Feuerwerk aus Polen
: Krawalle zu Silvester in Berlin mit Böllern aus Słubice?

Berlin bereitet sich auf erneute Krawalle zu Silvester vor. Das Thema hat auch mit Frankfurt (Oder) zu tun. Welche Rolle Böller und anderes Feuerwerk vom Markt in Słubice dabei spielen.
Von
Marlena Dumin,
Lisa Mahlke
Frankfurt (Oder)
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Das Bild ist vielen von der Silvesternacht 2022/2023 im Kopf geblieben: Die Feuerwehr löscht in Berlin, an der Sonnenallee im Bezirk Neukölln, einen brennenden Bus. Was hat das mit Frankfurt (Oder) zu tun?

Paul Zinken/dpa

Vor Silvester 2023 bittet die Polizei in Berlin darum, diesmal nicht angegriffen zu werden, warnt vor Krawallen und bekommt Unterstützung aus Sachsen, Sachsen–Anhalt und von der Bundespolizei. So wie dort wurden auch in Frankfurt (Oder) zum Jahreswechsel 2022/2023 Feuerwehr und Polizei angegriffen. Aber es gibt weitere Verbindungen zwischen beiden Städten.

Zum Beispiel die Autobahn A12 und den Zug RE1. Die werden nicht nur von Pendlern und Lkw–Fahrern genutzt, sondern sind auch beliebte Schmuggelrouten. Immer wieder stellt der Zoll Zigarettenmengen fest, die so gar nicht ins Land eingeführt werden dürften. Ab November, vor allem dann zwischen den Feiertagen, liegt der Hauptfokus auf Feuerwerk. Wie eine Reportage im Spiegel zeigt, werden auch im Zug Böller und anderes Knallzeug von Frankfurt (Oder) nach Berlin transportiert.

Jungs aus Neukölln kaufen Böller auf Basar in Słubice

„Ausflüge zum Polenmarkt“ beschreibt die Spiegel–Redakteurin in ihrem Text. Für diesen hat sie einige Jugendliche monatelang begleitet, die nach eigenen Angaben vor einem Jahr mit für die Krawalle verantwortlich waren, bei denen auch ein Reisebus auf der Sonnenallee in Neukölln angezündet wurde. Das ausgebrannte Busgerippe stand nach der Silvesternacht in vielen Berichten sinnbildlich für die Ausschreitungen und spielt auch in dem Artikel mehrfach eine Rolle.

Von der Sonnenallee fahren die Jugendlichen, 14, 15, 16 Jahre alt, mit dem Bus bis zum Hauptbahnhof, dann mit dem RE1 nach Frankfurt (Oder). Von dort geht es weiter auf den Basar in Słubice, beschreibt die Reporterin: Dort kaufen sie Böller, eine Rauchbombe, einen Elektroschocker. Einer fragt einen Verkäufer, ob man die Böller auf Polizisten werfen könne. Es ist Anfang Oktober.

Nach dem Ausweis fragt auf dem Markt nahe Frankfurt (Oder) niemand

Zwei Monate später finden sich auf dem Basar dieselben Knaller, die im Spiegel–Text beschrieben werden: Rauchbomben und Böller mit Namen wie Vogelschreck und Dum Bum — mit einem Totenkopf darauf. Zwei Deutsche kaufen Ware für rund 200 Euro. Der Verkäufer erzählt, dass vor allem Deutsche kämen. Es sei selten, dass jemand unter 18 Jahren dort einkauft — nach einem Ausweis gefragt wird man jedoch nicht.

„Dum Bum“ und andere Knaller gibt es auf dem Basar in Słubice, unweit von Frankfurt (Oder).

Marlena Dumin

Ein Verkäufer erklärt genau, welche der von ihm verkauften Feuerwerke man legal über die Grenze mitnehmen kann und welche nicht. Er fügt aber auch hinzu, welcher Grenzübergang seiner Meinung nach seltener kontrolliert wird, wo also „das Risiko einer Festnahme geringer ist“, wenn man in Deutschland verbotene Feuerwerkskörper haben möchte.

Das Feuerwerk ist „für die Grenze zugelassen“, erklären viele Händler auf dem Basar in Polen.

Marlena Dumin

Kann der Zoll eine Verbindung zwischen Słubice und Neukölln herstellen?

Größere Lager mit illegaler Pyrotechnik fand das Zollfahndungsamt Berlin–Brandenburg zuletzt nicht. Es könnte auch an den Grenzkontrollen liegen, dass es aktuell ruhiger ist als in den Jahren zuvor, heißt es aus der Pressestelle. Weder dort noch beim Hauptzollamt in Frankfurt kann man aktuell Wege aus Polen nach Berlin–Neukölln genau nachzeichnen. Doch wer sich „munitionieren“ will in der Hauptstadt, für den liegt Słubice natürlich nahe. Wie beim Zigarettenhandel laufe das in der Regel eher in kleineren Mengen und wiederholt ab, heißt es.

Kunden auf dem Słubicer Basar erzählen: Angeblich bezahlen „wohlhabende Deutsche oder Niederländer für den Schmuggel von verbotenem Feuerwerk“, weil sie selbst keinen Straftatbestand in ihren Papieren haben wollen. Sie warnen aber auch davor, dass das Zünden der Feuerwerkskörper vom Markt nicht sicher sei, weil es oft ohne Schutz auf diese regne oder schneie.

Klamotten neben Feuwerwerk neben Süßigkeiten auf dem Basar in Słubice

Marlena Dumin

Gibt es keine Zusammenarbeit zwischen Polen und Deutschland?

Die Verkäufer hingegen versichern alle, dass ihr Feuerwerk zertifiziert sei und „alles gut sein wird“, wenn man die Gebrauchsanweisung befolgt. Bei einem Händler hängt sogar ein Plakat am Stand, mit genau dieser Information, einer Erklärung, welches Feuerwerk in Deutschland für wen erlaubt ist, und einem Link zur Interseite des Zolls.

Ein Schild weist auf dem Słubicer Basar darauf hin, welche Feuerwerkskörper in Deutschland erlaubt sind und welche nicht.

Marlena Dumin

Eine Gebrauchsanweisung auf jedem einzelnen Feuerwerkskörper und CE–Zeichen seien wichtig, betont auch der Zoll immer wieder. Aber wäre es nicht einfacher, wenn Deutschland und Polen bei diesem Thema einfach besser zusammenarbeiten? Ganz so leicht ist es nicht. Astrid Pinz vom Hauptzollamt erklärt, dass der Reisende im Zweifel nicht verrate, ob die Ware im Laden gekauft wurde oder auf dem Basar. Zwar gibt es außerdem ein Leitlinienpapier der Europäischen Kommission von 2020, doch dieses ist für die Mitgliedsstaaten nicht bindend.

Hinzu kommt, betont Martin Wandrey aus dem brandenburgischen Verbraucherschutzministerium: Sprengstoffrecht sei in Polen Polizeiangelegenheit. Das alles mache es kompliziert. Eine institutionalisierte Zusammenarbeit des Landesamtes mit polnischen Behörden gibt es nicht — mehr. Kontakte zu den Wojewodschaften Lubuskie und Wielkopolski und den Arbeitsschutzinspektionen in Zielona Góra und Poznań seien „nahezu zum Erliegen gekommen“.

Und so bleibt nicht nur bei der Berliner Polizei die Sorge vor erneuten Krawallen bestehen.