Heiligabend: Erstes Weihnachten im selbstgebauten Eigenheim
Einst träumten Mario und Andrea, was kann man machen als Frühaufsteher? Wir schaffen die eigenen vier Wände. Mit Hilfe und unserer eigenen Hände“ – so dichtete Andrea Jacob im Oktober auf ihrem Richtfest in der Herbert-Jensch-Straße. Und wirklich, gut zwei Monate später sitzen die Ingenieurin, ihr Mann Mario Spahn, ihre drei Söhne und die Eltern aus Berlin beim Entenbraten im neuen Haus unterm Weihnachtsbaum. Bis dahin verbringen die gelernte Maurerin und der Fliesenleger viele Feierabende auf dem privaten Bau; ein Eigenheim ohne Keller und Dachboden sowie ein mehrstöckiges Wohnhaus zum Vermieten sind geplant.
„Meine Familie war eine große Hilfe“, sagt die 50-Jährige über die helfenden Hände, die vom Bäume fällen über Tiefbau-, Beton- bis hin zu Maurerarbeiten mit anpackten. „Oft hatte es etwas von Paar-Therapie“, sagt Jacob lachend über die gemeinsame Zeit mit ihrem Mann auf dem Bau. Im September 2018 war der schwierige Baugrund die erste Nagelprobe. „Wenn man im Flussbett baut, muss man sich nicht wundern“, sagt der Statiker, denn 100 Meter weiter östlich fängt die Oder an. Die Lösung: 30 Zentimeter lange Rüttelstopfsäulen. Vier Monate wurde in der Erde „gewühlt“, weil die vorherigen Hausbesitzer ihr Eigenheim einfach verfallen ließen. Schutt und Müll mussten also erstmal an die Oberfläche und entsorgt werden. 21 Tonnen Stahl im Fundament geben dem Mehrfamilienhaus Halt.
Seit März wurde gemauert, allerdings nur ab fünf Grad, weil sonst der Spezialkleber in den Fugen kristallisiert und zerspringt. Der bisher milde Winter ist da vorteilhaft. „Das ganze Systeme ist wie ‚Lego für Erwachsene‘“, sagt Jacob über die vorgefertigten Blöcke. Im vierten Stock des Rohbaus hebt sie ganz entspannt per Mini-Kran die 284 Kilo schweren Steine von links nach rechts. Es ist Ende Oktober. Die Pausen werden im bunt-bemalten Bauwagen mit den anderen Handwerkern bei Erbsensuppe aus der Büchse oder einem heißen Kaffee verbracht.
Moderne Inneneinrichtung
„Wir sind keine Öko-Leute“, erklärt Jacob, die als technische Beraterin bei der Handwerkskammer arbeitet, angesichts der energetischen Bauweise. Eher seien es die gesetzlichen Vorschriften, gepaart mit der Lust auf Neues: Das begrünte Dach trägt durch Regenwasser-Verdunstung zur Verbesserung des Raumklimas bei. „Und hier ist unsere Technik drin“, sagt die 50-Jährige und öffnet im Eingangsbereich eine Tür, hinter der sich Rohre, Kabel und kleine Bildschirme verbergen. Denn für gute Raumluft sorgt ein Wärmetauscher, der die warme, verbrauchte mit der frischen, kühlen Luft auswechselt. Fenster auf und Lüften war einmal. Danach kommt das Bad, fast lautlos geht Jacob dorthin.
„Das liegt an der Entkopplungsmatte unter den Fliesen“, erläutert sie. Denn diese schützt vor Schall, weil nach dem Auftragen des Estrichs die Feuchtigkeit im Boden bleibt und so gedämmt wird. Im Bad zieren die Wände über zwei Meter breite Fliesen, die Badewanne schwebt scheinbar über dem Boden, samt Bodenbeleuchtung. Einen Duschvorhang sucht man vergeblich. „Da bilden sich immer so schnell Kalkablagerungen“, findet Jacob. Stattdessen wird offen, ohne Tür, Vorhang oder sonstigen Spritzschutz geduscht.
Endspurt im Dezember
Für wohlige Wärme sorgt seit Mitte Dezember der eingebaute Kamin, mit Restwärmespeicher. Mario Spahn verfugt am 17. Dezember kniend die 1,20 mal 1,20 Meter großen Bodenfliesen, einen Tag später kommt die Küche und am Donnerstag ziehen Jacob und ihr Mann mit Sack und Pack aus ihrer Wohnung im Grünen Weg ins eigene Haus um. Brot, Salz und ein Messer gab es von ihren Kollegen schon vorab als Geschenk zum Einzug.
Im Juli 2020 soll das nachbarliche Mehrfamilienhaus fertig sein. Vorher genießen Andrea Jacob und Mario Spahn in trauter Zweisamkeit ihre eigenen vier Wände. Geschaffen durch die eigenen Hände.
Kommentar: Task Force für gutes Wohnen
Das Jahr 2019 hatte es bei Andrea Jacob und Mario Spahn tatsächlich in sich. Nach dem offiziellen Baustart bereits Ende 2018 haben die beiden neben der Arbeit fast ihre gesamte Freizeit in das entstehende klimafreundliche Eigenheim gesteckt. Zwischendurch sind sie von den Anstrengungen des Hausbaus ziemlich erschöpft gewesen. Aber jetzt umso glücklicher, dass alles geschafft ist. Zugleich schaffen sie – neben den eigenen vier Wänden – in einem Mehrfamilienhaus Wohnraum zum Vermieten. Wohnungen, die unterschiedlichen Erwartungen gerecht werden, sind in Frankfurt gefragter denn je. Einerseits ist die Nachfrage nach saniertem sozialen Wohnraum anhaltend vorhanden. Andererseits wächst der Bedarf nach Wohnungen mit gehobenen Ansprüchen und Grundstücken für Eigenheime. Immobilienmakler senden erste Signale, dass sie Interessenten vertrösten müssen, weil die ausgewiesenen Grundstücksflächen nicht mehr reichen. Für die Stadt ist dies eine der großen Herausforderungen 2020. Denn eine Zuzugs-Kampagne braucht attraktive Wohnungsangebote, die auch gut auf den Bedarf der Interessenten abgestimmt sind. Die Stadt sollte sich dem mit Wohnungsunternehmen und Immobilienmakler in einer gemeinsamen Task Force stellen.⇥Heinz Kannenberg

