Fußball
: Als 3500 Fans in Frankfurt (Oder) zum Stadtderby kamen

Beim Mittwochs-Talk im Kiez drehte sich alles um die Frankfurter Fußball-Tradition.
Von
Hubertus Rößler
Frankfurt (Oder)
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  • Moderator Uwe Köppen begrüßt Thomas Fröhlich, Jürgen Brosin, Fred Liebholz, Detlef Henoch und Steffen "Indianer" Klaus (von rechts) zum Gespräch.

    Moderator Uwe Köppen begrüßt Thomas Fröhlich, Jürgen Brosin, Fred Liebholz, Detlef Henoch und Steffen "Indianer" Klaus (von rechts) zum Gespräch.

    Michael Benk
  • Rund 40 Zuhörer haben sich in gemütlicher Atmosphäre vor dem Vereinsheim des SV Preußen eingefunden.

    Rund 40 Zuhörer haben sich in gemütlicher Atmosphäre vor dem Vereinsheim des SV Preußen eingefunden.

    michael benk
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Im ersten Abschnitt des Abends erzählte Detlef Henoch über den Auf- und Abstieg der Betriebssportgruppe Halbleiterwerk, die sich zwischen 1978 und 1983 vier Spielzeiten in der DDR-Liga halten konnte – seinerzeit nach der Oberliga die zweithöchste Spielklasse.

Der heute 71-Jährige war durch seinen Vater zum Fußball gekommen. „Er hat mich als Kind mitgenommen zu Lok und Dynamo. Anfang der 1950er-Jahre wurde dann die BSG Einheit gegründet, dort habe ich mit elf Jahren bei den Knaben angefangen. Trainiert haben wir an der damaligen Friedensschule“, erinnerte sich der Frankfurter.

Hartplatz als erste Spielstätte

Der gelernte Torhüter wechselte anschließend zu verschiedenen Vereinen, spielte für Stahl Eisenhüttenstadt und später in seiner NVA-Zeit für Vorwärts Neubrandenburg. Trotz guter Angebote von Vereinen aus der DDR-Liga ging Henoch zu Stahl Finow in die Bezirksliga. „Da bekamen wir neben dem normalen Monatsgehalt als Fabrikarbeiter das gleiche nochmal im Sportbüro. Dort mussten wir dann für irgendwelche Arbeiten unterschreiben, die wir aber gar nicht gemacht hatten“, spricht er offen über die damals gängige Praxis.

1970 wurde in Frankfurt die BSG Halbleiterwerk ins Leben gerufen und Detlef Henoch folgte dem Ruf in die alte Heimat. "Unsere erste Spielstätte war ein schöner Hartplatz an der Beeskower Straße. Als Torhüter habe ich da immer mit Wattehosen und Ellbogenschützern trainiert. Aber zu den Spielen kamen bis zu eintausend Zuschauer.“ Als 1971 der FC Vorwärts aus Berlin an die Oder delegiert wurde, sah man dies bei dem Bezirksligisten nicht als Konkurrenz an. „Wir haben uns einfach gefreut, dass wir jetzt Oberliga-Fußball in Frankfurt haben“, erklärte Henoch.

Ein Jahr später verletzte er sich bei einem Spiel schwer am Arm. „Ich habe meiner Freundin gesagt, ich werde nie wieder Fußball spielen. Aber wenig später stand ich schon wieder mit Schiene auf dem Platz. Allerdings war meine Karriere als Torwart gelaufen und ich spielte ab sofort als Stürmer.“

1974 folgte der Umzug der BSG auf den Fritz-Lesch-Sportplatz. „Wir haben uns gefreut, dass wir endlich auf Rasen spielen können und haben versucht, aufzusteigen.“ Dies glückte vier Jahre später. „Nach dem Aufstieg haben wir es richtig krachen lassen auf unserer dreitägigen Abschlussfeier in Berlin. Da war ich dreißig und wollte eigentlich nach der Saison aufhören“, erinnert sich Detlef Henoch und hängte noch ein Jahr dran. Da ausgerechnet im selben Jahr der FC Vorwärts abgestiegen war, kam es in der DDR-Liga zum Stadtderby. „Da kamen 3500 Fans auf den Lesch-Sportplatz, teilweise haben die Leute auf den Bäumen gesessen. Aber wir hatten keine Chance und haben 0:3 verloren.“ Im Rückspiel siegte der Favorit noch deutlicher mit 8:0. „Das war mein allerletztes Spiel überhaupt – schweren Herzens, aber unsere zweite Tochter war unterwegs“, erzählte Henoch, der anschließend bei den Senioren spielte und erst mit 63 Jahren aufhörte.

Nach der Wende wurde das Halbleiterwerk abgewickelt und damit auch die angeschlossene Betriebssportgemeinschaft. Als SV Preußen wurde die Mannschaft in die Verbandsliga eingegliedert. 2010 fusionierte Preußen mit dem Post SV zum FC Union Frankfurt, der heute in der Kreisoberliga spielt.

Die Fußball-Tradition am Leben erhält auch Steffen Klaus, den alle nur als „Indianer“ kennen. Er organisiert seit 2014 die Frankfurter Traditions-Turniere. „Heute ist es ja so, dass fast alle Vereine miteinander fusionieren. Sportlich ist das sicher der richtige Weg, aber ich wollte zurück zum Ursprung. Jeder hat irgendwann mal angefangen, Fußball zu spielen. Und in Frankfurt gibt es diese Vereine meistens gar nicht mehr – wie Güldendorf, Kliestow, Blau-Weiß, Hanse oder Eintracht. Wir wollen sie mit unseren Turnieren aufleben lassen und das wurde sehr gut angenommen“, berichtete Klaus.

Nach anfänglichen Turnieren im Sommer kommt man nun jedes Jahr am ersten Freitag im Januar zusammen – 2021 ist es ausnahmsweise der 8. Januar. „Wir hoffen, dass es mit Corona bis dahin geht. Und um das Ganze abzurunden, werden die Einnahmen immer Eins-zu-Eins für einen guten Zweck gespendet. Dabei liegen uns Projekte am Herzen, die sonst nicht so in der öffentlichen Wahrnehmung auftauchen.“

Steffen Klaus liegt es am Herzen, die Tradition zu erhalten. „Gleichzeitig ist es eine gute Sache und man merkt, wie man mit kleinen Mitteln schöne Dinge auf die Beine stellen kann. Außerdem kann mal viele alte Bekannte treffen und hat einfach Spaß.“

Mit viel Enthusiasmus engagiert sich auch Thomas Fröhlich seit Jahrzehnten als Fan des FC Vorwärts – und auch von dessen Nachfolgevereinen. Als 14-Jähriger kam er mit dem Verein das erste Mal in Kontakt und fuhr später in der Oberliga auch zu den Auswärtsspielen mit. „Mit den gelb-roten Farben war es auswärts schon gefährlich. Die FCV-Anhänger waren immer in der Unterzahl. Aber auch in der Region waren viele dem Verein mit seinem Armee-Hintergrund nicht wohlgesonnen. Aber mir hat es trotzdem immer Spaß gemacht, die Mannschaft zu unterstützen“, berichtete der 51-Jährige.

Großer Bruch nach der Wende

Nach der Wende sei viel weggebrochen, aus dem FC Vorwärts wurde der FC Victoria und später der FFC Viktoria. „Da gab es einen großen Bruch. Aber ich bin dabei geblieben und fand es schön, dass man in der dritten Liga näher an der Mannschaft dran war und nach dem Spiel mit den Spielern reden konnte.“ Es gab auch den Vorschlag, den alten Namen wieder anzunehmen. "Gefühlsmäßig wäre das schön gewesen, aber es fehlte die Fan-Basis und die breite Zustimmung. Vielmehr gab es eine lange Zeit der Stagnation. Wie sich die Stadt entwickelte, so ging es auch mit dem Verein bergab.“

Dennoch war es für ihn wichtig, dem Club die Treue zu halten. „Es gibt nur noch wenige, die sich an die Spiele des FCV erinnern. Das finde ich schade. Für mich ist er ein Teil der DDR-Fußball-Kultur“, sagt Thomas Fröhlich, der auch heute noch einer der treuesten Fans des in der Brandenburgliga spielenden Nachfolgevereins 1. FC Frankfurt ist.

Mietzner und Sparwasser sind die nächsten Gäste

Der 14. Mittwochs-Talk findet bereits am 19. August statt. Zu Gast im Café Nord der Lebenshilfe wird ab 18 Uhr die einstige Frankfurter Handball-Nationalspielerin Katrin Mietzner (geborene Krüger) sein.

Für den 9. September haben sich Jürgen Sparwasser und Erich Hamann angekündigt. "Das legendäre Tor der DDR-Nationalelf gegen die BRD bei der WM 1974 werden wir aber nicht nachstellen, da Sepp Maier nicht kommt", sagt Moderator Uwe Köppen mit einem Augenzwinkern. ⇥hrö