Kampfsport: Stark, siegreich und immer gutmütig
Intermezzo bei den Boxern
Der mit 12, 13 Jahren noch schmächtige Junge hatte sich nach kurzem Intermezzo bei den Boxern für die Judoka der BSG Dieselmotorenwerk Wolgast entschieden, wuchs sich zum erfolgreichen „Wonneproppen“ aus und wechselte 1984 als 20-Jähriger von der Armeesportgemeinschaft Rostock nach Frankfurt. Dort beendete er parallel zum Training seine Lehre als Baumaler.
Werner und Brümmer lieferten sich vor den wieder gut 40 Zuhörern des MittwochsTalk einen fröhlichen Schlagabtausch, als sie aus dem Nähkästchen abseits von Training und Wettkämpfen plauderten. So kam das Schwergewicht um die Skilager nicht herum. „Einmal mussten wir im Schneesturm unsere Runden drehen. Ich hatte ,Stullenbretter‘ an den Füßen, der Schnee pappte immer mehr. Während die anderen Sportler aus der Loipe gewunken hatten, wurde ich vergessen“, erinnerte sich Brümmer. Gefühlte Stunden später „stand Brümmi in der Tür, wie ein Bär, mit versteinertem Gesicht und Eis in den Haaren“, erzählte Werner weiter. Ja, man habe sich schon Gedanken gemacht, wo er geblieben sei.
Der Wechsel vom ASK-Sportler zum Mitglied der Sportfördergruppe der Bundeswehr gelang reibungslos. Als „rabenschwarzen Tag“ bezeichnete Jörg Brümmer aber den Kampf um Bronze bei den Weltmeisterschaften 1991 in Barcelona. „Ich hatte zuvor starke Leute geschlagen.“ Dann der entscheidende Kampf gegen den Ungarn Imre Csösz. „Bis eine Minute vor Schluss führte ich. Ich setzte einen Außenschenkelwurf an, den mein Gegner gekontert hat und ich verlor.“
Deutscher Mannschaftsmeister
Umso lieber erinnert der 55-Jährige sich an die Erfolge mit der Bundesliga-Mannschaft des neu gegründeten JC 90 Frankfurt. Mit Uwe Frenz, Marko Spittka, Mario Rolle, Frank Möller, Henry Stöhr und Jens Altendorf holte er 1992 den ersten deutschen Meistertitel für den Verein. „Da war für das Finale alles bestens vorbereitet, die Stimmung in der voll besetzten Radsporthalle super.“
Im Frühjahr 1995 beendete Brümmer seine Judo-Karriere, schon ein halbes Jahr später stand er nach einer Anfrage erstmals als Sumo-Ringer auf der Matte: bei den Europameisterschaften in Ingolstadt. Und erreichte in der offenen Klasse gleich das Finale. Dort traf der damals 160-Kilogramm schwere Brümmer auf den 220-Kilo-Koloss Valeri Nikolov. Eine beeindruckende, furchteinflößende Erscheinung. Brümmer nahm seinen Mut zusammen, ließ sich auf keine Experimente ein und beförderte ihn nach außen. Es war der Anfang einer extrem erfolgreichen Zeit bis 2004 mit 23 Medaillen bei Europa- und Weltmeisterschaften, den World Games sowie internationalen Turnieren.
Sumo findet Jörg Brümmer interessant, seit er es Jahre zuvor erstmals während eines Judo-Turniers im japanischen Fernsehen gesehen hatte. Die Regeln in dem lehmgestampften 4,55-Meter-Dohyo seien einfach – „Man versucht den Gegner aus dem Ring zu drängen. Er hat verloren, wenn ein Körperteil außer den Fußsohlen den Ring verlässt, das können auch die Haare oder ein Teil des Gürtels sein.“
Brümmer brachte sich fast alles autodidaktisch bei. Der gutmütige Hüne erzählt viele Geschichten rund um das Sumo: von den Ritualen vor dem Kampf mit Salzstreuen und speziellen Handbewegungen. Davon, dass nach einem Frauenkampf der Ring neu geweiht werden müsse. Von speziellen Stehtoiletten und riesigen Wannen für die extrem schweren Kämpfer. Dass man trotz des Gewichtes eine gute Kondition benötige, um die vielen Kämpfe durchzustehen. Und natürlich vom typischen Kampfgürtel, dem Mawashi – ein reißfestes Stück Leinen, 60 Zentimeter breit, drei Kilo schwer und vier- bis fünfmal so lang wie der Körperumfang, bei Brümmer gut sieben Meter. „Das Anlegen dauert fünf Minuten, am längsten braucht man, um das spezielle Körperstück zu verstauen“, umschrieb er. Der Sumotori hatte einen Gürtel mitgebracht, aber nicht den Weltmeister-Mawashi, der sei heilig.
Als Weltmeister herumgereicht
Von der WM in Tokio 1998 war er als erster deutscher Amateurweltmeister zurückgekehrt. Seines Sieges war er sich sicher, als im anderen Halbfinale der japanische Favorit besiegt wurde. Der Finalkampf gegen Nacanieli Qerawaqa von den Fidschi-Inseln dauerte länger als erwartet. Denn nach der WM war er bei vielen Talkshows zu Gast, fühlte sich ein bisschen herumgereicht wie ein Paradiesvogel. Dann wählte er aus, fühlte sich bei Harald Schmidt und Stefan Raab am wohlsten. Karl-Heinz Werner betonte: „Brümmi hat das Sumo zu großem Ansehen in Deutschland verholfen.“
Brümmer wurde mit Alexander Czerwinski und Torsten Scheibler auch Mannschaftsweltmeister, im Jahr 2000 in Brasilien: „Alle, wirklich alle osteuropäischen Mannschaften kamen zu uns und gratulierten. Weil wir die Ersten waren, die den mehrfachen Weltmeister Japan besiegt hatten.“ Da meistens als Einzelkämpfer unterwegs, hat er das Gemeinschaftsgefühl immer genossen, vor allem im Oktober 2001. Da flog er mit ungutem Gefühl zur Mannschafts-WM, weil seine Frau Maren hochschwanger war – und erfuhr in Japan, dass sie eine Schwangerschaftsvergiftung erlitten habe. Beim darauffolgenden Kampf versagte er. „Die anderen aus der Mannschaft sagten: Wir reißen das für dich.“ Dann der erlösende Anruf, die Geburt verlief gut, Mutter und Sohn wohlauf. „Wir wurden noch Vize-Weltmeister und jetzt steht der Geburtstag von Paul auf dem Pokal drauf“, erzählte Brümmer gerührt.
In jener Zeit hatte er sein Herz schon für eine dritte Sportart entdeckt – Football. Jens Enke von den Red Cocks hatte ihn 1999 überzeugt, als Defensivspieler aufzulaufen. Mit Peter Herrmann bildete er ein paar Jahre eine kaum zu überwindende Mauer, stand da „wo man mich hingeschoben hat“ und genoss es, im Regionalteam ein Teamplayer zu sein.
Zum Super Bowl am Sonntag
Seine einstigen Mitspieler Andreas Lange und Stephan Bandke waren auch zum Abend gekommen. Sie stellten den 1. ASC mit seinen sieben Sportarten vor und berichteten, wie sich der Verein um den Football-Nachwuchs kümmert. Und sie machten Werbung für die Super-Bowl-Übertragung am Sonntag. Die Football-Party startet um 12 Uhr im Messebistro. Die will sich Jörg Brümmer auch nicht entgehen lassen. Gut, dass der Erzieher in der Einrichtung eines kirchlichen Trägers frei hat.


