Höherer Lohn, Sozialleistungen, Wohngeld, Arbeitslosengeld, Arbeitslosenversicherung – Karolina Ugorska und Anna Hruszczowiec zählen auf, warum sie nicht wieder in Polen arbeiten wollen. Aktuell sind die beiden jungen Frauen im Lager eines Güterverkehrszentrums in Großbeeren – dort sind viele Polen angestellt – beschäftigt, wollen aber lieber dichter an der Grenze arbeiten. Dann würden sie vielleicht zu den knapp 2000 Polen gehören, die in Frankfurt einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgehen – weit mehr als doppelt so viele als noch vor vier Jahren. Im Landkreis Oder-Spree sehen die Zahlen ähnlich aus. Knapp 1800 polnische Arbeitnehmer gab es dort zum Stichtag 31. März dieses Jahres. 2015 waren es noch etwa 1000 weniger. In Märkisch Oderland hat sich die Anzahl in vier Jahren sogar verdreifacht, von fast 500 auf über 1600 (siehe Grafik).
"Das Leben ist allgemein besser in Deutschland", sagt die 27-jährige Karolina Ugorska, die im Gegensatz zu ihrer Freundin in Deutschland lebt. Diese hatte ursprünglich Köchin gelernt, aber nie in diesem Beruf gearbeitet. Ugorska ist keine Fachkraft, erzählt sie. In Polen hätte sie nicht einmal 500 Euro im Monat verdient – der offizielle Mindestlohn. Jetzt in Deutschland seien es netto 1150 Euro.
Kaum Arbeitslosigkeit
Entlang der Grenze, zum Beispiel in Słubice und Kostrzyn, gibt es auf polnischer Seite fast keine Arbeitslosigkeit mehr. In Gorzów liegt die Erwerbslosenquote bei 2,38 Prozent, in Słubice bei 2 Prozent, erzählen Ewelina Zuchowska vom Kreisarbeitsamt Gorzów und ihre Słubicer Kollegin Marta Ciureja. Trotzdem gebe es viele Berufe, in denen Fachkräfte oder Arbeitnehmer insgesamt fehlten. In Słubice etwa seien Jobs im Dienstleistungsbereich vakant, in der Gastronomie, Hotellerie, Logistik und im Verkehr.
Was die beiden in ihrer täglichen Arbeit aber auch erleben: "Es gibt kein Unternehmen, vor allem in der Sonderwirtschaftszone, das keine Ukrainischen Arbeitnehmer hat." Rund zwei Millionen Ukrainer leben in Polen, bis zu 21 000 davon in der Wojewodschaft Lubuskie. Das sind fast 2000 mehr als noch vor einem Jahr. Es gebe einen großen Arbeitskräftebedarf, sagen sie, aber eben auch viele Ukrainer, die diese Lücken füllen.
"Du hörst nur Russisch, an der Kasse und so weiter." Diese Erfahrung macht Leszek Makila, wenn er mal in seiner Heimat ist. Der Pole lebte 28 Jahre in Hamburg und ist nun wieder dichter an die polnische Grenze gezogen. Er spricht von einer Art Tausch: Polnische Arbeiter würden nach Deutschland gehen, Ukrainer in Polen freie Stellen besetzen.
Von Konkurrenz wollen die Arbeitsagenturen auf beiden Seiten der Oder aber nicht sprechen. Man arbeite intensiv zusammen, es gebe gemeinsame Arbeitsgruppen, Berater im Eures-Kooperationsnetzwerk, das die Freizügigkeit der Arbeitnehmer in den EU-Ländern erleichtern soll, tauschen sich aus, erzählen Zuchowska und Ciureja. Außerdem seien in den vergangenen Jahren in Polen mehr Programme zur Unterstützung Arbeitsloser entstanden. Zur Arbeit in Deutschland müsse man sich also nicht gezwungen sehen. Wer sich in Polen zum Beispiel selbstständig machen will, bekommt eine Förderung; seit ein paar Jahren gibt es außerdem geförderte Weiterbildungen, betonen die beiden Arbeitsamtsmitarbeiterinnen. Dass Deutschland Polen die Fachkräfte "wegnimmt", treffe nicht zu.
Ausdruck der Vereinigung
Die vielen polnischen Arbeitnehmer in Deutschland sind laut Jochem Freyer, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Frankfurt, "ein Ausdruck des Zusammenwachsens und der Vereinigung Europas". Er würde sich jedoch freuen, wenn andersherum mehr Deutsche in Polen arbeiten würden, betont er. Dazu müssten die Arbeitnehmer jedoch besser Polnisch lernen und – vor allem – müssten die Löhne im Nachbarland erhöht werden.
Doch auch für Polen sind die Aussichten auf dem polnischen Arbeitsmarkt nicht rosig. Dieser Überzeugung ist Krystyna Axmann. Die 56-Jährige arbeitete in ihrem Heimatland als Bürokauffrau für Wirtschaft und soziale Angelegenheiten. Seit 2003 ist sie in Deutschland, erst in Bayern und dann in Brandenburg. Sie arbeitet als Reinigungskraft oder bei McDonald’s, erzählt sie. Ihre Kinder lassen sich in Deutschland ausbilden. "Die Politik" verspreche jungen Polen zwar viel. Wer unter 26 ist, ist zum Beispiel seit August von der Einkommenssteuer befreit. "Aber das ist nur pro forma. Real gibt es sehr wenige Arbeitsperspektiven", bemängelt sie.
Fachkräfte abwerben?
Auch Dorota Biegaj ist, wie Krystyna Axmann, eine Fachkraft. Sie war in ihrer Heimat Bürosachbearbeiterin. "Ich wollte nach Deutschland kommen, weil die Lebensqualität besser ist als in Polen." Deutsch brachte sie sich selbst bei – jeden Tag zehn Wörter. Aktuell sucht sie Arbeit, zum Beispiel als Reinigungskraft, weil sie glaubt, ihr Deutsch reiche für eine Tätigkeit in ihrem erlernten Beruf nicht aus. Unzufrieden ist sie darüber nicht. "Ich habe keinen Grund zu meckern", sagt sie in kaum gebrochenem Deutsch. Leszek Makila war Maschinenbautechniker, als er Polen mit 29 verließ. Jetzt sucht er allerdings einen Job als Gabelstaplerfahrer in der Grenzregion. Bis zu seiner Rente sind es noch zehn Jahre.

Hier kommt stattdessen eine Grafik rein

Anlauf und Text. red