Warum der martialische Titel „Durch die Hölle“? Das erfasse das Wesen des Buchs am besten und sei wahrscheinlich auch verkaufsfördernd, erklärt Bernd Hesse. Bei seinem ersten Krimiroman „Rubel, Rotlicht, Raketenwerfer“ hieß der Arbeitstitel „Biberburg“. Das höre sich zu sehr nach Kinderkrimi an, meinte der Eulenspiegel-Verlag.
Bei „Durch die Hölle“ ist der dritte Fall der längste und titelgebend. Er handelt von einem Mädchen, das zur Prostitution gezwungen wird. Kommt der gut aussehende, junge Mann zuerst noch sympathisch daher, wird nach und nach klar, dass er von Anfang an nur das Ziel verfolgt, sie zur Prostitution zu zwingen. Geschickt wird sie vom Elternhaus, von den Freunden entfernt. Finanziell wird sie von Krediten abhängig gemacht – bis die Frau ganz im Rotlichtmilieu verhaftet ist. Zuerst hat sie Freier im Haus, arbeitet danach als Gogo-Tänzerin und muss sich letztendlich auf dem Straße verdingen. Beim ersten Freier läuft sie weg. Schließlich wird sie in Märkisch Oderland in ein Haus verschleppt und angekettet – Freiheitsberaubung.
In „Durch die Hölle“ findet der Leser viel direkte Rede. „Es springt gleich ins Auge, die Erzählung wird so sehr dicht, zieht in die Handlung rein“, erklärt Hesse. Auch vor Beleidigungen wie „Du verlogene Hure!“ schreckt der Autor nicht zurück.
„Das Leben ist eben vielschichtiger, als ein rein juristischer Aspekt, wie eine Gewalttat“, findet der 57-Jährige. Die Menschen dahinter interessieren ihn. Deshalb beruhen alle Geschichten auf „wahren Kriminalfällen“, also Mandanten, die Hesse selbst als Anwalt vertreten hat. In der Kanzlei sitzt er bis 19 Uhr. Wenn die Tochter dann im Bett liegt, schnellen seine Finger über die Tastatur – jeden Tag. „Selbst im Urlaub schreibe ich auf dem Notebook“, sagt Hesse.
Bei „Durch die Hölle“ sei die Kunst die Sprache, so der promovierte Literaturwissenschaftler. So wird im ersten Fall „Sieben Leben“ die ältere Dame Paulina Persokeit derart detailliert und zugleich lebendig beschrieben, dass der Leser ihr den lebenslangen Groll, den die Figur gegen ihr Dorf und ihre Familie hegt, sofort abnimmt. „Ich will Menschen nicht nur auf die roten Aktendeckel der Staatsanwaltschaft minimieren“, erläutert Hesse.
So auch bei der Geschichte über den Jura-Studenten, der seine Eltern zerstückelte. „Aus juristischer Persektive ist diese Tat irrelevant“, so der Anwalt. Der Student habe gemordet und darauf stehe lebenslänglich. Durch Versachlichung versucht Hesse den Täter „lesbar“ und verständlich zu machen. Was mache man also mit seinen toten Eltern? Die Leichen beseitigen oder sich der Polizei stellen?
Viele Täter gleichen sich in ihrer Biografie: Verkorkste Kindheit durch prügelnde und saufende Väter, falsche Freunde. „Er hatte nie eine Chance in unserer Gesellschaft“, sei ein von Hesse oft vorgetragenes Plädoyer. „Da versagt die Gesellschaft“, urteilt der Anwalt. Das Jugendamt werde meistens erst aktiv, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen sei.
Genaues Beobachten sei wichtig fürs Schreiben, als auch für den Anwaltsberuf – und Menschenkenntnis. „Ich habe das Jurastudium als Brotstudium gewählt.“ Schreiben ist sein Hobby.
Und das Ende? Ein Happyend ist ihm in seinen Büchern nicht wichtig. „Das Leben geht ja trotz Rückschlägen auch weiter“, sagt Hesse. Der kurze Realitätsauschnitt, den er als Jurist bekomme, störe ihn eher. Nach der Urteilsverkündung gehe es ja weiter, deswegen brauche der Mensch auf die Strafe wieder eine Chance. Differenzieren sei wichtig, deswegen müsse von Fall zu Fall entschieden werden – auch wenn die Tat höllisch ist.