Die Kinder frieren bei offenen Fenstern, es gibt keine Konzepte vom Schulträger – so beschreibt eine Mutter die Situation an den Schulen in Frankfurt (Oder). Um gegen eine Ansteckung mit Corona zu kämpfen, müssen Lehrer mehrmals in der Unterrichtstunde die Fenster öffnen.
Sie schlägt eine Lüftungskonstruktion des Max-Planck-Instituts vor: über jedem Tisch ein Plastikschirm, alle verbunden mit einem Rohr, das über ein gekipptes Fenster und Ventilator nach draußen führt. Kostenpunkt: Material aus dem Baumarkt für 200 Euro. Hier wird die selbstgemacht Lüftung erklärt.

Nicht ganz so gemütlich wie sonst am Gymnasium

Physiklehrer Rainer Labahn vom Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasium wirft einen Blick auf die Anlage. „Am sinnvollsten ist das in Räumen, wo man das Fenster nicht komplett öffnen kann“, sagt er. An dem Gymnasium sei das nicht nötig. In den Fluren sind Fenster, Querlüften sei also effektiv, sagt Schulleiterin Rita Lange. „Sicherlich ist es nicht ganz so gemütlich wie sonst“, aber viele Schüler brächten sich einfach Schals und extra Jacken mit. Die Stadt teilt auf Nachfrage mit: „Alle Fenster in den Schulen sind funktionstüchtig und können somit nach den Lüftungsvorgaben des Ministeriums umgesetzt werden.“

Desinfektionsgerät wiegt 265 Kilogramm und kostet 17.000 Euro

Was Rita Lange außerdem zu bedenken gibt: Ihre Schule – so wie viele andere auch – ist alt, steht unter Denkmalschutz. Eine selbstgebaute Lüftungsanlage anbringen, ist nicht ohne Weiteres möglich. Und hätte diese den gleichen Effekt wie eine genormte? Würde man dann gar nicht mehr lüften? „Das würde ich nicht zulassen“, so die Schulleiterin.
Dass jeder Unterrichtsraum eine Lüftung bekommt, „kann ich mir im Leben nicht vorstellen“, sagt Katrin Blume, Vorsitzende des Kreisschulbeirats. Vom Sport- und Schulverwaltungsamt kommt auf MOZ-Nachfrage die Info, dass Luft-Desinfektionsgeräte 17.000 Euro kosten können, die Leuchten nach 9000 Stunden für 500 Euro pro Gerät ausgetauscht werden müssten und ein Gewicht von 265 Kilogramm hinzukommt. Die Geräusche, die die Geräte machen, sind so laut, dass Gehörschutz getragen werden müsste.
Ganz alleingelassen werden die Schulen nicht. Anfang November gab es einen Brief vom Leiter des Staatlichen Schulamtes mit der Information, dass sich jede Schule in Trägerschaft der Stadt zwei sogenannte CO2-Ampeln anschaffen darf. Die zeigen an, wann die Konzentration von Kohlenstoffdioxid so gestiegen und der Sauerstoffanteil so gesunken ist, dass man lüften sollte – auch ein Indikator für eine hohe Anzahl an (coronavirushaltigen) Aerosolen. Das Gauß-Gymnasium und die Friedensschule haben sie sich vergangene Woche direkt bestellt.

„Man muss nicht ewig lüften“, zeigt die CO2-Ampel

An der Freien Waldorfschule in Frankfurt blickte man erst neidvoll nach Berlin, wo es die Regelung mit den CO2-Ampeln zuerst gab, merkte dann aber, dass ein eigenes Gerät gar nicht mehr nötig ist. Denn eine Kollegin brachte ein privates mit in die Schule, erzählt Geschäftsführerin Bianka Stabenow. Das Gerät stand in verschiedenen Räumen der Schule schon nach 15 und nicht erst nach den vorgegebenen 20 Minuten auf Rot. Drei bis fünf Minuten lüften reichten dann aber auch aus, um wieder genügend neuen Sauerstoff zu haben. Dementsprechend wurde der Lüftungsrhythmus angepasst.
„Spannend zu sehen war: Man muss nicht ewig lüften“, sagt Stabenow. Beruhigend, das sei der größte Effekt der Ampel gewesen. Und in drei Minuten kühlten die Räume auch nicht so schnell aus wie im Frühjahr nach dem ersten Lockdown, als die Fenster die ganze Zeit offen gewesen seien. Die Geschäftsführerin sagt, dass momentan so viele Dinge den Schulbetrieb durcheinanderbringen – das Lüften sei da nicht das größte Thema.

Kindern erinnern ihre Lehrer selbst ans Stoßlüften

Auch Adrienne Spohn versucht, die Situation so zu nehmen, wie sie ist, und lobt Lehrer, Eltern und Schüler der Friedensgrundschule. Alle tragen das Hygienekonzept mit, haben dafür unterschrieben und dazu gehören auch die fest im Stundenplan verankerten Stoßlüftungszeiten. Manchmal sagten die Kinder selbst nach den 20 Minuten: „Wir müssen wieder groß lüften“, erzählt die Schulleiterin. Zwischen diesen Zeiten sind die Fenster angekippt und die Türen offen, durch den Blockunterricht sei es sehr ruhig im Haus.
Sie zeigt einen Raum, in dem die 1. Klasse Unterricht hat: Einige Schüler haben sich bunte Decken mitgebracht, falls es doch mal zu kalt wird. „Ganz toll ist auch, dass wir viele junge Kollegen haben, die ganz viel Bewegung in die Stunden bringen. Die Schüler sitzen nicht 90 Minuten still am Platz“, sagt sie.

Eltern sagen: „Bitte lassen Sie die Schulen auf“

Sollte es kälter werden, dann müsse das Stoßlüften eben ganz exakt praktiziert werden, ohne auch zwischendurch die Fenster offen zu haben. Beschwerden kommen bei ihr nicht an. Von Eltern und Kollegen, selbst von den Schülern, hört sie stattdessen fast jeden Tag: „Bitte lassen Sie die Schulen auf.“ Sie findet auch nicht, dass die kleine Unterbrechung den Unterricht stört. Und die Schulleiterin sagt: „Das Lüften ist unsere einzige Chance.“ Auch Katrin Blume vom Kreisschulbeirat glaubt, dass die Situation noch eine Weile so bleiben wird – auch sie hat keine alternative Lösung.

Lüften und Händewaschen sind auch ohne Corona sinnvoll

Adrienne Spohn spricht von der „neuen Normalität“, nimmt es gelassen und versucht, Humor in die Schule zu bringen. Auch die Kinder scherzten unter ihren Masken, summten „Happy Birthday“ beim Händewaschen. Die Schulleiterin sagt, dass Erkältungskrankheiten zurückgegangen seien. Die Hygieneregeln sind also auch ohne Corona sinnvoll. Ähnlich sieht es Bianka Stabenow beim Thema Lüften: auch ohne Corona eine gute Idee. „Dass sich alle weniger konzentrieren können, wenn der Sauerstoff alle ist, war auch vorher schon ein Phänomen.“
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