Ehemaliger Pfarrer: Gottvertrauen in der Todesstunde

"Ziel, das ich erstrebe, alles, Herr, bist du!": Joachim Zehner hält eine Postkarte mit einem Christus-Mosaik aus der Potsdamer Friedenskirche. Das Zitat stammt aus dem Kirchenlied "Stern auf den ich schaue", das er gerne singt.
Ralf Loock„Frankfurt (Oder) sei mir gegrüsst“, freut sich Joachim Zehner über jeden Besucher aus der Oderstadt und jeden Anruf. Der Kontakt zu seiner alten Gemeinde St. Georg ist bis heute erhalten geblieben. Zwar erzählt er gerne von seinen Erinnerungen an das Oderland, doch strengt es ihn sichtbar an und nach etwa zehn Minuten bittet er um Verständnis, wenn er sich wieder hinlegen muss. Wenn dann im Gespräch die Namen Heilandskapelle, Georgenkirche, Gemeindehaus am Karl–Ritter–Platze und Kliestow fallen, dann leuchten seine Augen vor Freude auf. Es waren für die junge Familie Zehner arbeitsreiche, anstrengende aber auch wunderschöne Jahre in Frankfurt (Oder). Da werden Erinnerungen wach an die großen Gottesdienste zum Reformationstag, die zentral für ganz Frankfurt immer in der Georgenkirche unter der Leitung von Joachim Zehner gefeiert wurden und man anschließend im Gemeindehaus für die Ehrenamtlichen den Mittagstisch deckte. Oder an die Osterfeste, wenn die Gemeinde um Mitternacht den Ostersonntag in der Georgenkirche begrüßte. Dies alles ist zwar lange her, aber doch nicht vergessen. Es ist eine Eigenart des Menschen, dass er den heutigen Tag mit seinen Mühen und seiner Schönheit oft nicht recht erfassen kann; erst nach zehn oder 20 Jahren erkennt man im Rückblick, wie glücklich man doch in diesen Tagen war.
Die evangelische Kirchenleitung hatte sich Ende der neunziger Jahre entschieden, die freie Stelle in der St. Georg–Gemeinde mit Joachim Zehner zu besetzen, da der promovierte Theologe das Recht hat, an einer Universität zu lehren. Die Kirchenleitung verband mit dieser Ernennung den Auftrag, dass er die Theologie an der Viadrina vertreten und aufbauen und das Oekumenische Europa–Centrum stärken sollte.
Als 1999 Christa und Joachim Zehner mit ihren Zwillingen, Jahrgang 1991, in Frankfurt ankamen, trafen sie auf eine aufgewühlte Stadt. Die Hoffnungen auf den wirtschaftlichen Aufschwung hatten sich nicht erfüllt, obendrein war die Stadt, unter anderem von einem ZDF–Beitrag und von so mancher Publikation attackiert worden.
Pfarrer Zehner erinnerte sich an die Podiumsdiskussion in der Konzerthalle zur ZDF–Sendung im Jahr 1999. „Wir können solche Vorbehalte gegenüber Zugereisten nicht bestätigen, wir sind sehr freundlich aufgenommen worden“, so der Theologe. Als Pfarrer war er für St. Georg, Kliestow und die Heilandskapelle zuständig. Wie in einer Pfarrerfamilie üblich, prägte die Kirche den familiären Alltag. Das Leben war bestimmt von Veranstaltungen, die in Frankfurt angeboten wurden – von der Europa–Universität bis zum Oekumenischen Europa–Centrum, von der Musikschule bis zur Konzerthalle. „Frankfurt hat enorm viel zu bieten“, lobte Joachim Zehner.
Wer die Familie am Karl–Ritter–Platz besuchte, musste aufpassen, wohin er sich wendete: Auf der einen Seite lagen die privaten Räume, auf der anderen war das Amtszimmer. Nein, es sei kein Arbeitszimmer, es sei ein Amtszimmer, betonte der Pfarrer. Leider verschwinde diese Institution des Amtszimmers immer öfter aus den Pfarrwohnungen. Einen solchen Raum benötige man beispielsweise, um kirchenamtliche Gespräche zu führen.
Ein Thema faszinierte ihn schon immer: Das menschliche Hirn. Dabei interessierten ihn weniger der Blick der Mediziner als vielmehr die theologischen und juristischen Aspekte. Was ist die Psyche, wie funktionieren Ich und Gewissen?
Als 2006 die 500–Jahr–Feier der Frankfurter Universität anstand, lud Joachim Zehner seinen Doktorvater, den Tübinger Theologie–Professor Eberhard Jüngel, zu einem Vortrag über die Wechselwirkungen von handelndem Ich und Gewissen ein. Es handelt sich dabei nicht nur um ein abstraktes Thema, denn der Begriff hat schließlich auch Eingang in das Grundgesetz gefunden. Artikel 4 bestimmt, dass die Freiheit des Gewissens „unverletzlich“ sei. Was aber soll das sein – das Gewissen? Wieso wird seine Unverletzlichkeit sogar im Grundgesetz festgeschrieben? Zunächst entscheidet das menschliche Hirn, das Ich, die Psyche oder wie man sonst diese Kraft bezeichnen möchte, über die Tat. Dahinter steht als quasi immaterielle Membran das Gewissen, das den Handelnden beobachtet und bewertet und seinen Kommentar ständig an das Ich meldet. Der Mensch ist stets beides – handelndes Ich und kontrollierendes Gewissen. Die Existenz des Gewissens sei überhaupt nur möglich, weil der Mensch im Akt göttlicher Anrede zugleich bejaht worden ist, erläuterte Jüngel. Der von Zehner organisierte Vortragsabend gehört sicher zu den Glanzpunkten im Jubiläumsjahr.
2008 Wechsel nach Potsdam
2008 stellt er sich neuen Herausforderungen, Familie Zehner wechselte von Frankfurt nach Potsdam. Dort wurde er Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Potsdam, Pfarrer in der Friedenskirche und Mitglied im Kuratorium zum Wiederaufbau der Garnisonkirche. „Versöhnung ist möglich“, betonte er immer wieder beim Stichwort Garnisonkirche. Und zum Kirchenkreis ist ihm wichtig, dass man gegen den Trend um 1500 Mitglieder gewachsen sei.
Nun hat er sich von der Gemeinde, Freunden und Bekannten verabschiedet und möchte sich im Hospiz seiner letzten Aufgabe stellen: „Ich will offen über das Sterben sprechen und den Tod enttabuisieren“, sagte der 62–Jährige. Denn ihn trage der Glaube an Jesus Christus. Dies sei seine Botschaft an alle: Gott werde in unserer Sterbestunde bei uns sein.
