Glücksrezepte: Und wieder weißer Flieder
„In diesem Jahr habe ich wieder meinen Strauß weißen Flieder bekommen“, sagt Christa Mielsch strahlend. In den vergangenen 70 Jahren hat die 91–Jährige den frühen Flieder an jedem 26. März von ihrem Paul erhalten — außer im vorigen Jahr. „Da war kein Flieder aufzutreiben“, erinnert sich die Frankfurterin. Zur Hochzeit 1949 in der Frankfurter Georgenkirche hatte ihr Paul den Flieder aus Westberlin besorgt. Und auch zu DDR–Zeiten setzte der Ofenbaumeister alle Hebel in Bewegung, um an den Strauß zu kommen. Der weiße Flieder im Gnadenhochzeits–Gebinde stammt aus Holland.
Manchem älteren Frankfurter dürfte Paul Mielsch ein Begriff sein: Der selbständige Ofensetzermeister hat in vielen Häusern der Stadt seine Spuren hinterlassen. Seiner Leidenschaft für historische Kachelöfen verdankten das Museum Viadrina, Rathaus, Kleistcafé oder das Forsthaus besondere Öfen. „Davon gibt es keinen mehr. Nur einige Kacheln liegen noch irgendwo im Keller“, bedauert Christa Mielsch.
Sie nähte „Kachel–Paule“, wie ihn die Frankfurter nannten, seine ersten Nachkriegshosen, als er aus der britischen Gefangenschaft heimkehrte — aus einer Decke. Kennengelernt hatten sich der Ofensetzer und die Schneiderin im „Kakadu“, einer Kneipe am Kellenspring, in der Nähe der einstigen Ofensetzer–Werkstatt von Georg und Paul Mielsch in der Fischerstraße.
Um heiraten zu können, musste Paul Mielsch damals, vor 70 Jahren, mit seinem Vater zum Amtsgericht gehen. Weil er noch keine 21 Jahre alt war, brauchte er dessen Zustimmung und die Erteilung der „Ehemündigkeit“.
Dass es für den Betrieb, in dem Christa das Büro managte, keinen Nachfolger gab, als Paul Mielsch 1994 in den Ruhestand ging, bedauert das Paar bis heute. Der jüngeren Tochter Roswitha, einer Maschinenbauingenieurin, war die Übernahme in der DDR verwehrt worden. So wurde die Firma dicht gemacht. Und Christa und Paul Mielsch gingen auf Reisen, hielten sich fit.
„Unsere Eltern waren bis in ihre 80er hinein jedes Jahr Ski laufen. Mutter hat bis vor zwei Jahren regelmäßig Seniorensport getrieben. Und bis vor zwei Jahren haben die beiden auch ihren 1200 Quadratmeter großen Garten in Markendorf bewirtschaftet“, berichtet Tochter Angelika Strozyna (69) stolz. Und zur Wohnung in der zweiten Etage fährt kein Fahrstuhl.
In der Feierrunde im Hochhauscafé saßen am Dienstag neben Verwandten — das Jubelpaar hat zwei Enkelinnen und einen Urenkel — auch Paul Mielschs Schulfreund Heinz Fröhlich und seine Frau. Die Männer waren in einer Klasse der einstigen Frankfurter Georgenschule. Der Ofensetzer und der Bauingenieur treffen sich jede Woche einmal zum Bier und Plausch.

