Fernbusbahnhof Swiecko
: Von Słubice aus in die Welt

Paris, Oslo, Düsseldorf: Vom Busdrehkreuz Port Swiecko lässt sich mit dem Fernbus halb Westeuropa bereisen.
Von
Nancy Waldmann
Swiecko
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  • Aufbruch in Westeuropas Metropolen: Die Tattoo-Künstlerin Marta Brzek reist mit dem Fernbus aus dem westpommerschen Koszalin ins belgische Antwerpen. Am „Port Swiecko“ steigt sie um.

    Aufbruch in Westeuropas Metropolen: Die Tattoo-Künstlerin Marta Brzek reist mit dem Fernbus aus dem westpommerschen Koszalin ins belgische Antwerpen. Am „Port Swiecko“ steigt sie um.

    michael benk
  • Busverbindungen von Slubice nach Europa

    Busverbindungen von Slubice nach Europa

    MMH
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Namen aus der Welt polnischer Arbeitsmigranten und Studierender, Abenteurerinnen und Glückssucher. Dreißig Minuten Pause. Strecken und frische Luft atmen. Marta Brzek, 28, raucht eine Zigarette vor einem roten Imbisszelt. Vor sechs Stunden ist sie aus ihrer Heimatstadt Koszalin an der pommerschen Ostsee aufgebrochen. Nun wartet sie auf den Anschluss nach Antwerpen. So wie all die anderen Fahrgäste, die aus Polens Groß– und Kleinstädten aufgebrochen sind — um die 300 mögen es an diesem Mittwochabend sein. Zwischen 19 und 20 Uhr ist Rushhour am Tank– und Rastplatz Port Swiecko. Gepäck stapelt sich. Geschäftige und manchmal abgehärmte Gesichter prägen das Bild.

Jemand mit Chihuahua auf dem Arm nimmt den Bus nach Verona. Eine ältere Frau aus Bydgoszcz ist auf dem Weg nach Slough bei London, wo sie seit zwölf Jahren Zwölfstunden–Schichten schiebt, momentan in einer Fischfabrik – für den britischen Mindestlohn von 7,80 Pfund. Slough wird sie am nächsten Tag gegen 13 Uhr erreichen. Kosten hin und zurück: 160 Euro. Viele Passagiere kennen sich, auch wenn sie gleich in unterschiedliche Busse steigen.

Marta Brzeks grüne Augen leuchten unter den rötlichen Haaren. Aufbruch strahlen sie aus. In Belgien, wo sie seit kurzem lebt, erwartet sie ihr Freund. In Antwerpen will sie machen, was sie kann und erfüllt: Tattoos stechen. Sie ist Autodidaktin, träumt von einem eigenen Studio. Nein, kein Traum. „Das ist der Plan“, sagt sie. Auf ihrem Telefon zeigt sie ihre filigran gezeichneten Werke: Pandas, Totenköpfe mit Schmetterlingen, ikonenhafte weibliche Konterfeis, Bäume, Manga–Figuren. Früher stieg Brzek in den Bus nach Ulm, Arbeit als Mechanikerin. Die Linien nach Westdeutschland gehen etwas später, täglich gegen 23 Uhr. Wie oft ist sie am Port Swiecko umgestiegen? „Bestimmt dreißig Mal“, sagt sie.

Seit rund fünf Jahren nutzt das Fernbusunternehmen Sindbad, das mit der Branchengröße Eurolines kooperiert, Słubice–Swiecko als Drehkreuz. Gepäck wird verladen, Fahrer wechseln und übernachten bis zur nächsten Schicht. Um acht Uhr am Morgen kehren die Busse in die umgekehrte Richtung zurück nach Polen. Passagiere steigen zum größten Teil um, vor Feiertagen wie Ostern sind es mehrere tausend. Auch ein Zustieg in Swiecko ist möglich, allerdings nur in westliche Richtungen. Wer in Richtung Polen reisen möchte, muss in Berlin zusteigen. Fahrkarten kann man online auf www.sindbad.pl kaufen, als Abfahrtshaltestelle gibt man „Slubice“ ein. Alternativ auch im Słubicer Reisebüro Kozera–Travel–Service in der Fußgängerzone nah der Stadtbrücke.

Auch in die Ukraine kann man von Słubice aus inzwischen täglich mit dem Fernbus reisen. Manchmal fahren gleich mehrere Busse am Tag. Abfahrt jeweils vom Port Swiecko oder unweit des Bahnhofs vom Hotel Cargo, wo viele ukrainische Gastarbeiter wohnen. Die Fahrt nach Kiew dauert rund 26 Stunden, nach Lemberg etwa 17 Stunden. Die Tickets vertreibt ebenfalls Sindbad über seine Website.

Marta Brzek, die Tattoo–Künstlerin, verabschiedet sich. Ihr Bus fährt vor. Um sechs Uhr früh ist sie in Antwerpen.