Für Anja Gumprecht war es lange Zeit Alltag und für die 20 Familien, die sie heute betreut, ist es das jeden Tag.
Sie fing beim Frankfurter Ableger des Vereins Kinderhilfe an zu arbeiten, nachdem ihre älteste Tochter 2013 an Leukämie erkrankt war, die Familie die Beratungen selbst in Anspruch genommen hatte und die Außenstelle geschlossen werden sollte. Deshalb weiß sie, dass für einige Familien über Monate oder sogar Jahre hinweg das Abstandhalten streng eingehalten werden muss.
"Ich erinnere mich noch genau an das Aufklärungsgespräch, als wir mit unserer Tochter nach dem ersten Chemotherapie-Block für eine kurze Erholungspause nach Hause entlassen wurden", erzählt sie. Der normale Alltag barg unsichtbare Gefahren, vor denen das Kind geschützt werden sollte: Menschenansammlungen meiden, nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, kein Händeschütteln. Zoo, Kino, Schwimmbad, Spielplatz, Zirkus, Einkaufspassage – tabu. Häufig die Hände waschen und desinfizieren, schon bei leichten Erkältungsanzeichen auch zu Hause einen Mundschutz tragen. "Die Welt da draußen hatte plötzlich beinah einen feindlichen Charakter. Kam man von Erledigungen aus der Stadt nach Hause, wusch man sich Hände, Arme und Gesicht, als hätte man gerade in einem gigantischen Müllhaufen gewühlt."
Pylonen markieren Abstand
Als sie in dieser Zeit einmal ins Wohnzimmer kam, lag dort ihre damals vierjährige Tochter und hatte Pylonen um sich herum aufgestellt. Auf die Frage ihrer Mutter, was sie da tut, antwortete das Mädchen, alle müssten Abstand von ihr halten. Für ihre Mutter zeigte das: "Sie wollte nicht am Rand stehen, sondern trotzdem im Mittelpunkt." Wenn der Rest der Welt wieder zur Normalität zurückkehrt, wird ein solcher Zustand unter anderem für Familien mit kranken Kindern anhalten, sagt sie. Und hofft, dass die Gesellschaft auf diese ungewöhnliche Art mehr Verständnis bekommt für Menschen, für die der Ausnahmezustand fast selbstverständliche Normalität ist.
So denkt sie etwa an eine Situation zurück, als die Kassiererin an der Kasse einer Drogerie in die Hand hustete und ihr dann einen Kugelschreiber reichen wollte. "Ich konnte den Kuli auf keinen Fall annehmen." Als sie nach ihrem eigenen Stift kramte, räusperte sich ein Mann hinter ihr ungeduldig. "Er hielt natürlich nicht anderthalb Meter Abstand zu mir, wie er das heute vielleicht verständnisvoll tun würde, weil er sich selbst schützen muss."
Als sie doch mal zu einem Konzert ihres Lieblingschors ging, hustete plötzlich jemand hinter ihr. "Und das war nicht der einzige Konzertbesucher mit einer mittelschweren Erkältung", sagt sie. Den Chorgesang kaum noch wahrnehmend, war ihr irgendwann nur noch das Husten präsent. Von Konzertgenuss konnte keine Rede sein, Anja Gumprecht hatte ihrer Tochter gegenüber ein furchtbar schlechtes Gewissen. "Die Familien, die wir bei der Kinderhilfe begleiten, können von solchen Situationen ein langes Lied singen."
Bleibt die Solidarität?
Die Familien, die sie aktuell betreut, hätten ihre Kinder in den vergangenen Wochen gar nicht hinaus gelassen. "Sie haben eine berechtigte Angst. Für die Kinder ist das nicht nur wie eine Grippe. Sie gehörten schon immer zur Risikogruppe", erklärt sie. Anja Gumprecht glaubt nicht, dass sich die aktuell viel beschriebene Solidarität über die Zeit retten lässt. Sie erwartet auch nicht, dass jeder bei kleinen Erkältungszeichen auf Konzertbesuche verzichtet. Aber sie wünscht sich, dass sich die Menschen nach dieser Krise an die Corona-Zeit zurückerinnern, und andere nicht für paranoid erklären, wenn sie an der Kasse nach ihrem eigenen Stift suchen.

Das macht die Kinderhilfe

Der Kinderhilfe e.V. berät und begleitet Familien mit krebs- oder schwerkranken Kindern in dieser schweren Zeit. Die Eltern können sich untereinander austauschen, bekommen Hilfe beim Beantragen von beispielsweise Pflegestufen oder sozialrechtlichen Fragen. Anja Gumprecht ermöglicht den Familien auch, schöne Dinge zu erleben, sofern das möglich ist. Im Januar veranstaltete sie ein Mütter-Verwöhn-Wochenende. "Dass sie sich ganz viel austauschen, aber auch nicht nur immer Mutter und Krankenschwester, sondern auch mal Frau sein können", erklärt Anja Gumprecht. Auch einen Geschwistertreff organisiert sie, sodass auch die Geschwister schwerkranker Kinder mal im Mittelpunkt stehen. "Wir wollen die Situation irgendwie erleichtern", beschreibt die Diplomheilpädagogin. sam