Digitalisierung: Tablettencheck am Tablet
Fernbehandlung per Livevideo. Roboter im OP und in der Pflege. Personalisierte Tumorheilung dank Big Data. Die Digitalisierung lässt in der Gesundheitsbranche gerade viele Zukunftsvisionen am Horizont aufleuchten. Der Rhön–Konzern, zu dem auch das Klinikum Frankfurt (Oder) gehört, geht das Thema offensiv und zugleich unaufgeregt an. Dr. Tobias Müller lotet als Leiter der Stabsstelle Digitale Transformation für den Konzern die digitalen Möglichkeiten aus (siehe nebenstehendes Interview). Viele digitale Prozesse sind dabei längst Alltag in Markendorf, andere befinden sich in der Testphase — oder werden wieder verworfen, weil sie sich als nicht praxistauglich erwiesen haben. „Wir starten mit den Projekten immer sehr klein, an einem Haus, in einer Fachabteilung. Erfahrung können sie nur nah am Patienten in der Praxis sammeln. Und das muss kritisch begleitet werden“, erklärt Tobias Müller.
Via WLAN direkt ins KIS
Die Visite mit der analogen Patientenakte hat am Markendorfer Klinikum inzwischen auf mehreren Stationen ausgedient. Vitalwerte, Temperatur, Blutdruck: die am Krankenbett erhobenen Daten werden in einen Laptop eingegeben und fließen — via WLAN — direkt ins Krankenhausinformationssystem (KIS) ein. Auch in der Klinik für Neurologie. „Das ist wirklich eine Arbeitserleichterung für uns und die Pflegekräfte“, sagt Chefarzt Dr. Andreas Hartmann, dessen Arbeit zunehmend von den neuen Technologien geprägt wird. Angefangen von Implantaten, die unter der Haut des Patienten am Herzen permanent Daten erheben, um Unregelmäßigkeiten wie Rhythmusstörungen zu erfassen. Bis hin zur telemedizinischen Beratung kleinerer Rettungsstellen in Seelow, Eisenhüttenstadt und Beeskow, mit denen das Frankfurter Klinikum ein Netzwerk aufgebaut hat. „Kleinere Häuser haben bei Schlaganfällen nicht dauerhaft einen Neurologen verfügbar. Von Frankfurt aus können wir per Fernuntersuchung dem neurologischen Patienten direkt in die Pupillen schauen und mit einschätzen“, erklärt Hartmann. Eine ausschließliche telemedizinische Fernbehandlung — ohne direkten Arzt–Patienten–Kontakt — lässt der rechtliche Rahmen in Brandenburg derzeit noch nicht zu.
In der Zentralen Notaufnahme läuft die Datenerfassung über Körpersensoren, ähnlich wie auf der intensivmedizinischen Station, ganz von allein ab. Herzfrequenz, Blutdruck, Sauerstoffsättigung werden automatisch erfasst und direkt in die elektronische Kurve und damit in den Arztbrief übernommen. Geraten die Werte eines Patienten aus dem Ruder, erklingt ein Warnton beim diensthabenden Arzt. Den größten Benefit sieht Chefarzt Dr. Bernhard Flasch im schriftlichen Dokumentationsaufwand, der deutlich zurückgegangen sei. „Das ist schon eine gute Unterstützung. Die Schwestern müssen nicht mehr alle fünf Minuten zum Patienten und den Blutdruck messen. Das passiert alles live und fließt am Ende auch direkt in den gedruckten Arztbrief ein“ (siehe oben), erklärt er.
Das Gleiche gelte für die Dokumentationen von Wunden. Die Befunde des Arztes werden digital aktuell über Piktogramme und in Zukunft auch mit Fotos erfasst, fließen in die elektronische Patientenakte und sind von dort für die weiterbehandelnden Kollegen im Haus jederzeit abrufbar. Eine sinnvolle Sache sei auch der Medikamenten–Interaktionscheck, so Bernhard Flasch. Hat der Patient einen Arzneimittelplan des Hausarztes mit dabei, ist darauf ein QR–Code abgedruckt. „Den scannen wir ein und bekommen dann automatisch angezeigt, welche Medikamente der Patient nimmt und wie sie sich mit anderen Medikamenten vertragen.“
Noch relativ neu ist, dass im Wartezimmer der Notaufnahme Tablets ausgegeben werden, „natürlich nur an die, deren Leben nicht vital bedroht ist“, so Flasch. Auf den Tablets dürfen Patienten, die das möchten, vorab Fragen zu ihren Beschwerden und ihrer Krankengeschichte beantworten. „Es ist eine digitale Checkliste“, erklärt Flasch. Das eigentliche Gespräch mit dem Patienten werden die Tablets dabei nicht ersetzen. Der Fragenkatalog sei vor allem als Unterstützung für den Arzt gedacht, der mit den im Wartezimmer erhobenen Informationen schneller und gezielter fragen kann.
„Die Informationsflut überholt uns“
„Wir digitalisieren so viel wie möglich, und das schon seit Jahren“, sagt Dr. Thomas Funk, Gehirnchirurg und langjähriger Ärztlicher Direktor in Markendorf. Als Beispiel nennt er die Magnetresonanztomographie, kurz MRT. Das bildgebende Verfahren gibt es bereits seit den späten 1980–Jahren und gewährt seitdem immer exaktere Einblicke in den Körper. „Da hatten sie als Arzt vor 20 Jahren 12 Bilder — auf Folie — vor sich. Heute sind das 3000 Bilder. Das sind Bereiche, in denen wir ohne die Digitalisierung überhaupt nicht mehr zurechtkämen“, erklärt Funk.
Was häufig fehle, seien die Anwendungen und Technologien dafür, um als Arzt mit den erhobenen Daten nutzbringend umzugehen. „Die Informationsflut überholt uns gerade. Es werden immer mehr Daten generiert, die wir noch gar nicht verarbeiten können.“ Er stelle sich zudem die Frage, ob alles Technisch Mögliche am Ende auch wirklich gewollt sei. Auf Roboter im OP–Saal, die in Deutschland in immer mehr Kliniken als Unterstützung zum Einsatz kommen, kann Thomas Funk selbst jedenfalls gut und gerne verzichten: „Sie werden keinen besseren Operateur finden als den Menschen selbst“, ist der Gehirnchirurg überzeugt. Auch die Entwicklung im Bereich personalisierte Medizin und gengesteuerter Therapien, die den Menschen immer älter werden lassen, beobachtet der Ärztliche Direktor am Klinikum durchaus mit Skepsis. „Irgendwann haben wir eine Gesellschaft von 250–Jährigen und der Mensch darf gar nicht mehr sterben. Wollen wir das wirklich?“


