Jubiläum: Waldorfschule feiert 100-Jähriges mit Eurythmie

Viel los ist aktuell an der Freien Waldorfschule Frankfurt. Das 100-jährige Jubiläum der Waldorfschulen wird gefeiert, mit einem Festakt in Berlin, einer Schulfeier in Frankfurt – und dazu gehört auch Eurythmie. Die Bewegungskunst macht Musik und Sprache sichtbar.
Gerrit FreitagDie Elft- und Zwölftklässler der Freien Waldorfschule proben für zwei Eurythmieaufführungen. Eine davon findet dieses Wochenende in der Friedenskirche statt. Dort geben alle Klassen einen Einblick in die Waldorfpädagogik und feiern das Jubiläum „Waldorf 100“, das in diesem Jahr in ganz Deutschland und der Welt begangen wird.
Kommende Woche Mittwoch dann nehmen die Schüler aus den Klassen 11 und 12 an der Eurythmie-Aufführung „Brückenschlag 1919-2019“ an der Waldorfschule Berlin-Kreuzberg teil. Dabei wird es um die Entwicklung der Eurythmie gehen. Doch was genau ist Eurythmie eigentlich?
Sichtbarmachen mit Bewegung
„Eine Bewegungskunst, die versucht, Musik und Sprache in Bewegungen sichtbar zu machen“, versucht Friederike Felicitas Jahn eine Definition. In der Pädagogik gehe es vor allem auch um das soziale Miteinander, darum, Körper und Geist zu verbinden. Das kann zu Musik von Chopin sein oder zum Stück "Die Moldau“. Die Frankfurter Waldorfschüler proben aktuell zum Stück "Warten auf Wunder“ von Michaela Catranis, komponiert für ihre Aufführungen. Jahn hatte ihre Schüler zuvor gefragt, was sie sich wünschten. Etwas Romantisches und Modernes wollten viele. Auch düstere und wilde Klängen standen bei einigen Schülern hoch im Kurs.
Offen ist die Eurythmistin auch für moderne Musik. Doch Poplieder stützen sich meist eher auf die Stimme, die Musik sei oft nicht komplex genug, um daraus ein Eurythmiestück auszuarbeiten. „Wir stellen Intervalle, Töne, Melodien, Rhythmen, Takte dar“, erklärt Jahn. Laute sollen sichtbar gemacht werden, nach den Naturgesetzmäßigkeiten des Menschen. „Der Kehlkopf bewegt sich mit beim Sprechen – wir stellen diese Bewegung mit dem ganzen Körper dar“, beschreibt sie.
Der Raum, in dem sie unterrichtet, ist bis auf das Klavier leer. Derzeit begleitet auch die Cellistin den Unterricht. Es wird ein Stück gespielt, das die Schüler dann „eurythmisieren“, wie Friederike Felicitas Jahn es nennt. Auch Musiktheorie spiele im Eurythmie-Unterricht eine Rolle. „Wir schauen, in welcher Tonart und welchen Intervallen das Stück ist, ob piano oder forte“, erläutert sie. Frontalunterricht gibt es in ihren Eurythmiestunden aber nicht.
Die Schüler tragen lange Kleidung, um die Bewegungen gut aussehen zu lassen. „Es geht um die Bewegung und nicht um das Körperliche des Einzelnen“, beschreibt sie. Für das Stück „Warten auf Wunder“ stellt immer eine Gruppe – mit Schleier – das Cello, und eine – ohne – das Klavier dar. Als Gruppe bewegt man sich zusammen, erklärt Jahn, immer einer führt diese an. Die Herausforderung für die Schüler sei unter anderem, sich von den anderen führen zu lassen.
Stereotype Assoziation
Ein Vorurteil, das Menschen oft beim Stichwort Waldorfschule haben, nimmt der Bund der Freien Waldorfschulen mit Humor: Im Onlineshop werden mit „Waldorf 100“ bedruckte Dinge verkauft. Darunter ein Beutel mit dem Aufdruck „Keep calm and dance your name“, also „Ruhe bewahren und Namen tanzen“. Diese stereotype Assoziation mag Friederike Felicitas Jahn nicht. Sie unterstreicht noch einmal, dass bei der Eurythmie alle Laute mit den Gesetzmäßigkeiten des Menschen dargestellt werden können. „Ja, man kann diese Laute auch so verbinden, dass ein Name rauskommt“, sagt sie. „Aber ich habe in meinem Unterricht noch nicht einen Namen mit den Schülern getanzt.“
Sie entschloss sich, Eurythmie zu studieren, weil sie gerne mit Menschen zusammenarbeiten wollte, klassische Musik und Gedichte ihr schon immer gefielen. „Ich bin ein kreativer Mensch“, beschreibt sie sich selbst. Mit dieser künstlerische Ausdrucksform könne sie alles „total gut kombinieren.“ An der Frankfurter Waldorfschule ist es das dritte Jahr für die junge Frau. „Ich hatte das Gefühl, in dem Unterrichtsfach kann ich alles miteinander verbinden, was mir gefällt.“
Waldorf 100in Frankfurt und Berlin
Am Freitag brachten Frankfurter Waldorfschüler, Eltern, Lehrer den Staffelstab, der alle deutschen Waldorfschulen verbindet, nach Berlin. Am heutigen Sonnabend, 10 Uhr, gibt es die öffentliche Schulfeier (Friedenskirche). An der Eurythmieaufführung "Brückenschlag 1919-2019" am 11.9., 19.30 Uhr, an der Waldorfschule Kreuzberg sind auch Frankfurter beteiligt. Die Frankfurter Oberstufe ist beim großen Festakt am 13.9. in der Philharmonie Berlin dabei. Im Weinbergweg hält die anthroposophische Kinderärztin Dr. Michaela Glöckler am 18.9., 19 Uhr, einen Vortrag. Zwei Frankfurter Schüler spielen im "Projektorchester-Waldorf-100", das am 19.9. zum Abschluss im Tempodrom Berlin auftritt.⇥red