Erinnerungen
: Frankfurter Heim: Als Kinder im Hotel aufwuchsen

Ehemalige Erzieher und Bewohner des Kinderheims „Martin Schwantes“ in Rosengarten erinnern sich an ihre Jugend – fast alle positiv.
Von
Jan-Henrik Hnida
Frankfurt
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  • Ehemalige Bewohner besuchen die Ruinen des Kinderheims "Martin Schwantes" in Rosengarten.

    Ehemalige Bewohner besuchen die Ruinen des Kinderheims "Martin Schwantes" in Rosengarten.

    privat
  • Lothar Hammer, Jörg Walter, Illona Holldorf, Karsten Scherer lebten und arbeiteten im Kinderheim "Martin Schwantes". 30 Ehemalige trafen sich Ende Juni in Markendorf.

    Lothar Hammer, Jörg Walter, Illona Holldorf, Karsten Scherer lebten und arbeiteten im Kinderheim "Martin Schwantes". 30 Ehemalige trafen sich Ende Juni in Markendorf.

    Jan-Henrik Hnida
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Rund 30 ehemalige Heimkinder haben sich Ende Juni an einem Sonnabend in der Markendorfer Pension Leu versammelt. Bei Kaffee, Kuchen und Eis lassen sie als Erwachsene nun ihre Erinnerungen an ihre Zeit in Rosengarten Revue passieren.

Seitdem 1995 das Kinderheim Martin Schwantes aufgelöst worden ist, steht das Schloss im Frankfurter Stadtteil Rosengarten leer. Fast 50 Jahre lang hatten Kinder und Jugendliche diese herrschaftlichen Räumlichkeiten auf ihre Weise genutzt, hier gespielt und gewohnt, nachdem die Gutsbesitzer Schulz-Rosengarten 1945 enteignet worden waren. Heute liegt das geräumige Gebäude still und verlassen inmitten eines verwilderten Parks. Schmierereien und Müll zeugen jedoch von unliebsamen Besuchern.

Erzieher als Vorbild

Am Anfang sei es als Kind schon eine große Umstellung gewesen, meint Ilona Holldorf. Das große Haus in Rosengarten, das ihr mit seiner Wendeschleife vor der hohen Eingangstür und den unzähligen Fenstern wie ein Hotel vorkam, sei zuerst gewöhnungsbedürftig gewesen. Doch nach den ersten Monaten im Jahr 1973 fing sie in einer Gruppe an zu singen, lernte Gitarre und Orgel spielen. Bei Familiennachmittagen sangen sie Lieder wie „Grün sind alle meine Kleider“ oder „Tränen lügen nicht“. Einmal verkleidete sich Holldorf sogar als Nina Hagen. Sie spielte die Rockröhre nach, tat so, als ob sie singen würde. „Wie in der Mini-Playback-Show“, erinnert sie sich. „Es war eine tolle Zeit. Und meine damaligen Erzieher habe ich mir zum Vorbild genommen“, sagt Holldorf, die heute selbst im Kinderheim arbeitet. Sie hätten viel mit auf den Weg bekommen – „es gibt nichts Negatives zu sagen“, ist die 58-Jährige überzeugt.

Lothar Hammer zählte zu diesen beliebten Erziehern in DDR-Zeiten. War er vorher im Pionierklub tätig, fing er 1967 im Kinderheim Rosengarten an. „Ich betreute die Kinder beim Hausaufgabenmachen und bei ihrer Freizeitgestaltung“, erzählt der heutige Rentner. Ganz besonders lag ihm seine Kulturgruppe am Herzen, die er ins Leben rief. Bei Tanz, Gesang und Instrumenten – wie Ilona Holldorf sie spielte – empfand er „großen Spaß“. Wurde bei vielen der Bewohner zu Hause gesoffen oder der Nachwuchs verprügelt, so empfand sich Lothar Hammer als eine Art „Seelsorger für Kinder“. Jeweils 15 Kinder und Jugendliche waren in einer Gruppe, die von der ersten bis zur zehnten Klasse aufgeteilt wurden. Im staatlichen DDR-Heim musste Hammer penibel über die „Führung der theoretischen Unterlagen“ wachen, Beobachtungen bei den Kindern seiner Kulturgruppe notieren. Unterdrückt oder korrumpiert hat sich der Frankfurter aber nie gefühlt. Eher konnten er und seine Musikgruppe sich an Keyboard, Schlagzeug, Gitarre und Bass entfalten. „Wir sind fast in jedem Frankfurter Betrieb aufgetreten“, sagt er stolz.

Nicht für alle Heimkinder sei es eine schöne Zeit gewesen, mutmaßt der ehemalige Erzieher. Wer Schwierigkeiten gemacht oder sich nicht in die Gruppe integriert habe, wurde schnell ausgegrenzt. „Manche empfanden bereits das Anstellen zum Essen als zu autoritär.“ Von der liebevollen Erzieherin „Uschi“ und den Urlauben im Ski-Gebiet und an der Ostsee schwärmt dagegen Karsten Scherer. Bis zu Uschi’s Tot hielt der 55-Jährige mit ihr Kontakt. „Der Zusammenhalt in unserer Gruppe 4 war einfach unglaublich“, erinnert er sich. Außerdem erlaubten die 800 Mark Bekleidungsgeld ein sorgenfreies Leben in jungen Jahren.

Waren die Heimkinder alt genug für eine Ausbildung oder weitere schulische Laufbahn, wurden sie weiterhin unterstützt. „Ich habe eine Lehre zum Konditor gemacht“, sagt Hans-Jürgen Friedrich. Dafür wurde ihm in Rosengarten ein eigenes Zimmer und Geld zur Verfügung gestellt.

Am gleichen Abend fuhren die ehemaligen Heimkinder nochmal gemeinsam zur Ruine in Rosengarten – um in den Überresten vom „Hotel“ in Erinnerungen zu schwelgen.

Entschädigung für DDR-Heimkinder

Die Arbeit des Entschädigungs-Fonds "Heimerziehung in der DDR in den Jahren von 1949-1990" wurde 2018 abgeschlossen. Er sollte das Schicksal von Kindern und Jugendlichen aufarbeiten, die zwischen 1949 und 1990 in DDR-Kinder- und Jugendheimen Repressalien erfuhren. In Brandenburg erhielten 3 530 Betroffene finanzielle Hilfen von bis zu 10 000 Euro. 1 777 Menschen bekamen eine Rentenaufbesserung für ihre Arbeit in den Heimen. Der Fonds war 2012 vom Bund und neuen Bundesländern eingerichtet worden.⇥jhh