Deutsch-polnische Grundschule: Land vertröstet zweisprachig aufwachsende Kinder in Frankfurt (Oder) und Słubice

Mehrsprachigkeit ist ein erklärtes Ziel der Doppelstadt Frankfurt (Oder) und Słubice. Ein deutsch-polnisches Straßenwörterbuch wurde in Frankfurt auf das Pflaster der Großen Scharrnstraße geschrieben.
Verein KunstgriffEin paar vertraute polnische Worte, wie „Dziękuję"– Dankeschön oder „pyszne“ – lecker, werden sie hören, wenn sie zum freiwilligen Polnischunterricht gehen. Aber der ist für Anfänger gedacht, weswegen sie bald die Lust verlieren werden. Die zweisprachigen Kinder werden erfahren, dass es auf ihre Herkunftssprache nicht ankommt. Manche werden sich weigern, mit ihren Eltern zuhause polnisch zu reden.
An dem Szenario wird sich so bald nichts ändern, obwohl Bildungsministerin Britta Ernst im September ein staatliches bilinguales Grundschulangebot ab diesem Schuljahr in einer Absichtserklärung zugesagt hatte. Die Linken-Fraktionsmitglieder Kathrin Dannenberg und Bettina Fortunato erkundigten sich nun in einer Kleinen Anfrage im Landtag, wie der Stand ist. „Aufgrund der aktuellen pandemiebedingten Situation konnte die Vorbereitung auf das bilinguale Angebot nicht vollständig erfolgen. Insbesondere war es nicht möglich die finale Abstimmung des Konzepts, inklusive der Gremienbeteiligung in den Schulen vorzunehmen. Damit ist eine Umsetzung zum Schuljahr 2020/2021 an der Grundschule Mitte und dem Karl-Liebknecht-Gymnasium nicht vollständig möglich“, heißt es in der Antwort.
„Dürftig“ findet das Bettina Fortunato. „Konzepte können auch sehr gut verabredet werden ohne das man sich in geschlossenen Räumen treffen muss. Schade für die Kinder.“ Die warteten nun schon recht lange und die Nachfrage steige, so Fortunato.
Schon im Februar beim Tag der offenen Tür an der Grundschule Mitte deutete sich an, das die Eltern in diesem Herbst nicht mit dem neuen Zweig rechnen können. Das Konzept, das Bildungsministerium (MBJS) mit Schul- und Stadtvertretern in einer Arbeitsgruppe erarbeiten, war nicht fertig. Ein Treffen am 13. März fiel wegen Corona aus, bisher sei es nicht nachgeholt worden, hat Frankurts Bildungsdezernentin Milena Manns in Potsdam erfragt. Auf ihre Initiative hin findet nun Ende Juli ein Treffen zwischen Vertretern von Ministerium, Stadt und „Unsere Miasto“ statt. Der Verein setzt sich seit Jahren für eine bilinguale Grundschule in der Doppelstadt ein, notfalls mit privatem Träger, was Potsdam jedoch verhindern will.
Philipp Kubicki von „Unsere Miasto“ blickt skeptisch auf das Treffen. „Es gibt offenbar immer noch kein Konzept“, sagt er. Was sein Verein wolle, sei Alphabetisierung der Kinder, auch auf Polnisch. „Wir wissen immer noch nicht, ob das Ministerium nun ernsthaft an einem bilingualen Angebot arbeitet oder ob es nur den Fremdsprachenunterricht in Polnisch vorantreiben will“, sagt Kubicki.
Polnisch „nur“ als Fremdsprache
Tatsächlich wirkt es, als würde man beides in Potsdam nicht klar unterscheiden, auch in Bezug auf Zielgruppen. In der Antwort auf die Kleine Anfrage verweist die Landesregierung darauf, dass an der Grundschule Mitte bereits über 90 Prozent der Schüler Polnisch als zusätzliche Fremdsprache lernten.
„Dieses Angebot wird auch im kommenden Schuljahr fortgesetzt, so dass damit der Einstieg in das bilinguale Angebot sukzessive vorbereitet werden kann und durch erste bilinguale Module begleitet wird.“ Doch während das MBJS für die Erarbeitung neuer Lehrpläne für Polnisch als Fremd- und Nachbarsprache an Frankfurter Grundschulen das Landesinstitut für Schule und Medien (LISUM) eingebunden hat, arbeitet sich an der Entwicklung des bilingualen Konzepts allein die genannte Arbeitsgruppe ab – bisher ohne greifbares Ergebnis. „Auch die Stadt sollte sich nicht vertrösten lassen, sondern mehr Druck machen“, wünscht sich Philipp Kubicki.
