Bei vielen Frankfurtern spricht sich die bevorstehende Schließung schnell herum. Schon in der Nacht bilden sich lange Schlangen vor den Zigarettenläden. Raucher decken sich günstig auf Vorrat mit Tabakwaren ein. In Deutschland ist der blaue Dunst mehr als doppelt so teuer.

Blechlawine Richtung Grenze

Am Sonnabendvormittag kommt der Verkehr in der Frankfurter Innenstadt teilweise zum Erliegen. Die Rosa-Luxemburg-Straße gleicht einer einzigen Blechlawine, die sich in Richtung Grenze quält – viele wollen noch einmal rüber. An den Tankstellen und auf dem kleinen Basar in Słubice bleibt der große Ansturm zwar aus. Dafür sind Tabakwaren, Arzneimittel und Lebensmittel gefragt. "Vor einigen Apotheken haben die Menschen länger angestanden", hat Horst Drewing aus Frankfurt beobachtet, der noch einmal einen Spaziergang durch die Nachbarstadt macht.
Eine Marktfrau auf dem Basar befürwortet die drastische Maßnahme. Ja, Einnahmeverluste werde es geben, sagt sie. Allerdings sei ihr das lieber, als um ihre Gesundheit fürchten zu müssen. Auch zwei Taxifahrer sitzen gut gelaunt im Auto, recken den Daumen nach oben. "Richtig so", sagen sie zur Grenzschließung. Mit den zunächst angeordneten zehn Tagen Schließung rechnen in Slubice nur die wenigsten. "Kaufe ein für einen Monat", sagt ein Zigarettenverkäufer geschäftstüchtig zu seinem Kunden. Davon gehen auch die Blumenfrau und die Taxifahrer aus. "Zum Glück hat der Zoll ein Einsehen und kontrolliert heute nicht", erzählt eine Frau erleichtert, die offenbar ein paar mehr als die erlaubten vier Stangen Zigaretten erworben hat. Zwei Polizisten stehen unterdessen am Kreisel auf der Straße, fernab des Gehwegs und haben Schutzmasken auf – die Einzigen an diesem Tag. "Aber überall haben hier Verkäufer Handschuhe an", bemerkt eine Frankfurterin.
Später am Abend werden Plastikbarrieren zur polnischen Seite der Oderbrücke gebracht. Auch Słubices Bürgermeister Mariusz Olejniczak kommt kurz vor Mitternacht zur Brücke, schaut ungläubig nach rechts und links. Punkt 0 Uhr bauen die polnischen Behörden dann unmittelbar vor dem Kreisverkehr Rondo Solidarności mobile Grenzbarrikaden auf, dazu das Schild: Durchfahrt verboten. Fotografen und Videoteams halten den Moment fest. Ein polnisches Paar mit zwei Rollkoffern schafft es im letzten Moment noch so über die Grenze. Dann gibt es kein Durchkommen mehr an der Stadtbrücke. Außer für polnische Staatsbürger und in Polen lebende Ausländer, die sich nach ihrer Rückkehr für 14 Tage in häusliche Quarantäne begeben müssen.
Es sind historische Minuten. Denn seit dem Beitritt Polens zum Schengener Abkommen und dem Wegfall der Grenzkontrollen 2007 konnten Frankfurter und Słubicer die Stadtbrücke praktisch ungehindert passieren. Doch mit dem Auto kommt man ab sofort nur über den Grenzübergang Swiecko auf der A12 nach Polen. Dort stauen sich am Morgen wie erwartet die Lkws, für die das Sonntagsfahrverbot aufgehoben wurde.
Bundespolizisten, die am Sonntagvormittag als Streife an der Stadtbrücke postiert sind, beklagen, "dass die Stadt noch keine Informationsschilder aufgestellt hat, dass hier kein Pkw-Verkehr mehr möglich ist". Die Beamten räumen ein, dass ihre Aufgabe lediglich darin besteht, für allgemeine Ruhe zu sorgen, da die polnischen Behörden die Kontrollen einseitig eingeführt haben. Die meisten Personen, die über die Brücke gehen, werden von den Deutschen jedenfalls nicht kontrolliert. Im Gegenteil: Passanten wenden sich an die Beamten, um Informationen zu bekommen. Doch vieles ist noch unklar. Zum Beispiel Regelungen für Pendler.
Zugleich sind auch rührende Einzelschicksale zu beobachten. Während sich Deutsche, die sich schon länger in Polen aufhielten, darüber freuen, "dass wir wieder nach Hause dürfen", steht ein aserbaidschanisches Ehepaar mit seinen Koffern ratlos an der Stadtbrücke. "Wir kommen aus den Niederlanden und wollten mit dem Zug nach Hause fahren", berichtet der Mann. "Da der Eurocity nach Warschau nicht mehr fährt, müssen wir hier jetzt erstmal irgendwie zu Fuß über die Grenze." Wie es dann weitergeht, ist in dem Moment für die beiden noch völlig unklar.

Schwere Zeiten für Schmuggler

Beinahe lustig hörte sich dagegen die Frage von zwei Berlinern an, die wie sonst auch mit dem Auto nach Słubice fahren wollten. "Können wir nicht kurz bis zum Zigarettenladen gehen?" Darüber muss auch der mit Atemschutzmaske ausgestattete polnische Grenzschützer lachen: "Nein, das geht leider nicht!" Und mit Blick auf die vielen Beamten an der Grenze meint ein Spaßvogel: "Na die Schmuggler können jetzt wohl auch erstmal Urlaub machen".