Gesprächsrunde: Immer noch Hader über verpasste WM-Medaille

Lars Betker inmitten der Nachwuchsheber Lucy Herwig (von links), Niclas Leopold (hinten), Rishaha Saünü und Tom Hauff, Tochter Leann Betker (2.v.li.) turnt.
Kerstin BechlyBetker brachte als ehemaliger Leichtathletik und Handballer – „weil ich zu klein und kein Linkshänder war, wurde ich an der Sportschule nicht angenommen“ – gute athletische Voraussetzungen für das Gewichtheben mit. Darauf sei überhaupt sehr viel Wert gelegt worden, erwähnte er nach einer Frage aus dem Publikum. Selbst eine Turnprüfung war gefordert und wer an DDR-Meisterschaften teilnehmen wollte, musste bis zur AK 16/17 im athletischen Mehrkampf, unter anderem mit Klimmzügen und Schlussweitsprung, eine Mindestpunktzahl vorweisen. Lars Betker hatte sich bei seiner ersten DDR-Meisterschaft gleich Silber gesichert und wurde prompt vom Bezirkstrainer angesprochen, ob er nicht zur Sportschule nach Frankfurt wollte. „Ja, ich wollte, wollte mich verbessern und mit mehr Gleichgesinnten trainieren“, erinnert sich Betker.
Stolz wie Bolle war er unter Trainer Erwin Miske nach seinem Sieg bei der DDR-Spartakiade 1987. Bei 51 kg Körpergewicht erreichte er im Reißen 80, im Stoßen 100 kg. „Schließlich hieß es ja: Der Spartakiade-Sieger von heute ist der Olympia-Teilnehmer von morgen.“ Bis dahin sollte noch mehr als ein Jahrzehnt vergehen. Dazwischen lagen emotionale politische und sportliche Erlebnisse. „Wir waren in Polen zu einem Trainingslager, als Sportler auf uns zukamen und sagten: So, jetzt seid ihr frei. Wir wussten erst nicht, was sie meinten“, schildert der damals 18-Jährige die Zeit des Mauerfalls 1989. Im Jahr darauf begannen die gesamtdeutschen Vorbereitungen auf die Junioren-Weltmeisterschaften 1991 . „Am Anfang haben wir uns mit den Westdeutschen etwas beäugt, aber schnell zusammengefunden. Wir hatten ja die gleichen Interessen.“ Noch heute ist Betker stolz darauf, dass von den zehn Hebern fünf aus Frankfurt (Oder) kamen: Marc-André Franke, die Medaillengewinner Axel Franz (2.), Martin Moreno und Alexander Borowitza (jeweils 3.) sowie Betker (4.).
Wie eng Sport, Wirtschaft und Geld miteinander verwoben sind, erlebte Betker in seiner Bundesliga-Zeit beim Athletic- und Fitnessclub 90 (AFC), der unter anderem ein Fitnessstudio betrieb, um neben Sponsoren den Sportbetrieb zu finanzieren. Der AFC wurde Ende der 90er Jahre deutscher Vize-Meister mit 1019 Punkten. Heute würden 930-980 Punkte erreicht, beantwortete der Talk-Gast eine weitere Frage.
Dann das Jahr 1997, das mit den Weltmeisterschaften in Thailand Betkers größten sportlichen Erfolg, aber auch dessen größten Hader bringen sollte. Nach Bestleistung im Reißen mit 165 kg patzte er in der Klasse bis 91 Kilogramm beim Stoßen nach erreichten 200 bei 205 kg, fünf unter der Bestleistung. „Ich hatte die Last gut umgesetzt und über dem Kopf ausgestoßen. Dann ist mir die Hantel heruntergefallen. Mit 207 hätte ich Bronze im Stoßen gewonnen. Nach dem Wettkampf, als drei Sportler wegen Dopings überführt worden waren, war klar, dass ich mit 205 sogar Silber geholt hätte“, hadert der Heber immer noch mit sich.
Schwierig war das Qualifikationsjahr für die Olympischen Spiele 2000 in Sydney. Betker hatte sich bereits bei der WM in Athen qualifiziert, musste dann aber, weil andere Hoffnungsträger gepatzt hatten, noch zwei weitere Qualifikationen bestreiten, bis die deutsche Mannschaft „komplett“ war. Der Olympia-Auftritt war für ihn der vierte „hundertprozentige Wettkampf, normal sind zwei im Jahr“ und Platz 17 nicht das, was er sich vorgestellt hatte. Aber von der Atmosphäre im Olympischen Dorf schwärmt er noch immer. „Dort hat man all die Sportler anderer Sportarten getroffen, die man sonst nur vom Fernsehen kennt“, begeistert er sich für dieses Ereignis und rät jedem jungen Sportler, „so zu trainieren, um einmal bei den Spielen dabei zu sein.“ Auf dem Weg dorthin sind derzeit Simon Brandhuber (28 Jahre/Rodingen) und Jon Luke Mau (21/Schwedt), die Lars Betker nach dem Ende seiner sportlichen Karriere (2001)einige Zeit trainiert hat. Für ihn ging es nahtlos mit der Trainerlaufbahn an der Sportschule weiter, ein Sportstudium folgte wenige Jahre später. Nun liegen die Hoffnungen auf neun Sportlern der 7 bis 10. Klasse, die er betreut, „eine tolle, gute Truppe“, die meisten kommen vom ASK, dem Athletik Sport Klub Frankfurt und Nachfolger des AFC. Beim internationalen Oderpokal Anfang November können sie zeigen, wo sie stehen. Was das Wichtigste für einen Sieg ist, wurde Lars Betker noch gefragt: „Der Kopf ist das Wichtigste, der muss wollen. Erst dann kommen Körperkonstitution, Gewandtheit und Technik“, sind seine langjährigen Erfahrungen.
