Fußball: Klein, aber schnell und beständig
Geboren und aufgewachsen ist er in Wurzen. Nach Dynamo und Empor Wurzen zog es den Jugendlichen ins 30 Kilometer entfernte Leipzig, zur BSG Chemie. Seinen Grundwehrdienst bei der NVA durfte Andreßen bei Vorwärts Meiningen ableisten. Späher des FC Vorwärts Berlin waren da schon lange auf das Talent aufmerksam geworden. Auch sein sportlicher Mentor bei Chemie Leipzig, Manfred Walter, – ebenfalls ein Wurzener – riet ihm, statt zum ungeliebten Stadtrivalen Lok Leipzig doch lieber in die Hauptstadt zu gehen. „Der FCV als erfolgreichster DDR-Club spielt anspruchsvollen Fußball, da kannst du dich am besten entwickeln.“ Das Wort des Mannschaftskapitäns und knallharten Stoppers hatte Gewicht, auch beim jungen Andreßen.
Als 19-Jähriger wechselte er 1970 zum FCV, erlebte an der Seite von Jürgen Nöldner, Otto Fräßdorf, Horst Wruck, Erich Hamann, Gerhard Körner, Jürgen Piepenburg und Alfred Zulkowski auch seine ersten Europa-Cup-Vergleiche. Die sportlich kurze Privatfehde mit seinem Gegenspieler Nöldner in der 1969-er Oberliga-Spitzenpartie zwischen Vorwärts und Chemie Leipzig (1:1) war vergessen. Andreßen hatte den 30-maligen Nationalspieler respektlos „abgekocht“, und der war wegen Nachschlagens ohne Ball vom Platz geflogen. Dennoch: Die Armee-Fußballer holten sich am Ende ihren 6. Titel, Chemie wurde Sechster. Und Andreßen hatte sich Respekt verschafft bei seinem künftigen Club. Nur ahnte er das damals noch nicht.
146 Oberliga-Einsätze in Folge
Nach einem politischen Ränkespiel zog der FCV 1971 von Berlin nach Frankfurt um. Einige ließen die Laufbahn abrupt ausklingen, andere fügten sich dem „Marschbefehl in die Provinz“. Aufregende Wochen auch für Wolfgang Andreßen. Am 1. Juli 1971 kam Sohn Dirk auf die Welt. Fünf Wochen später heiratete er seine Christina. Sie kannten sich schon aus der Schulzeit. Und am 24. August erlebte der FCV vor 16 000 Zuschauern seine Frankfurt-Premiere. Beim 5:4 gegen den bulgarischen Erstligisten Tscherno More Warna hatte Andreßen zum 4:1 getroffen. An der Seite von Hamann, Wruck, Gerd Schuth, Wolfgang Strübing, Reinhard „Jimmy“ Segger, Lothar Hause und Ralph Probst war er in immer jünger werdenden Teams ein Muster an Zuverlässigkeit und Beständigkeit, absolvierte stolze 146 Einsätze in Folge. Das brachten nur wenige in der Oberliga zustande, abgesehen vom Magdeburger Wolfgang „Paule“ Seguin (199 Spiele am Stück).
Mit Wendigkeit und Sprungkraft machte der kleine Verteidiger (1,69 m) seine körperlichen Nachteile wett – und vor allem mit seiner Antrittsschnelligkeit. Ganze 3,8 Sekunden benötigte er über 30 Meter. „Nur Lutz Otto war später gleich schnell“, weiß er. Ein Achillessehnenriss 1977 und spätere Knieprobleme stoppten die Andreßen-Serie. „Ich fing viel zu früh wieder an“, urteilt er heute. „Das war deprimierend, auch der Oberliga-Abstieg 1978.“ Davor war Vorwärts gleich zweimal als Tabellenzwölfter knapp diesem Schicksal von der Schippe gesprungen.
Seinen zweiten Berufsabschluss hatte der gelernte Maschinenbauer da schon in der Tasche. Im Fachhochschul-Fernstudium mit anderen Sportlern konnte er sich nach fünfjähriger Ausbildung „Ingenieurökonom“ nennen. Das Fernstudium war allerdings nah, es fand in Frankfurt statt. Die Studierenden wurden zweimal die Woche vom Training freigestellt. Der damalige Lehrer Dr. Joachim Hofmann drückte als bekennender Fußballfan mehrmals bei Zuspätkommern ein Auge zu. Heute ist der Bau-Spezi aus Müllrose Stammgast bei den Fußballer-Treffs.
1981 zurück nach Leipzig
1981 schloss sich Andreßen wieder Chemie an, schaffte als Kapitän zwei Jahre später den Aufstieg ins Oberhaus. Danach aber war Schluss als Aktiver. Als Übungsleiter der Stufe IV betreute er unter anderem den Leipziger Nachwuchs (Junioren-Oberliga) und die 2. Männermannschaft. Ab 1987 war er Chefcoach von Chemie Velten. Potsdams Bezirksmeister stieg 1989 in die zweitklassige DDR-Liga auf. Andreßen hatte man mit einer Trainer-Sonderlizenz ausgestattet.
Andreßen ging es gut. Aber der DDR-Wirtschaft ging es schlecht. „Unser Vereinsvorsitzender war für die Finanzen im Chemie-Kombinat und so auch für die Sport-Unterstützung zuständig“, erinnert sich Andreßen. „Günther Schmidt hatte tiefe Einblicke in die Ökonomie und sagte öfter beim Bier: ‚Die Wirtschaft steht vor der Pleite.‘ Für meine Frau und meinen Sohn sah ich als Perspektive nur die Flucht in den Westen.“
Flucht mit zwei Anläufen
Im Juni machten sich die Drei auf den Weg. „Kurzurlaub am Balaton“, sagten sie sich im engeren Umfeld. An der ungarisch-österreichischen Grenze wurden sie gefasst. Der ungarische Grenzoffizier zeigte aber Mitgefühl. Mit einem Blick in den Ausweis von Dirk sagte er in gutem Deutsch: „Ihr Junge wird jetzt erst 18 Jahre alt, sie können gehen. Der Vorfall wird nicht an die DDR-Organe gemeldet.“ Keiner zu Hause hatte etwas mitbekommen.
Der Zweitversuch am 6. Oktober, einen Monat vor der Maueröffnung in Berlin, war nicht mehr so risikoreich. Ungarn und Österreich hatten die Stacheldrahtgrenze durchlässig gemacht. Ab dem 11. September 1989 erlaubte Ungarn auch DDR-Bürgern offiziell die Ausreise nach Österreich. Das sprach sich rum. Die Familie ließ in Leipzig alles zurück: die eingerichtete Vier-Zimmer-Wohnung, den Lada vor der Haustür ... Mit nur einer Reisetasche flog sie nach Budapest und von da aus problemlos in den Westen Deutschlands.
In Beckum fassten sie schnell Fuß. Erste sportliche Amtshandlung des Trainers noch im Dezember: schriftliche Bewerbungen bei den Bundesligisten Werder Bremen, Mönchengladbach und sogar bei Bayern München. Freundliche Absagen folgten, unter anderem von Bayern-Boss Uli Hoeneß höchstselbst. Kein Beinbruch für Andreßen, der neben einem guten Job Vereine in Lippstadt und Beckum betreute.
Er arbeitete zunächst als Betriebswirt, später bis zur Rente 2016 als Reklamationsmana-ger bei der Beumer Group, einem Maschinen- und Anlagenbauunternehmen mit weltweit etwa 4 500 Mitarbeitern. Nebenbei trainierte er unterklassige Vereine.
„Ich bin mit mir und der Welt im Reinen“, sagt Andreßen. „Der Familie geht es gut. Ich genieße mit Christina das Rentnerdasein, und wir haben viel Freude an den Enkeln Finn und Emilia.“ Anfang Dezember wird er beim Berliner Vorwärts-Traditionstreff vorab einen ausgeben müssen auf seinen 70. Geburtstag am Heiligabend. Und am ersten März-Freitag 2021 wird es ihn wieder nach Frankfurt ziehen ...
Wolfgang Andreßens Stationen als Fußballer
Geboren: am 24.12. 1950 in Wurzen
Fußball-Anfänge: in der Jugend bei Dynamo und Empor Wurzen
Stationen: 1968/69 Chemie Leipzig, 1969/70 Vorwärts Meiningen, 1970/71 FC Vorwärts Berlin, 1971 bis 1981 FC Vorwärts Frankfurt, 1981 bis 1984 Chemie Leipzig
210 Oberligaspiele (3 Tore), davon 199 für den FCV, 91 DDR-Liga-Einsätze, 6 EC- und 26 Pokalspiele, 9 Nachwuchs-Länderspiele
Trainer: ab 1983 bei Chemie Leipzig (Jugend und zweite Mannschaft), ab 1987 bei Chemie Velten, nach der Wende unter anderem bei Teutonia Lippstadt und SpVg Beckum
Beruf: Maschinenbauer, Ingenieurökonom
Flüchtete im Oktober 1989 mit der Familie über Ungarn in die Bundesrepublik, wohnt in Beckum
Verheiratet seit 1971 mit Christina, ein Sohn

