Klavierfestival
: Mit Beethoven ins 4. PianOdra in Frankfurt (Oder)

Das 4. Klavierfestival PianOdra findet Ende Februar in Frankfurt (Oder) statt. Es steht im Zeichen des Komponisten Ludwig van Beethoven.
Von
Silvia Fichtner
Frankfurt (Oder)
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Geigerin Jung Won Seibert-Oh und Pianist Christian Seibert: Beide spielen am 28. Februar Beethovens Klaviersonate Nr. 21 als Eröffnungskonzert.

Tobias Tanzyna

Doch der Komponist zuckte mit den Schultern und schleuderte den Widersachern entgegen: „Wahre Kunst ist eigensinnig, lässt sich nicht in schmeichelnde Formen zwingen.“ War das unverdrossener Glaube an das eigene Können oder unwirscher Schutz der eigenen Verletzbarkeit? Wer sich mit seinem Leben, seiner Musik befasst, weiß, dass sich in diesem Mann die Gefühle dieser Welt bündelten, auch seine Einsamkeit bevölkerten. Mehr als 650 Kompositionen hat uns Ludwig van Beethoven vererbt. Dieses Jahr gedenken wir seines 250. Geburtstages.

Der künstlerisch Vorausgeeilte

Grund genug für den Begründer des Klavierfestes PianOdra, Christian Seibert, 2020  aus der Reihe zu tanzen. Der Pianist und Leiter der privaten Musikschule namens Kleist in der Oderstadt weicht vom ursprünglichen Konzept des noch recht jungen Frankfurter Festes, jährlich Komponisten und Musik eines ausgewählten Landes in den Mittelpunkt zu rücken, ab und widmet das 4. PianOdra dem Genius und der Stadt Wien.

Dort lebte der in Bonn geborene Komponist 35 Jahre lang und dort starb er auch. „Beethovens Wien“ ist das PianOdra 2020 überschrieben und verknüpft in seinem Programm Werke des weltberühmten Künstlers mit denen namhafter Komponisten der beiden Wiener Schulen – der Vorklassik und der Moderne.

Beethoven sei nicht nur richtungsweisend für seine Kollegen zu Lebzeiten gewesen, sondern wirke bis in die heutige Zeit hinein, begründet Seibert seine Entscheidung. „Seine Kompositionstechnik, sein Spiel, seine Klang–sprache prägen Pianisten, Musiker, Zuhörer – und Beethoven fordert uns heraus“. Die Hürde für die Interpreten hat der Komponist selbst verbal hoch gelegt: „Gott weiß es, warum auf mich noch meine Klaviermusik immer den schlechtesten Eindruck macht, besonders wenn sie schlecht gespielt wird.“, notiert er 1804 auf einem seiner Notenpapiere, die stets verstreut im ganzen Hause liegen. Auf Befindlichkeiten nimmt er nie Rücksicht, auch auf die eigenen nicht. „Des Lebens Stacheln hatten tief ihn verwundet“, ruft noch der Wiener Dichter Franz Grillparzer am Grabe Beethovens ins Gedächtnis.

Der Zauber von Beethovens hinterlassenem Werk aber hat sich für ewig über die Welt gelegt. „Wer Beethoven hört, wird mit dem Verklingen des letztes Tones nicht hinausgestoßen in die Nacht, sondern fühlt sich erfüllt von einer soeben gehörten Menschengeschichte. Man spürt zugleich die Freiheit, die durch nichts zu bändigende Energie, mit der er sich dem Üblichen, Gewohnten, Erwarteten, Konventionellen widersetzte“, schildert der Pianist Seibert sein Empfinden. Und liebäugeln wir heimlich nicht auch eher mit dem Nonkonformen?  Anarchischen? Regellosen? Beethovens Privatleben, sein Haushalt war tatsächlich eher eine „sinfonia disastrosa“, doch sein künstlerisches Werk? Ein Monstrum? Zeitlebens und bis heute entzünden sich Fragen an diesem künstlerisch Vorausgeeilten: Wie weit darf individuelle, darf künstlerische Freiheit gehen? Selbstverwirklichung um jeden Preis?  Ratlosigkeit bei Hörern und Kollegen, Überforderung bei Interpreten bremsten Beethoven nicht aus, nicht einmal sein schwindendes Gehör. Hätte er darauf Rücksicht genommen, wäre ein solch brillanter Komponist aus ihm geworden?

Beethovens Klaviersonate Nr. 21, die er seinem Förderer Graf Ferdinand Ernst Joseph Gabriel von Waldstein und Wartenberg, Geheimrat in Bonn, widmete, ist eine solche Herausforderung für den interpretierenden Pianisten. Sie erklingt, gespielt von Christian Seibert selbst, u.a. im Eröffnungskonzert, das er – schon traditionell – gemeinsam mit seiner Frau, der Geigerin Jung Won Seibert–Oh, gestaltet. Und gleich noch einmal der Reiz individueller Freiheit am Eröffnungstag: Der Pianist Søren Gundermann spielt seinen gerade erst aufgenommenen Jazzklavierzyklus „Europe Variations“, der, auf CD gepresst, am 28. Februar bei dem Potsdamer Label Meletoi auf den Markt kommt. Gundermann spielt 13 Variationen und Zwischenspiele von der Europahymne, die ja das Hauptthema des letzten Satzes aus Beethovens 9. Symphonie ist. „Die schlichte, schöne, bedeutungsvolle und manchmal etwas nervige Melodie betrachte ich darin aus ganz verschiedenen Perspektiven“, verrät der Komponist und Pianist, der hier aus der Region stammt.

Eine PianOdra-Überraschung ist auch der Grazer Sänger und Pianist Jörg–Martin Willnauer mit seinem Georg–Kreisler–Programm. Der in Wien geborene Kreisler,  im Jahre 1928, nach der Machtübernahme der Nazis in Österreich mit seinen Eltern in die USA emigriert, und 98–jährig in Salzburg  – unversöhnt mit Österreich – gestorben, war ein wortjonglierender Dichter und Chansonier und Weltdurchschauer. Ganz Beethovenscher Gesinnung von wahrer Kunst, passt er bestens ins Klavierfestprogramm.

In den Pausen ein guter Wein

Dem Wunderkind Mozart ist das Familienkonzert gewidmet. Derartige Kindheit, die auch Beethoven widerfuhr, wirft fortwährend Fragen auf. Schüler der Erich–Kästner–Grundschule haben sich jüngst damit befasst. Überdies gibt es Begegnungen mit  Musik Franz Schuberts, Johann Nepumuk Hummels, Johannes Brahms‘ und Arnold Schönbergs… — und in den Konzertpausen gewiss auch wieder einen guten Wein. Vergessen wir die Leberzirrhose, an der Beethoven gestorben ist! Seine letzte Mahlzeit, bevor er 56jährig Ende März 1827 seine Augen schloss, waren Pfirsichkompott und ein paar Gläser „Krumbholzkirchner“ Wein. Die Kiste „1806er Rüdesheimer Berg, hochreif, goldfarben und firn“, schon lange zuvor bestellt, um sie recht bald mit Freunden zu leeren, verpasste er knapp. Kolportiert sind seine letzten Worte „Schade, schade — zu spät!“

28. Februar bis 1. März: 4. PianOdra „Beethovens Wien“, alle Konzerte im Logensaal der Viadrina, Frankfurt (Oder),  Logenstraße 11, Kinder bis 14 Jahre haben in Begleitung eines Erwachsenen freien Eintritt;  Karten bzw. Festivalpass an der Konzertkasse, Kartenreservierung und Vorverkauf: KleistMusikSchule, Tel. 0335—27629356 bzw. online unter kontakt@kleistmusikschule.net, MOZ–Ticketservice Paul–Feldner–Straße 13, Tel. 0335 66599—558, Online auf: moz.de/ticket