Vorreiter Frankfurt (Oder). So könnte man es wohl bezogen auf den bundesweiten Orchester- und Konzertbetrieb bezeichnen. Auf der Bühne in der Messehalle sitzen am Sonnabendabend (19. September) fast 100 Musiker ganz und gar nicht nach AHA-Regeln (Abstand halten – Hygiene beachten – Alltagsmaske tragen) dicht beieinander. Und im Publikum erfreuen sich knapp 500 Zuschauer eines besonderen Musikstückes: der Leningrader Symphonie von Dmitri Schostakowitsch.

Konzert zu Ehren des 75. Jahrestages des Kriegsendes

Dass es so kommen konnte, war auch eine Verkettung glücklicher Umstände. Ursprünglich sollte die Leningrader Symphonie von Schostakowitsch vom Brandenburgischen Staatsorchester schon im Mai aufgeführt werden. Auf dem bisherigen Höhepunkt der Corona-Krise wurde dieses Konzert abgesagt. Die Chance auf eine Aufführung in Frankfurt bot sich jedoch jetzt, weil der Landkreis Märkisch Oderland und das Land Brandenburg unbedingt den Auftritt des Orchesters zu den Feierlichkeiten auf den Seelower Höhen anlässlich des 75. Jahrestages des Kriegsendes mit diesem Stück wollten.

100 Musiker des Staatsorchesters werden vier Mal getestet

Um die Sicherheit der Musiker und Zuschauer zu garantieren, wurden alle Musiker schon drei Mal auf Corona getestet. Ein weiterer Test wird noch vor dem Konzert am 25. September in Seelow folgen. Schon jetzt allerdings gab es grünes Licht für diese besondere Aufführung in den Messehallen. Sie reiht sich ein in drei große Veranstaltungen seit dem vergangenen Mittwoch. „Für uns ist es ein Testlauf“, so der Abteilungsleiter Messe Christian Türke. „Bis jetzt ist das Hygienekonzept aufgegangen“, freut er sich. Sowohl beim Gastspiel des Kabarettisten Uwe Steimle am Freitag als auch jetzt beim Konzert mussten allerdings selbst Ehepartner mit eineinhalb Meter Abstand sitzen. „Einige fanden das gar nicht so schlecht“, schmunzelt Türke, „dann können sie in Ruhe zuschauen und zuhören, erklärten die Zuschauer“. Mit dem nächsten Hygienekonzept soll es jedoch möglich sein, dass auch Ehepartner nebeneinandersitzen, hofft er. „Bis zum Ende des Jahres sind wir gut gebucht und eine wichtige Spielstätte“, so der Chef der Messehallen.

Viel Lob für hervorragende Organisation in der Messehalle

Ein Ehepaar aus Eisenhüttenstadt war noch nie in den Frankfurter Messehallen. Sie hatten ihre Karten in einer MOZ-Verlosung gewonnen. „In der Konzerthalle waren wir schon oft“, erzählen sie. „In den Messehallen ist aber mehr Platz und alles ist auch prima organisiert", finden beide.

An der Abendkasse erhalten Besucher auch Ersatzmasken

Das alles klappt, dafür ist Roland Koziol mit seiner Mannschaft vom CSA Sicherheitsdienst verantwortlich. Selbst eine Ersatzmaske gibt es an der Abendkasse, freut sich eine Konzertbesucherin, die ihre Handtasche vor dem Konzert gewechselt hatte. Über den Dank freut er sich, noch mehr allerdings, dass es wieder mit Veranstaltungen langsam losgeht. „Die Messehallen sind unser Wohnzimmer“, sagt der Security-Chef. Er hätte keinen der 50 Mitarbeiter entlassen oder in Kurzarbeit schicken. Da klingt ein wenig stolz in der Stimme. Allerdings fehlten die vielen Veranstaltungen, die er sonst absichert, schon beim Umsatz. „Ich hoffe, dass es jetzt so weitergeht und wir auch wieder große Veranstaltungen haben werden“, sagt Roland Koziol. Ausnahmsweise war auch Sohn Alexander dabei. Der Zehnjährige freut sich wie Bolle an der Seite seines Vaters zu sein. Von klassischer Musik hat er aber noch keine Ahnung, gesteht er.

Sehr langer Applaus für das Brandenburgische Staatsorchester

Das ist bei Generalmusikdirektor Jörg-Peter Weigle selbstverständlich anders. Allerdings sah der Dirigent des Brandenburgischen Staatsorchesters in jungen Jahren in der Leningrader Symphonie von Schostakowitsch einen Propagandaschinken schlechthin, wie er in der Konzerteinführung mit einem Schmunzeln erklärt. Das allerdings hat sich später stark geändert, wovon sich die Zuschauer überzeugen konnten. Bei diesem bombastischen Werk stehen allerdings besonders die Musiker im Mittelpunkt. „Es mussten zusätzlich noch Musiker verpflichtet werden, weil das normale Orchester für das Stück nicht ausreicht“, erzählt Orchestervorstand Stefan Große Boymann. Schwer wieder in den Probenbetrieb zu kommen, fiel es den Musiker nicht, sagt er. „Natürlich üben alle auch zu Hause und besonders das Spielen in Kammerspielbesetzung, wie es oft während der vergangenen Monate geschehen ist, trainiert ganz besonders“. Das Publikum quittierte die Mühen der Musiker des Staatsorchesters mit sehr langem Applaus.