagel brät im Hinterhof Würstchen an der improvisierten Grillstation im Zelt. Mit dieser Art Außerhausverkauf versucht er, sich und seine Kultkneipe über Wasser zu halten. „Aber das reißt es nicht raus“, kommentiert er. Seine beantragten Hilfen seien immer noch in Bearbeitung. Er habe ein Darlehen aufgenommen, mit dem er vereinzelte notwendige Renovierungsarbeiten durchführt. So richtig ginge das aber auch nur, weil Stammkunden umsonst helfen würden – mal ein Eimer Farbe, mal Elektroarbeiten. Vier bis sechs Wochen schätzt er, „dann wird es schon sehr, sehr eng“, so Nagel. Dann könnte es sein, dass Frankfurts älteste Kneipe ihre Pforten schließen müsste.

„Wir machen was, wir klagen nicht“

Bei einigen Stammlokalitäten der MOZ-Kneipennacht ist dies schon der Fall. Die Bar Halbzeit ist zu und hat aber zum Glück ab 1. Mai wieder einen neuen Besitzer, im Havanna räume der Besitzer gerade die letzten Möbel aus, so Bernhard Sobanski von Frankfurts Kneipenzeitung, die sonst die Veranstaltung mitorganisiert. Auch die Zukunft des Kartoffelhauses, des Studentenclubs grotte und des Altstadt-Stübchens sei derzeit ungewiss.
Für die Frankfurter Band Fun Fair ist die Situation hingegen etwas leichter zu tragen – sie sind nicht von ihrer Musik abhängig. Und trotzdem fehlt ihnen das Auftreten, auch bei der Kneipennacht. „Aber wir machen was, wir klagen nicht“, sagt Keyboarder Chris Rohowski. Bandkollege Klaus Reinhold wirft ein: „Wir schließen uns unseren Schauspielkollegen allesdichtmachen nicht an.“ Etwas machen heißt im Falle von Fun Fair einen Corona-Song zu produzieren. „Das Gefühl getrennt zu sein, aber im Geiste vereint“, beschreibt Rohowski, was er mit dem Liedtext, den die Dritte im Bunde, Kerstin Awe, singt, umsetzen wollte. Es habe sie sehr glücklich gemacht, wie gut der Trostsong angekommen sei, erzählen sie vor dem Elyx stehend.

„Die Leute werden wieder feiern und ausgehen wollen!“

Dessen Geschäftsführer Gürol Özcan versucht trotz allem positiv zu bleiben. Auch sie seien, wenn man die Zahlen betrachte, trotz der Hilfen schon latent insolvent. Aber man müsse doch sehen, dass Deutschland ein Land sei, in dem der Staat überhaupt helfe. Özcan versucht sich, auf Lösungsfindung zu konzentrieren. Deswegen gibt es am Fenster des Café und Bar-Lokals nun Kaffee zum Mitnehmen. „Das ist zwar nicht unser Kerngeschäft“, aber es ginge ums Prinzip – weitermachen, beschäftigen. Denn: „Die Leute sind hungrig“, ist der Elyx-Inhaber überzeugt, „sie werden wieder feiern wollen, sie werden wieder ausgehen wollen.“
Das Video mit ausführlichen Interviews mit Lokalbetreibern und Band Fun Fair inklusive Corona-Trostsong-Performance gibt es hier.
Mehr zu Corona und den Folgen in Brandenburg und Berlin gibt es auf unserer Themenseite.